Letzte Tage im All Astronaut Gerst freut sich auf Pizza und den Wald

Noch ein paar Tage, dann geht's zurück zur Erde: In seinem letzten Interview auf der Raumstation ISS spricht der deutsche Astronaut Alexander Gerst über Dinge, die er im All vermisst hat. Und er erklärt, warum man dort einen dicken Kopf bekommt.

Von Alexander Stirn


Er ist füllig geworden, vor allem im Gesicht, wirkt gut genährt, gut trainiert. 155 Tage im All haben beim deutschen Astronauten Alexander Gerst ihre Spuren hinterlassen. Zu seinem Glück muss der 38-Jährige allerdings nicht mehr lange durchhalten: Am 10. November soll es zurückgehen zur Erde.

Doch Gerst sieht den bevorstehenden Rückflug durchaus zwiespältig - mit einer Mischung aus Vorfreude auf die Erde und Wehmut über den Abschied, wie er am Donnerstag sagte. Da hat sich der Geophysiker zum letzten Mal Fragen von Journalisten gestellt, die der ISS aus dem Kontrollzentrum in Oberpfaffenhofen unweit von München zugeschaltet waren.

Hat er wirklich zugenommen? Gerst lacht. "Nein, der kräftigere Ausdruck im Gesicht ist lediglich Ergebnis einer normalen physiologischen Reaktion." Die menschlichen Beine sind es gewohnt, Flüssigkeit im Körper nach oben zu drücken. Sie hören damit auch nicht auf, wenn die Erdanziehungskraft - wie auf der ISS - dauerhaft ausgeschaltet wird. Die Folge ist ein leicht aufgedunsenes Gesicht. Seine Masse, versichert Gerst, sei jedoch gleich geblieben.

Die zweieinhalb Stunden Training pro Tag, die jeder Astronaut absolvieren muss, haben dennoch ihre Spuren hinterlassen. Die Muskeln, insbesondere die Oberschenkel, haben durch das häufige Radfahren zugelegt. Andere Muskelgruppen hätten mit Sicherheit abgebaut, sagt Gerst. "Welche das sind, werde ich in einigen Tagen spüren, nach der Rückkehr zur Erde." Noch schmunzelt er bei dem Gedanken daran.

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Alexander Gerst: Meisterleistung beim Spacewalk
Knapp zwölf Tage bleiben ihm noch auf der Station. Gerst hat schon angefangen, sie zu zählen. Natürlich bei Twitter, wo ihm inzwischen fast 180.000 Menschen folgen, wo er die Massen mit Bildern von Erde und Raumstation unterhält. Ob er denn überhaupt zurückwill? "Ja, auf alle Fälle, ich hatte noch nie in meinem Leben den Drang, für immer irgendwohin zu fahren", sagt Gerst. "Mit jedem Schritt von zu Hause weg, mit jedem Blick aus der Ferne lernt man mehr über seine Heimat und über sich selbst. Das finde ich eine großartige Erkenntnis, das möchte ich gerne teilen."

Von Heimweh will er nicht sprechen, so manches hat Gerst während seiner fünfmonatigen Mission allerdings vermisst: Familie, Freunde und seine Lebensgefährtin, trotz der regelmäßigen Telefonate. Pizza und Burger, zumindest dann, wenn beim abendlichen Filmeschauen einer der Schauspieler genussvoll zubiss. Und das Grün, die Natur - ganz besonders als ihm vor Kurzem ein Freund das Foto eines Herbstwaldes mailte. "Da bekam ich plötzlich Lust, im Wald zu joggen, den Geruch aufzusaugen", sagt der Astronaut. "Das sind so Dinge, die man sehr vermisst - und daran sieht man auch, wie sehr ich mich freue, wieder zurückzukehren."

Während der Körper sichtbar Probleme mit der Schwerelosigkeit hat, scheint sich die Psyche sehr gut darauf einzustellen. "Schwebende Dinge? Für das Gehirn fühlt sich so etwas nach einer Weile völlig selbstverständlich an", sagt Gerst und lässt wie zur Bestätigung das drahtlose Mikrofon vor seinem Gesicht kreisen.

"Manchmal muss man sich dann ganz bewusst sagen: Hoppla, eigentlich ist das nicht normal." Der Geophysiker verbindet diese Erkenntnis auch gleich mit einer Botschaft: Die Menschen sind offenbar so anpassungsfähig, dass sie auch längere Zeit im All verbringen können - für Reisen zum Mars oder noch weiter weg.

Es sind Sätze, die seine Vorgesetzten gern hören. Auch sonst herrscht in Oberpfaffenhofen Zufriedenheit: "Alex hat nahezu alle geplanten Experimente durchgeführt oder zumindest gestartet", sagt Volker Schmid, ISS-Programmmanager beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

Nicht immer lief dabei alles wie geplant. Beim Elektromagnetischen Levitator (EML), einem in Deutschland entwickelten Schmelzofen, klemmte beispielsweise ein Bolzen. Nach langer Diskussion mit der Bodenkontrolle griff Gerst zur Säge, sprühte den Bolzen mit Rasierschaum ein und verhinderte so, dass Späne durch die Station flogen. "MacGyver-Art", nennt der Astronaut sein Vorgehen und lächelt spitzbübisch. MacGyver hieß das Improvisationsgenie der gleichnamigen Fernsehserie, das etwa eine Bombe mit einer Büroklammer entschärfte.

Für Gerst waren es arbeitsreiche Monate, bei denen sogar das ein oder andere Wochenende draufging. "Ich bin daher sehr froh, dass zumindest mein letztes Wochenende so gut wie frei ist", sagt Gerst. Wenn nichts dazwischenkommt, will er in der "Cupola" abhängen, der Aussichtskuppel der ISS. Er will Musik hören, den Ausblick genießen, mal keine Bilder machen, mal nicht twittern. Einfach die Stimmung aufsaugen, die Erinnerungen im Kopf verankern. Beim Gedanken daran klingt der Raumfahrer fast schon wehmütig. "Das gibt mir", sagt der Geophysiker, "noch einmal ein bisschen Zeit, mich von der ISS zu verabschieden."

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musca 31.10.2014
1. Bald ist er ja wieder zu Hause.
Muss wohl ein unbeschreibliches Gefühl sein, nach fast 6 Monaten im All und der Schwerelosigkeit, wieder zurück zu sein - die meist nicht so sanfte Landung in der kasachischen Steppe, das mühsame Aussteigen, der erste Atemzug draussen, ausserhalb von Lebenserhaltungssystemen - wieder zurück auf die Erde, die Schwerkraft ist auf einmal wieder da. Und die Jahreszeit ist auch eine andere geworden, gestartet im Spätfrühjahr zurück im Herbst. Wünsche den Kosmo und Astronauten ein glückliche und vor allem sichere Rückkehr nach Hause, zurück zu Mutter Erde.
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