Astronautin gesucht Initiative will deutsche Frau ins All bringen

Eine deutsche Frau im All - und zwar noch vor dem Jahr 2020. Das will eine neue Privatinitiative erreichen. An ihrer Spitze steht eine Raumfahrtmanagerin, die einst selbst zu den Sternen wollte.

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Internationale Raumstation ISS (Mai 2011)
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Internationale Raumstation ISS (Mai 2011)


Es ist schon möglich, dass Claudia Kesslers ganz großer Traum wirklich nur an einer Formalie gescheitert ist. Als im August 1986 die Vorgängerorganisation des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) nach Freiwilligen für einen Flug ins All suchte, war als Qualifikation auch ein abgeschlossenes Studium gefragt. Kessler jedoch steckte damals noch mitten in ihrer Ausbildung an der TU München. Sie kam also nicht in Frage, um mit dem Spacelab in einem US-Space-Shuttle abzuheben. Eine neue Ausschreibung ließ dann für Kesslers Zwecke zu lange auf sich warten - und so wurde es für sie nichts mit dem Flug ins All.

Für sie nicht - und für alle anderen Frauen in Deutschland auch nicht. Beinahe vier Jahrzehnte nachdem mit Sigmund Jähn der erste deutsche Mann in den Weltraum geflogen ist, hat das Land bis heute keine Raumfahrerin. Doch Claudia Kessler will das nun mit einer großen öffentlichen Kampagne ändern. Noch vor 2020 will sie dafür sorgen, dass es eine deutsche Raumfahrerin gibt. Wie erfolgreich dieser Plan sein kann, wird sich zeigen. Die Umsetzung würde wohl Dutzende Millionen Euro kosten, von denen bislang noch nicht klar ist, woher sie kommen.

Auf einer Veranstaltung in der Landesvertretung von Bremen in Berlin will Kessler am Dienstagabend den Start einer Initiative namens "Die Astronautin" verkünden. Diese soll mit privaten Spenden und Crowdfunding dafür sorgen, dass Deutschland genau das bekommt: eine Astronautin.

Sigmund Jähn (ein Flug, fast acht Tage im All): Der NVA-Militärpilot aus dem Vogtland war der erste Deutsche im All. Im August 1978 startete er in der sowjetischen Kapsel "Sojus 31" ins All - und umkreiste in der Raumstation "Saljut 6" 125 Mal die Erde. Bei der Rückkehr Jähns gab es Probleme. Der Fallschirm löste sich nicht von der Kapsel, die daraufhin durch die Steppe geschleift wurde. Jähn erlitt einen Wirbelsäulenschaden. Nach der Wende arbeitete er weiter als Berater im Raumfahrtbereich.

Ulf Merbold (drei Flüge, fast 50 Tage im All): Ende November 1983 flog Merbold als erster Nicht-US-Bürger mit einem Space Shuttle ins All, als Nutzlastspezialist bei der Mission mit dem Kürzel STS-9. Neun Jahre später, im Januar 1992, durfte Merbold dann wieder für eine Woche im Shuttle fliegen, auf der Mission STS-42. Sein letzter Aufenthalt im All war gleichzeitig der längste. Einen Monat lang war Merbold im Herbst 1994 Gast auf der russischen Raumstation "Mir".

Reinhard Furrer (l., ein Flug, sieben Tage im All): Zusammen mit zwei anderen Europäern, dem Deutschen Ernst Messerschmid (r.) und dem Niederländer Wubbo Ockels (M.), startete Furrer Ende Oktober 1985 zur D1-Mission im US-Space-Shuttle "Challenger". Furrer war begeisterter Sportpilot. Er starb im September 1995 bei einem Flugzeugabsturz auf dem Flugplatz Johannisthal. Zusammen mit einem Pilotenkollegen war er in einer historischen Maschine aus dem Zweiten Weltkrieg geflogen, die bei einer nicht fachgerecht ausgeführten Kunstflugfigur auf den Boden aufschlug.

Ernst Messerschmid (ein Flug, sieben Tage im All): Er war außer Furrer der zweite Deutsche an Bord der "D1"-Mission, des ersten von Deutschland finanzierten Flugs des Raumlabors "Spacelab" an Bord der "Challenger". Nach seiner Rückkehr lehrte er unter anderem an der Uni Stuttgart und war zeitweise Leiter des Esa-Astronautenzentrums in Köln.

Klaus-Dietrich Flade (ein Flug, fast acht Tage im All): Er war der erste Deutsche auf der russischen Raumstation "Mir". Flade flog im März 1992 eine Woche lang als Wissenschaftsastronaut der "Mir 92"-Mission dorthin. Später arbeitete er als Testpilot für Airbus.

Hans Schlegel (zwei Flüge, fast 23 Tage im All): Der erste Flug des Physikers war ein deutsches Doppel. Ende April 1993 ging es zusammen mit Ulrich Walter an Bord des Shuttles "Columbia" für zehn Tage ins All. 13 Jahre später durfte Schlegel noch einmal in ein Shuttle zurückkehren - und zur ISS fliegen. Bei diesem Flug, der Mission "STS 122", brachte er das europäische Labor "Columbus" ins All. Schlegel ist mit einer früheren Kollegin verheiratet. Seine Frau Heike Walpot war ebenfalls Astronautin, durfte aber nie in den Weltraum.

Ulrich Walter (ein Flug, fast zehn Tage im All): Zusammen mit Hans Schlegel war der Physiker Walter im Frühjahr 1993 für fast zehn Tage im Weltraum. Die meisten Experimente der "D2"-Mission befassten sich mit Biologie und Materialwissenschaften. Nach seiner Rückkehr arbeitete er unter anderem beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und bei IBM. Seit dem Frühjahr 2003 ist er Lehrstuhlinhaber an der TU München.

Thomas Reiter (zwei Flüge, mehr als 350 Tage im All): Er ist der Rekordhalter; länger als Reiter war kein Deutscher im All. Zum ersten Mal hob er im September 1995 ab, an Bord des russischen Transporters "Sojus TM-22". Er war Teil der 20. Langzeitbesatzung der "Mir". Seine zweite Reise unternahm er mit der Shuttle-Mission "STS-121" zur Internationalen Raumstation ISS. Auch auf dieser Station war er Langzeitgast für 166 Tage. Später war Reiter im Vorstand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) , dann Esa-Direktor für bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb.

Reinhold Ewald (ein Flug, fast 20 Tage im All): Mit dem russischen Transporter "Sojus TM-25" flog Ewald im Februar 1997 zur russischen Raumstation "Mir". Während seines Aufenthalts dort brach auf der Station ein Brand in einem Sauerstoffgenerator aus. Die Besatzung konnte das Feuer aber gerade noch rechtzeitig löschen.

Gerhard Thiele (ein Flug, gut elf Tage im All): Mit der Mission "STS-99" flog er im Februar 2000 ins All. Bei der Mission wurden 80 Prozent der Erdoberfläche kartiert. Nach dem Flug arbeitete er eine Zeit lang für die Nasa, später wurde er Chef des Astronautenzentrums der Esa in Köln.

Alexander Gerst (ein Flug, mehr als 165 Tage im All): Der Geophysiker gehört zur aktuellen Astronautenklasse der Esa. Im Jahr 2014 war er für die Mission "Blue Dot" auf der ISS - und damit der dritte Deutsche auf der Station. Bei einem Außeneinsatz half er, eine defekte Kühlpumpe auszutauschen.

Kessler ist inzwischen Top-Managerin einer auf die Raumfahrtbranche spezialisierten Personalvermittlung, die unter anderem die Europäische Weltraumorganisation (Esa) mit Fachkräften versorgt. Sie hat 25 Jahre im All-Metier gearbeitet. Nun will sie eine Raumfahrerin zur ISS vermitteln. "Unser erstes Ziel ist es nachzuweisen, dass es genügend interessierte und qualifizierte Frauen gibt", sagt sie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Nur zwei deutsche Männer im Esa-Korps

Bis Ende April läuft die Bewerbungsfrist. Kessler sagt, sie rechne mit etwa 500 Bewerbungen. Wenn man sich aber das große Interesse bei der letzten Nasa-Ausschreibungsrunde ansehe - es gab mehr als 18.000 Bewerber -, könnten es aber auch deutlich mehr werden, hofft sie. Im Oktober jedenfalls wolle man zwei Kandidatinnen fürs Training präsentieren. Spötter könnten nun einwenden, die Initiative sei nur eine große Werbekampagne für Kesslers Personalfirma. Doch darauf angesprochen kontert sie: Irgendwo müsse man schließlich anfangen. Und die passenden Frauen zu finden, sei nun mal der erste Schritt.

Elf Männer, null Frauen - dass es unter den deutschen Raumfahrern ein Missverhältnis gibt, das hat inzwischen sogar die Politik wahrgenommen. So hat die zuständige Wirtschaftsstaatssekretärin Brigitte Zypries erklärt: "Deutschland könnte nach elf Männern auch mal eine Frau ins Weltall schicken." Das sei jedenfalls ihre "persönliche Präferenz", so die SPD-Politikerin.

Doch von der Diagnose des Geschlechter-Missverhältnisses zu einer Lösung des Problems ist es durchaus ein weiter Weg. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Deutschland keine nationalen Raumfahrer mehr hat. Die beiden aktiven Astronauten Hans Schlegel und Alexander Gerst gehören zum Europäischen Astronautenkorps. Über ihren Einsatz wird nicht in Berlin entschieden, sondern letzten Endes am Hauptsitz der Europäischen Weltraumorganisation Esa in Paris.

Alexander Gerst im Training (in Köln, Dezember 2011): Jahrelang hatte sich der Geophysiker auf seinen Einsatz im All vorbereitet, unter anderem am Europäischen Astronautenzentrum in Köln. Lesen Sie hier mehr dazu...

Vor dem Abflug ins All (in Baikonur, 28. Mai 2014): Hier holen sich Gerst (l.) sowie seine Kollegen Maxim Surajew und Reid Wiseman (r.) den offiziellen Marschbefehl für ihren Einsatz. Lesen Sie hier mehr dazu...

Start im Raumschiff "Sojus TMA-13M" (in Baikonur, 28. Mai 2014): Der Flug verlief ohne Probleme. Die Kapsel brauchte nur sechs Stunden zur ISS - dank einer relativ neuen Anflugtechnik der Russen. Lesen Sie hier mehr dazu...

Beim Außeneinsatz an der ISS (7. Oktober 2014): Gerst war der Dritte, der einen Ausstieg ins freie All wagen durfte. Zusammen mit einem Kollegen reparierte er unter anderem eine defekte Kühlpumpe. Lesen Sie hier mehr dazu...

Rasur nach gewonnener Wette (27. Juni 2014): Gerst (l.) rasiert seinem US-Kollegen Steve Swanson das Kopfhaar ab. Vorausgegangen war eine Wette zum WM-Spiel Deutschland-USA - und ein 1:0-Sieg der Löw-Elf.

Faszinierende Fotos: Regelmäßig schickte Gerst faszinierende Fotos aus dem All zur Erde. So auch dieses Bild des Polarlichts. Auf Twitter berichtete er immer wieder vom Alltag auf der Station. Lesen Sie hier mehr dazu...

Antwortgeber (22. August 2014): Geduldig beantwortete Gerst während seiner Zeit im All Fragen von der Erde - auch von SPIEGEL-ONLINE-Lesern. Lesen Sie hier mehr dazu...

Selfie mit Kollegen (November 2014): Gerst und seinen Kollegen war es immer wieder wichtig zu demonstrieren, dass im All alle politischen Spannungen auf der Erde egal sind. Die multinationale Crew setzte sich immer wieder als Gruppe von Freunden in Szene.

Nach der Landung (bei Arkalyk in Kasachstan, 10. November 2014): Der Ritt in einer "Sojus"-Kapsel durch die immer dichter werdende Erdatmosphäre kann kein Spaß sein. Raumfahrer vergleichen das Gefühl des Aufpralls mit einem Autounfall. Dafür macht Gerst aber zumindest einen entspannten Eindruck. Lesen Sie hier mehr dazu...

Ehrung durch den Bundespräsidenten (in Berlin, 13. Januar 2015): Gerst erhielt rund zwei Monate nach seiner Rückkehr das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse von Joachim Gauck. "Ich bin froh und glücklich, dass ich in einem Land aufwachse, wo wir die freie Wahl haben, freie Berufswahl, wo wir etwas studieren können, auch wenn unsere Eltern vielleicht nicht reich sind", sagte Gerst in der Dankesrede. Nun fühle er die Verantwortung, ein bisschen was zurückzugeben und selbst junge Menschen zu inspirieren. Lesen Sie hier mehr dazu...

Mit Kanzlerin Merkel (in Berlin, 5. Februar 2015): An allerhöchster Stelle durfte der Raumfahrer von seinen Erlebnissen berichten.

Und dort wäre man auch gefragt, wenn neue Kandidaten - beziehungsweise eine Kandidatin - nominiert werden sollte. "Wir haben im Moment leider keine deutsche Kandidatin im Astronautenkorps", hat Esa-Generaldirektor Johann-Dietrich Wörner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt. Und auch unter den letzten zehn oder 20 Bewerbern, die es bei der letzten Auswahlrunde im Jahr 2008 ganz knapp nicht ins Astronautenkorps geschafft hätten, sei keine Frau aus Deutschland gewesen.

"Die Zeit ist einfach reif"

Wenn Deutschland wolle, könne es selbst eine eigene deutsche Astronautin finanzieren, hatte Wörner eine mögliche Lösung des Problems skizziert. Aus der Politik gab es jedoch keine entsprechenden Signale. Hier will Claudia Kesslers Initiative nun ansetzen - mit privatem Geld. Im Moment kostet nach Esa-Angaben ein Touristenflug mit einem "Sojus"-Raumschiff zur ISS rund zehn Tage 30 Millionen Dollar. Dafür würde sich ein zehntägiger Aufenthalt kaufen lassen. Kessler sagt, die Initiative kalkuliere mit 40 Millionen Euro. Man sei sowohl mit den Russen als auch dem US-Unternehmen SpaceX im Gespräch. Vorverträge oder ähnliches gebe es aber noch nicht.

Wie soll nun das nötige Geld zusammenkommen? Man wolle Sponsoren ansprechen, sagt Kessler. Aus den Branchen Pharma, Kosmetik und Sportartikel zum Beispiel: "Wir haben erste Kontakte." Eine Frau im All könnte ein starkes Symbol sein, glaubt sie. Vor allem dafür, dass technische Ausbildungen und Berufe im Allgemeinen und die Raumfahrt im Speziellen keine Männerdomänen sind.

Wenn es darum geht, Mädchen und Frauen für eine Karriere in diesem Bereich zu begeistern, könnten Vorbilder vielleicht wirklich hilfreich sein. Die beiden Frauen jedenfalls, die es beinahe für Deutschland ins All geschafft haben, kennen heute nur noch Raumfahrt-Enthusiasten. Die Meteorologin Renate Brümmer und die Ärztin Heike Walpot waren, im Gegensatz zu Kessler, lange Zeit noch im Rennen für einen "Spacelab"-Flug. Doch dann wurde Walpot nach dem Training aussortiert - und auch Brümmer flog als Ersatzkandidatin nie ins All.

"Die Zeit ist einfach reif", sagt Claudia Kessler nun. Doch wie lässt sich verhindern, dass eine Raumfahrerin mit einem Kurzflug zur Internationalen Raumstation nur eine Art besseres Maskottchen wird? "Wir versuchen, ein wissenschaftliches Programm auf die Beine zu stellen", sagt Kessler. Dafür sei man auch mit DLR und Esa im Gespräch.

Fragt man dort jedoch nach, weiß man noch nicht allzu viel mehr von der Initiative, als dass es sie eben gibt. Claudia Kessler wird noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Aber sie hat ja auch gerade erst angefangen. Und vielleicht klappt es ja diesmal mit ihrem Traum. Auch wenn es dann eine andere sein wird, die ihn lebt.

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