Astronomie Hunderte Schwarze Löcher treiben durch die Milchstraße

In der Milchstraße gehen uralte Fressmonster um: Neue Berechnungen von Astronomen haben ergeben, dass wahrscheinlich Hunderte Schwarze Löcher durch die Außenbezirke unsere Galaxie treiben. Sie sind Überbleibsel einer fernen Vergangenheit.


Es klingt wie ein Szenario aus einem zweitklassigen Science-Fiction-Film: Schwarze Löcher, die unerkannt zwischen den Sternen treiben und alles fressen, was unglücklich genug ist, ihnen zu nahe zu kommen. Doch das Szenario ist Realität, sollten Ryan O'Leary and Avi Loeb vom Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics in den USA Recht behalten.

Schwarzes Loch (Fotomontage): Hunderte Einzelgänger in den Außenbezirken unserer Galaxie
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Schwarzes Loch (Fotomontage): Hunderte Einzelgänger in den Außenbezirken unserer Galaxie

Die Forscher haben berechnet, dass Hunderte Schwarze Löcher in der Milchstraße unterwegs sein könnten. "Sie sind Relikte aus der Vergangenheit", sagt Loeb. "Man könnte sagen, dass wir Archäologen sind, die mehr über die Geschichte der Milchstraße und der Entstehung von Schwarzen Löchern im jungen Universum erfahren wollen."

Der gängigen Theorie zufolge lauerten Schwarze Löcher ursprünglich in den Zentren winziger Galaxien mit geringer Masse. Über die Jahrmilliarden kollidierten immer mehr dieser Zwerggalaxien und bildeten wahre Giganten wie die Milchstraße. Dabei verschmolzen auch die Schwarzen Löcher - doch die Schwerkraftstrahlung, die dabei wirkte, schleuderte so manchen Vielfraß aus seiner Galaxie heraus.

Kleine, massearme Galaxien können die Löcher nicht festhalten. Große Sternsysteme wie die Milchstraße aber besitzen eine so große Anziehungskraft, dass geschleuderte Schwarze Löcher nicht vollständig entfliehen können - sie treiben seitdem in der Umgebung.

Zahlreiche gefräßige Einzelgänger

Hunderte solcher Einzelgänger sind vermutlich in den Außenbezirken der Milchstraße unterwegs, jeder einzelne mit so viel Masse wie 1000 bis 100.000 Sonnen, schreiben O'Leary und Loeb in den "Monthly Notices" der britischen Royal Astronomical Society. Dennoch wären sie kaum zu entdecken: Schwarze Löcher werden nur dann sichtbar, wenn sie Materie verschlucken und dabei erhitzen.

Astronomen suchen deshalb nach anderen verräterischen Zeichen. Eines davon ist, wenn ein Schwarzes Loch auf seinem Weg aus seiner Galaxie eine Reihe von Sternen mit sich gerissen hat. Da allerdings nur die Sterne aus der direkten Umgebung des Molochs betroffen wären, wäre der resultierende Sternhaufen extrem kompakt - so dass er auf den ersten Blick aussähe wie ein einzelner Stern.

Astronomen, schreiben O'Leary und Loeb, müssten deshalb nach subtileren Zeichen Ausschau halte. Das Spektrum des Haufens müsste etwa zeigen, dass es von zahlreichen Sternen herrührt. Zudem müssten sich die einzelnen Sterne innerhalb des Haufens extrem schnell bewegen und in ihren Bahnen von der Gravitation des Schwarzen Lochs beeinflusst werden.

Leuchttürme im All

"Der umgebende Sternhaufen verhält sich wie ein Leuchtturm, der vor einem gefährlichen Riff warnt", sagt O'Leary. "Ohne ihn wären die Schwarzen Löcher praktisch unauffindbar." Unklar ist, wie viele Vielfraße genau in der Milchstraße umhergeistern. Das hänge davon ab, wie viele der kleinen Galaxien, die einst die Milchstraße formten, ein Schwarzes Loch in ihrem Inneren hatten. Die Fressmonster zu finden und zu studieren, könnte neue Details über die Geschichte der Milchstraße verraten, hoffen die Forscher.

Durch die Veröffentlichung ihrer Berechnungen müssten die kosmischen Einzelgänger relativ leicht zu finden sein, meinen O'Leary und Loeb. "Bisher haben Astronomen nicht nach kompakten Sternhaufen in den Außenbezirken der Milchstraße gesucht", sagt Loeb. "Jetzt, wo wir wissen, wonach wir Ausschau halten müssen, können wir bereits vorhandene Daten nach dieser neuen Klasse von Objekten durchsuchen."

Gefahr für die Erde besteht übrigens nicht: Das nächstgelegene Schwarze Loch ist den Berechnungen zufolge Tausende Lichtjahre entfernt.

mbe



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