Astronomie Rezept für einen Kometen

Dreckige Eisbälle oder eisige Dreckbälle - viel differenzierter war das Wissen über das Innere von Kometen bisher nicht. Vor einem Jahr haben Forscher mit Gewalt einem der Schweifsterne seinen Inhalt entlockt - und präsentieren jetzt ein Kometen-Rezept.


Silizium und Kohlenstoff, Karbonate, Wasser und Eis - das sind die wesentlichen Zutaten für eine Kometensuppe, wie US-Wissenschaftler es jetzt vorgelegt haben. Auf diese Art präsentieren sie ein durchaus ernsthaftes Forschungsergebnis: Sie haben Aufnahmen des Kometen Tempel 1 ausgewertet.

Es handelt sich nicht etwa um gewöhnliche Fotos, die das Weltraumteleskop "Spitzer" im Sommer 2005 von Tempel 1 gemacht hatte. Die US-Raumsonde "Deep Impact" hatte gerade ein 372 Kilogramm schweres Projektil ausgeklinkt und den Kometen damit beschossen. Mit 37.000 Kilometern pro Stunde schlug das Metallteil auf die Oberfläche von Tempel 1, riss einen riesigen Krater in den Himmelskörper und wirbelte ordentlich Staub auf. Die schnellsten Teilchen flogen mit Überschallgeschwindkeit davon - eine riesige Dreckwolke war die Folge.

Gerade auf die hatten es die Astronomen abgesehen. Aus den Spektrallinien des Lichts, das "Spitzer" auffing, konnten sie berechnen, welche Substanzen in dem Material steckten, das der Beschuss durch "Deep Impact" aufgewirbelt hatte. Carey Lisse von der Johns Hopkins University in Baltimore und seine Kollegen veröffentlichten in der Wissenschaftszeitschrift "Science" nun die Ergebnisse dieser Spektralanalyse.

Einblick durch Beschuss

Die vielgestaltige Zusammensetzung des Kometen hat die Forscher überrascht: Er enthielt ebenso Eis wie kristalline Silikate, die sich nur bei Temperaturen von mehr als 700 Grad Celsius bilden können. Ebenfalls enthaltener Lehm und Karbonate können nur in wasserhaltigen Umgebungen entstanden sein. Irgendein Mechanismus zur Vermischung dieser Materialen müsse in den frühen Tagen des Sonnensystems verfügbar gewesen sein, folgern die Wissenschaftler.

Vor 2005 konnten Astronomen und Astrophysiker nur über den Kern eines Kometen spekulieren, indem sie jenes Material analysierten, das er während seines Fluges von der Oberfläche absonderte. Ob dies repräsentativ für das Innere des Himmelskörpers war, konnte niemand sagen. Die neuen Daten weisen auf das Gegenteil hin. "Es gibt nun zunehmend Hinweise darauf, dass Kometen sich durch die Sonneneinstrahlung von ihrem Ausgangszustand aus weiterentwickelt haben, bis ihre Oberflächen versiegelt waren", schreiben Lisse und seine Kollegen. "Das ursprüngliche Material des Sonnensystems ist unter dieser veränderten Oberflächenschicht versteckt."

Das Kometenrezept bringt sie da einen Schritt voran. "Die Eigenschaften der Auswürfe des Kometen Tempel 1 sind eine gute Darstellung jenes Materials, aus dem der Komet sich geformt hat", schreiben Lisse und Kollegen.

stx



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