Astronomische Ausblicke Gerupfte Galaxie

Die Folgen einer gigantischen Explosion haben Astronomen auf dem Röntgenbild einer Galaxie ausgemacht. Hinter der fernen Katastrophe steckt möglicherweise ein Schwarzes Loch.


Von einer mächtigen Explosion zerzaust: Galaxie NGC 4636
NASA/CXC/SAO/C

Von einer mächtigen Explosion zerzaust: Galaxie NGC 4636

Im Sternbild Jungfrau spielt sich offenbar ein Inferno von enormen Ausmaßen ab: Die Galaxie NGC 4636, zugleich Verursacher und Opfer, wird von einer gigantischen Explosion erschüttert. Wie eine nun veröffentlichte Aufnahme des fliegenden Röntgenobservatoriums Chandra zeigt, leidet darunter auch die elliptische Form der rund 50 Millionen Lichtjahre entfernten Welteninsel.

Das Bild

Die Aufnahme der Galaxie enthüllt ein Paar ungewöhnlicher Arme aus Gas, die vom Kern ausgehen. Diese Auswüchse erstrecken sich 25.000 Lichtjahre weit bis in eine glühende Gaswolke, mit der sich NGC 4636 umgibt. Mit einer Temperatur von zehn Millionen Grad Celsius sind die beiden bogenförmigen Fortsätze allerdings noch 30 Prozent heißer als die Galaxienhülle.

Dieser Temperaturunterschied sowie die Form der beiden Gasbögen deuten Astronomen zufolge auf einen gewaltigen Ausbruch hin, der sich im Zentrum der Galaxie ereignet hat. "Seine Energie würde der von mehreren Hunderttausend Supernova-Explosionen entsprechen", schätzt Christine Jones vom Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics in Cambridge, Massachusetts, die das Röntgenbild zusammen mit Kollegen analysiert hat.

Nach Interpretation der Forscher handelt es sich bei den Armen um die Vorderfront einer mächtigen Schockwelle, welche die Galaxie mit einer Geschwindigkeit von 700 Kilometern pro Sekunde durchläuft. Bei diesem Tempo hätten die Bögen drei Millionen Jahre benötigt, um ihre jetzige Form zu erreichen. Auf die Schockwellen-Theorie deuten zudem weniger dichte Bereiche, die sich links und rechts des Galaxienkerns in der Gashülle abzeichnen.

Der Hintergrund

Wie die Wissenschaftler vermuten, könnte die Explosion Teil eines majestätischen Kreislaufs sein, der NGC 4636 nicht zur Ruhe kommen lässt. Demnach kühlt sich der Gasmantel, der die Sterne der Galaxie umhüllt, über einen Zeitraum von mehreren Millionen Jahren immer weiter ab und fällt nach innen, wo sich ein massives Schwarzes Loch befindet. Die ständige Materiezufuhr führt dort schließlich zu einem Energieausbruch, der die umliegenden Gasmassen wieder erhitzt - der Ablauf beginnt aufs Neue.

Dieser Kreislauf könnte auch erklären, warum sich in NGC 4636 nicht jene starke Radiostrahlung beobachten lässt, die typisch für derartige Katastrophen ist. Möglicherweise, so spekulieren die Forscher, befindet sich die Galaxie in einem frühen Zustand des zerstörerischen Zyklus, in dem solche Strahlung noch nicht entsteht. Oder es handelt sich um einen neuen Typ von Ausbruch, der ganz ohne Radioemissionen abläuft - eine seltsam stille Explosion.

Die Kamera

Die Daten für das jetzt veröffentlichte Röntgenbild der zerzausten Ellipse hatte Chandra bereits bei zwei verschiedenen Beobachtungen in den Jahren 1999 und 2000 aufgezeichnet. Bei den Aufnahmen, die insgesamt fast 18 Stunden dauerten, kam das Advanced CCD Imaging Spectrometer des Satelliten zum Einsatz. Dieses Instrument registriert die vom Teleskopsystem gebündelten Röntgenstrahlen mit so genannten CCD-Chips, die in einfacherer Form auch in Digitalkameras verwendet werden.

Martin Paetsch



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