"ATV Evolution" So fliegt sich Europas Raumtransporter

Im Simulator zeigt sich: Der geplante europäische Weltraum-Transporter "ATV Evolution" ist knifflig zu fliegen. Astronauten aber wären aber froh, wenn er überhaupt irgendwann abheben würde. Finanzpolitiker müssen entscheiden, wieviel Unabhängigkeit im All sich Europa leisten will.

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So schwer dürfte es doch eigentlich gar nicht sein. Ein Korridor von immer kleiner werdenden grünen Quadraten zeigt den Weg zur Internationalen Raumstation. Wenn es gelingt, die Nase des Raumkapsel "ATV Evolution" immer in der Mitte dieser Quadrate zu halten, braucht man nur noch behutsam Gas geben und das Andockmanöver schnell hinter sich bringen - möchte man meinen.

In Wahrheit ist die Operation jedoch einigermaßen trickreich. Die Navigation ist gewöhnungsbedürftig, Steuerimpulse wirken lange nach - und schnell ist der Korridor verlassen. Zwei Balken links im Display zeigen den Abstand zur Raumstation und die Geschwindigkeit des sich nähernden Raumtransporters an. Das Manöver findet rund 400 Kilometer über der Erde statt, wo Kapsel und Station mit halsbrecherischen 28.000 Kilometern pro Stunde fliegen. Einmal begangene Fehler beim Anflug sind schwer zu korrigieren. Statt des anvisierten Andockpunkts haben ungeübte Raumfahrer schnell die fragilen Sonnensegel der Station im Visier, Bremsen unmöglich - Treffer und versenkt.

Auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin (ILA) stellt der Raumfahrtkonzern Astrium derzeit eine zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelte Studie für einen bemannten europäischen Weltraumtransporter aus. Gäste, die in dem sogenannten Mock-up Platz nehmen, können sich ein Bild von Europas möglicher Zukunft im All machen - und von den Schwierigkeiten des Astronautenberufs.

Iin einer komplett schwarzen Sektion der Raumfahrthalle auf der ILA steht ein hell erleuchtetes, begehbares Modell des europäischen "Columbus"-Moduls an der ISS. Nebenan, an einem Tisch mit vier Computermonitoren, erklären Mitarbeiter des Kontrollzentrums in Oberpfaffenhofen, wie die Kommunikation mit der Station funktioniert. Und dann, in einer anderen Ecke der Halle, der geplante Raumtransporter in Originalgröße. Schon der Einstieg durch die Tür mit dem runden Bullauge will gut vorbereitet sein: Wer die am Boden rund 3,30 Meter breite Kapsel betreten will, braucht zwar keinen Raumanzug, allerdings sind weiße Überschuhe Pflicht. Weil es derzeit nur ein Modell gibt, ist pflegliche Behandlung ein Muss.

Innen ist die Kapsel mit silbernem Textilmaterial ausgekleidet. Blaue Haltegriffe helfen beim Platznehmen am Boden - und später in der Schwerelosigkeit des Alls. Wichtigste Möbelstücke sind die mit schwarzem Leder bezogenen Liegesessel, auf denen man ausgesprochen bequem sitzt. Am rechten und am linken Platz gibt es Computer-Konsolen mit Touchscreens, die sich heranklappen lassen, so dass sie einem direkt vor der Nase stehen. Ein weiterer großer Schirm findet sich in der Mitte der Kapsel. An jedem Raumfahrerplatz gibt es ein Steuerpult mit einer Art Joystick, der die Bewegung der Kapsel in alle Richtungen erlaubt.

Der deutsche Astronaut Thomas Reiter hat seinen ersten Probeflug im "ATV Evolution" schon hinter sich. Für ihn, der auch die russischen Sojus-Raumschiffe per Hand steuern kann, war das Docking-Manöver kein Problem. Für das Design des geplanten europäischen Raumschiffs ist er voll des Lobs: "Die Kapsel ist deutlich geräumiger als die russischen Sojus-Schiffe", sagt Reiter im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

In der Tat fühlt man sich im "ATV Evolution" nicht komplett eingesperrt, der Innenraum wirkt geräumig. Doch im echten Einsatz dürfte noch einiges an Platz verloren gehen. In der Decke der Kapsel etwa wird der Docking-Adapter Platz brauchen. Durch diese Vorrichtung könnten die Astronauten von der Kapsel in die Raumstation umsteigen. Auch zusätzliches technisches Gerät muss noch im Innenraum verstaut werden. Denn bisher, das betonen Astrium-Mitarbeiter immer wieder, zeigt das in Berlin gezeigte Modell nur, wie das Raumschiff eines Tages aussehen könnte.

"Europa kann nicht für immer von anderen abhängig sein"

Genau genommen ist bisher noch nicht einmal klar, ob es das Schiff in dieser oder anderer Form überhaupt geben wird. Die Finanzierung steht nämlich noch nicht. Immerhin: Jean-Jacques Dordain, Chef der Europäischen Weltraumbehörde Esa, zeigt sich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE vorsichtig optimistisch. Der gutgelaunte Franzose mit der runden Hornbrille hat eine delikate Aufgabe: Er muss das Projekt den 17 Esa-Mitgliedstaaten schmackhaft machen. Denn nur wenn die Regierungen in den jeweiligen Hauptstädten genügend Geld locker machen, wird der Raumtransporter irgendwann abheben.

Deswegen ist Dordain ganz Diplomat, vorausschauend und zurückhaltend zugleich. Er sagt Sätze wie: "Ich glaube nicht, dass Europa für immer von anderen abhängig sein kann." Das klingt dann so, als sei er von dem Projekt begeistert. Dann sagt der Franzose aber auch, dass der Transporter "auf lange Sicht" entwickelt werden müsse - und keine anderen Esa-Projekte im Bereich der Wissenschaft oder der Dienstleistungen gefährden dürfe. "Am Ende müssen die Mitgliedstaaten entscheiden", sagt Dordain lächelnd.

Mit diesem vorsichtigen Manövrieren könnte er durchaus Erfolg haben. Die Minister der Esa-Staaten treffen sich im November in Den Haag - und könnten dabei zumindest beschließen, den bisherigen, unbemannten europäischen Raumtransporter ATV so umbauen zu lassen, dass er wieder zur Erde zurückkehren kann - zunächst nur mit Fracht, später auch mit Astronauten an Bord.

Die Raumfahrtbehörden in Deutschland, Italien und Frankreich machen sich für das Projekt eines bemannten Transporters stark. Gleichzeitig machen nationale Raumfahrtvorhaben wie etwa die angedachte deutsche Mondmission das Geld knapp. Geht es nach den Vorstellungen der Ingenieure von Astrium, könnte ein bemannter Raumtransporter im Jahr 2017 abheben.

In jedem Fall bleibt genug Zeit, um ein paar Flugstunden zu nehmen. Dann klappt's beim nächsten Mal vielleicht auch mit dem Anflug auf die ISS.

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