Bislang schwerster Brocken Astronomen entdecken Rekord-Stern

Er ist über 37 Millionen Mal schwerer als die Erde - und der erste Stern, bei dem Wissenschaftler mehr als 100 Sonnenmassen messen konnten. Kanadische Astronomen kombinierten Daten des "Hubble"-Weltraumteleskops und der Europäischen Südsternwarte für die Entdeckung.


Der Gigant ist rund 20.000 Lichtjahre von der Erde entfernt in der südlichen Milchstraße beheimatet – und leuchtet in einem berüchtigten Sternenkindergarten. Der Nebel NGC 3603 gehört wegen seines charakteristischen Spektrums zu den sogenannten Emissionsnebeln. Bislang erforschten Astrophysiker hier aber vor allem die Geburt kleiner, extrem heller Sterne. Das Schwergewicht ist nun eine echte Überraschung.

A1 – das ist der schlichte Name des Sterns – sei der schwerste Stern, dessen Masse jemals gemessen worden sei, sagte Anthony Moffat, Astronom von der Universität Montréal. Mit 114 Sonnenmassen liegt A1 nicht bloß an Platz eins der schwersten bekannten Sterne. Er ist auch der erste, der die Schwelle von 100 Sonnenmassen überschreitet.

Die Sonne hat rund 330.000-mal die Masse der Erde. Der Rekordstern A1 wiegt somit rund 37.620.000-mal soviel wie unser Heimatplanet, von dem aus er mit einigem technischem Aufwand beobachtet werden kann: Im Norden der chilenischen Atacamawwüste betreibt die Europäische Südsternwarte (Eso) das Paranal-Observatorium mit dem Very Large Telescope (VLT). Es besteht aus mehreren einzelnen Teleskopen, deren Messungen zusammengenommen eine deutliche höhere Auflösung als ein einzelnes Instrument erlauben ("Interferometrie").

Mit diesem Apparat konnten Moffat und seine Kollegen sogar Rückschlüsse auf die Bewegungen von A1 und seines Zwillingssterns ziehen. Sie maßen mit Hilfe des Dopplereffekts, wie schnell die Sterne sich umeinander drehen (ein Umlauf dauert nicht einmal vier Tage). In Kombination mit Bahndaten der beiden Sterne, die das Weltraumteleskop "Hubble" lieferte, konnte das Team aus Montréal dann berechnen: A1 hat 114, sein Begleiter immerhin 84 Sonnenmassen.

Bei 150 Sonnenmassen vermutet man die Grenzen der Physik

Beide Sterne seien dermaßen schwer und von so hoher Leuchtkraft, dass man im Spektrum ihrer Strahlung ein Muster sehe, wie es sonst nur für die exotischen Wolf-Rayet-Sterne üblich sei. Dabei handelt es sich um Sterne von bis zu 50 Sonnenmassen am Ende ihres Lebens. Sie befinden sich bereits im Helium-Brennen - und in ihren Spektren sieht man überwiegend helle statt dunkle Linien. Ganz ähnlich schaut es bei A1 aus. Das teilte Moffat beim Treffen der Canadian Astronomical Society in Kingston, in der Provinz Ontario mit.

Astrophysiker interessieren sich für die Giganten des Universums aus zwei Gründen: Man will wissen, wie massereich Sterne werden können. Theoretisch wurde eine Grenze für eine Größe von rund 150 Sonnenmassen vorhergesagt. Dann würde der Strahlungsdruck aus dem Inneren des Sterns die Gravitation übersteigen, welche die Masse zusammenhält. Er würde regelrecht auseinanderfliegen. Nur durch Beobachtungen besonders großer Exemplare aber kann diese Vorhersage bestätigt oder widerlegt werden.

Theorien über die Frühzeit des Universums gehen sogar von Sternen mit mehreren hundert Sonnenmassen – bei damals noch geringerem Strahlungsdruck - aus. Forscher interessieren sich für sie, da erst in ihnen die schweren Elemente entstehen konnten, die heute im Weltall und auf der Erde vorkommen.

stx



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