Boris Tschertok Russischer Raumfahrt-Pionier stirbt mit 99 Jahren

Bis zuletzt äußerte sich Boris Tschertok zur russischen Raumfahrt. Der Weggefährte des legendären Konstrukteurs Sergej Koroljow war am Sputnik-Start ebenso beteiligt wie beim ersten bemannten Flug ins All. Nun erlag der Raketenbauer einer Lungenentzündung.

Boris Tschertok (Archivbild von 2007): Jede Rakete war wie eine geliebte Frau
AP

Boris Tschertok (Archivbild von 2007): Jede Rakete war wie eine geliebte Frau


Moskau - Einer der Begründer des sowjetischen Raumfahrtprogramms ist tot. Der russische Raketenbauer Boris Tschertok starb am Mittwoch im Alter von 99 Jahren an einer Lungenentzündung, wie das staatliche Raumfahrtunternehmen RKK Energiya mitteilte. Dort war Tschertok bis zuletzt als Berater tätig.

Tschertok war lange Jahre Stellvertreter von Sergej Koroljow, dem Vater des sowjetischen Raumfahrtprogramms. Unter anderem war Tschertok beteiligt, als am 4. Oktober 1957 der erste Start eines Satelliten ins All erfolgte - und er war einer der verantwortlichen Konstrukteure des "Wostok"-Raumschiffs für Jurij Gagarin, der am 12. April 1961 als erster Mensch in All startete.

"Jede diese ersten Raketen war für uns wie eine geliebte Frau", sagte Tschertok vor Jahren einer Gruppe von Journalisten. "Wir würden unser Herz und unsere Seele geben, um sie fliegen zu sehen." In den vergangenen Jahren hatte Tschertok allerdings immer wieder den Niedergang der russischen Raumfahrt kritisiert, die seiner Meinung nach nicht zielstrebig genug gefördert wurde und dadurch hinter den einstigen Erzrivalen USA zurückgefallen ist.

Kooperation mit Indien und Kasachstan vorgeschlagen

Zum 50. Jahrestag des historischen Fluges seines Landsmanns Juri Gagarin im April dieses Jahres meldete sich Tschertok mit dem kühnen Vorschlag zu Wort, Russland sollte sich doch in der Raumfahrt mit Indien und Kasachstan zusammentun, um künftig in einer tripolaren Kosmoswelt auf Augenhöhe mit den USA und China zusammenarbeiten zu können. Der Vorschlag blieb bisher ohne Echo.

Geboren in Lodz zog Tschertok mit seiner Familie zu Beginn des Ersten Weltkriegs nach Moskau. Hier schloss Tschertok 1929 die Mittelschule ab, wurde aber wegen seiner "nichtproletarischen Herkunft" nicht zum Studium zugelassen. Er wurde Elektromonteur in einem Flugzeugwerk, fiel durch seine kommunistische Gesinnung und seinen Erfindergeist auf und absolvierte schließlich ein Abendstudium. Danach arbeitete er als Leitender Ingenieur für Spezialausrüstungen von Militärflugzeugen, für die er unter anderem eine automatische Bombenabwurfanlage konstruierte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Tschertok einer Gruppe von sowjetischen Experten an, die nach Deutschland reisten, um sich das Wissen der Nazis über Raketen anzueignen. Hier traf er auf Koroljow, mit dem er bis zu dessen Tod 1966 eng zusammenarbeitete.

Tschertok veröffentlichte Bücher zum Aufstieg des sowjetischen Raumfahrtprogramms bis zum verlorenen Rennen um den ersten Flug zum Mond. Sein Werk brachte erstmals Details des Programms ans Licht, das strenger Geheimhaltung unterlegen gewesen war. Auch die Namen der zuständigen Wissenschaftler blieben geheim. Tschertok durfte erst Ende der 1980er Jahre in Zeiten der Öffnung der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow wieder ins Ausland reisen.

wbr/dapd



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.