Charles Bolden: US-Senat bestätigt neuen Nasa-Chef

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Charles Bolden (bei einer Anhörung im US-Senat am 8. Juli): "Er wird für die bemannte Raumfahrt kämpfen"

Kurz vor dem 40. Jahrestag der Mondlandung ist der Ex-Astronaut Charles Bolden vom US-Senat als neuer Chef der Raumfahrtbehörde Nasa bestätigt worden. Allzu viel Zeit zum Feiern dürfte der neue Chef aber kaum finden: Bei der Nasa stehen wichtige Entscheidungen an.

In intimer Runde hatte sich Barack Obama den Kandidaten zuletzt noch einmal vorgenommen. Als Obama Charles Bolden am 19. Mai zum Plausch ins Weiße Haus einlud, war längst klar, dass der US-Präsident den Ex-Astronauten gern an der Spitze der US-Weltraumbehörde Nasa sehen würde. Beim Gespräch im gediegenen Ambiente des Roosevelt Rooms, genau gegenüber vom Oval Office, ging es vor allem darum, Bolden den Job schmackhaft zu machen. Doch der Kandidat ließ sich noch einige Tage Zeit.

Seit dem Rücktritt von Nasa-Chef Mike Griffin im Januar fehlte der US-Weltraumbehörde ein regulärer Chef - und Bolden, so glaubte man im weißen Haus, wäre der ideale Kandidat für das Amt. Seit Monaten war er als heißer Anwärter gehandelt worden. Nach einigen Tagen des Wartens sagte Bolden schließlich zu. Nun ist die Personalie auch vom US-Senat bestätigt worden. Zu Boldens Stellvertreterin wurde Lori Garver berufen, die die Nasa übergangsweise geführt hatte.

Der neue Nasa-Chef dürfte eine klare Agenda haben: "Er wird für die bemannte Raumfahrt kämpfen", sagt Raumfahrtanalyst Vincent Sabathier, Senior Fellow am Center for Strategic and International Studies in Washington, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Bolden weiß aus eigener Erfahrung um die Faszination der Reise ins All, immerhin kann er auf insgesamt 680 Stunden Weltraumerfahrung zurückblicken. Von seinen vier Flügen mit dem Space Shuttle waren zwei besonders bemerkenswert. Zum einen war Bolden Pilot der Mission STS-31, die im Jahr 1990 das "Hubble"-Teleskop ins All brachte. Zum anderen war er Kommandant des Fluges STS-60, bei dem im Winter 1994 mit Sergej Krikaljow zum ersten Mal ein Russe im Shuttle mitflog.

Wenn man Vorträge des charismatischen 62-Jährigen hört, bei denen er von seinen Reisen berichtet, merkt man ihm die pure Begeisterung auch mehr als ein Dutzend Jahre danach noch an. Und wenn Besucher des Kennedy Space Center in Florida in der "Shuttle Launch Experience" selbst einen virtuellen Start erleben können, wackelnde Sitze und Krach inklusive, dann ist es der enthusiastische Bolden, der sie als Gastgeber auf den Videoschirmen auf ihrer Reise begleitet.

Vollblut-Astronaut mit Stallgeruch

Doch Bolden ist nicht nur Vollblut-Astronaut. Er hat auch den Stallgeruch der Nasa-Verwaltung. Nach seinen Flügen arbeitete er auf mehreren technischen Posten, außerdem war er Mitglied in diversen Aufsichts- und Beratergremien. Bolden wäre der erste Afroamerikaner an der Spitze der Nasa - wenn man davon absieht, dass Ex-Astronaut Fred Gregory im Jahr 2005, unmittelbar vor Michael Griffins Amtsantritt, für kurze Zeit amtierender Chef war.

In den US-Medien galt er seit Monaten als heißer Kandidat, unter anderem, weil er bei seinem ersten Raumflug im Jahr 1986 mit dem damaligen Kongressabgeordneten Bill Nelson unterwegs war, der mittlerweile als Senator einer der wichtigsten Raumfahrt-Ratgeber von Barack Obama ist. Bolden werde "die Magie aus einer Zeit zurückbringen, als wir mit Raketen zum Mond geflogen sind", warb Nelson.

Schon einmal hätte Bolden beinahe ein Spitzenamt bei der Raumfahrtbehörde übernommen. Der damalige Nasa-Chef Sean O'Keefe wollte ihn Anfang 2002 zu seinem Stellvertreter machen. Dass daraus nichts wurde, lag an Boldens militärischer Karriere. Schon in den frühen Siebzigern war er als Kampfpilot Einsätze im Vietnamkrieg geflogen, in den Neunzigern stieg er zum Zwei-Sterne-General auf. Diesen Posten wollte Bolden zunächst nicht aufgeben. Und dem Verteidigungsministerium kamen Bedenken, ob ein Militärangehöriger eine so herausgehobene Zivilposition wie die des Nasa-Chefs bekleiden sollte.

Nach der Bestätigung durch den Senat kann Bolden nun sogar den Chefsessel übernehmen - genau rechtzeitig zum 40. Jahrestag der Mondlandung. Doch allzu viel Ruhe dürfte er darauf kaum finden. Bei der Nasa stehen wichtige Entscheidungen an:

  • Wie soll es mit dem Space Shuttle weitergehen? Der Kongress liebäugelt immer wieder mit einer verlängerten Flugdauer für die fehleranfälligen Raumfähren. Doch die würde Milliarden kosten. Obama hat gerade eine Kommission beauftragt, die Planungen der Nasa kritisch unter die Lupe zu nehmen. Sie soll im August oder September ihren Bericht vorlegen - und unter anderem zu der Frage Stellung beziehen, ob die "Ares I"-Rakete und die "Orion"-Kapsel tatsächlich das Mittel der Wahl sind, um die Shuttles abzulösen. Die Glaubwürdigkeit des neuen Systems wird immer wieder durch Berichte über technische Probleme erschüttert.

  • Wie lange soll die Internationale Raumstation ISS genutzt werden? Die Amerikaner wollen bislang bis zum Jahr 2015 zahlen. Russen und Europäer machen sich für eine Verlängerung der Stationsnutzung bis zum Jahr 2020 stark, doch sicher ist das längst noch nicht. In jedem Fall stellt sich im Anschluss die Frage, wie es weitergehen soll. Ursprünglich wollten die Amerikaner zum Mond zurückkehren und dort eine Basis bauen. Doch diese Pläne dürften höchstwahrscheinlich massiv beschnitten werden.

  • Ist die Rückkehr zum Mond also das nächste größere Etappenziel der Amerikaner? Oder doch gleich der Mars? Oder vielleicht ein Asteroid? Die Zielfestlegung ist nicht zuletzt deswegen wichtig, weil sie bestimmt, ob es ein neues Wettrennen zum Mond geben wird, das die Amerikaner gegen die Chinesen verlieren könnten - oder ob sich Washington gleich anderweitig orientiert. Allzu lange, bis zum Jahr 2025 etwa, dürfe Washington in keinem Fall mit einer Landung auf dem Mond warten. "Bis dahin sind die Chinesen gelandet, und die USA und die Europäer werden nur zuschauen können", sagt Raumfahrtanalyst Sabathier.

Nicht unumstritten sind indes die Verbindungen des neuen Nasa-Chefs zur Raumfahrtindustrie. So hat er als Lobbyist für den Technologiekonzern ATK gearbeitet, der unter anderem Teile für die Shuttles und die neuen Nasa-Raketen herstellt. Außerdem saß er jahrelang im Aufsichtsrat der Firma GenCorp, deren Tochter Aerojet ein wichtiger Nasa-Auftragnehmer ist.

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