Chinas Raumfahrt-Programm: Peking feiert seine All-Machts-Phantasien
China bejubelt einen großen Triumph: Techniker der Volksrepublik haben das erste Bauteil einer künftigen Raumstation ins All geschossen. Doch mit ernsthafter Forschung hat der Coup wenig zu tun - dafür umso mehr mit innenpolitischem Kalkül und außenpolitischer Machtdemonstration.
Peking - Chinas Raumfahrt-Kontrollzentrum liegt eine gute Autostunde vom Platz des Himmlischen Friedens entfernt, im Nordwesten der Hauptstadt. Beigefarbene Marmorfliesen, mit Plastik verkleidete Wände in grau, weiß und weinrot - der zentrale Kontrollraum erinnert an einen Kinosaal aus den siebziger Jahren. Am Kopfende eine Leinwand, eingefasst von roten Samtbannern, davor vier lange Reihen mit schwarzen Sesseln.
Eine halbe Stunde vor dem Lift-Off von "Tiangong-1" herrscht entspannte Selbstsicherheit, von Nervosität keine Spur. Selbst 20 Minuten vor dem Start der Mission sitzen alle Ingenieure an ihren Plätzen, es wird gescherzt, gelacht - bis plötzlich Unruhe aufkommt: Minuten vor dem Start betreten Staats- und Parteichef Hu Jintao und mehrere Mitgliedern des Politbüros den Raum. Für die Leute im Kontrollzentrum ist das eine Überraschung: Nur selten zeigen sich Chinas Führer in der Öffentlichkeit.
Der live im Fernsehen übertragene Auftritt Hu Jintaos zeigt, welche Bedeutung er dem Start des Raummoduls beimaß - und er wurde nicht enttäuscht: Eine Rakete des Typs "Langer Marsch 2F" brachte das Modul am Donnerstag in den Orbit. "Etwas derartiges haben wir noch nie geschafft", jubelte Lu Jinrong, Chefingenieur des Weltraumbahnhofs. "Das ist ein bedeutender Test." Tatsächlich tritt Pekings Raumfahrtprogramm in eine neue Phase ein: "Tiangong-1" ist das erste Bauteil für eine chinesische Raumstation, die nach aktuellen Plänen zwischen 2020 und 2022 in Betrieb gehen soll.
Logischer Schritt für Chinas Raumfahrtprogramm
Bisher waren sechs Taikonauten - so die chinesische Bezeichnung für Raumfahrer - im All, alle kamen wohlbehalten zurück. "Tiangong-1" ist nun der nächste logische Schritt, denn das Modul ist vor allem dazu geeignet, Andockmanöver zu üben. Anfang November soll dazu die unbemannte Raumkapsel "Shenzhou 8" starten, um an den "Himmelspalast" anzukoppeln. "Das ist eine Grundvoraussetzung für alles, was die Chinesen im All tun wollen", sagt Dean Cheng, Raumfahrt- und Militärexperte beim amerikanischen Think Tank Heritage Foundation. "Seien es Mondflüge, der Bau einer Raumstation oder längere Reisen in die Tiefen des Weltraums."
Zugleich ist die Offensive in der bemannten Raumfahrt ein Beweis dafür, dass die wissenschaftliche Forschung für Peking kaum im Vordergrund steht. Denn mit dem Start von "Tiangong-1" ist China technologisch ungefähr dort angekommen, wo die Amerikaner Mitte der sechziger Jahre mit ihrem "Gemini"-Programm waren, dem direkten Vorläufer des "Apollo"-Mondprogramms.
Seitdem mussten Amerikaner und Russen zweierlei lernen:
- Die bemannte Raumfahrt ist nach wie vor ruinös teuer. Die Hoffnung, technische Fortschritte würden irgendwann billige Routineflüge ermöglichen, hat sich mit dem Space-Shuttle-Programm bis auf Weiteres zerschlagen.
- Die wissenschaftlichen Erkenntnisse blieben ziemlich überschaubar. Während Astronauten oft in erster Linie damit beschäftigt waren, lebend zur Erde zurückzukommen, haben ferngesteuerte Geräte den Mond, den Mars, die Venus, den Merkur und den Saturnmond Titan erkundet - mit teilweise spektakulären Resultaten. Sogar Proben von Kometen und Asteroiden haben Sonden zur Erde gebracht.
Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse die Chinesen sich nun von der bemannten Raumfahrt versprechen, bleibt einstweilen ihr Geheimnis - zumal sie trotz ihrer schnellen Fortschritte noch Jahrzehnte brauchen dürften, um das Niveau der USA und anderer Nationen zu erreichen. Chinas Raumstation etwa soll rund 60 Tonnen wiegen, sollte sie denn fertiggestellt werden. Neben der rund 400 Tonnen schweren ISS würde sie geradezu winzig wirken.
Die politischen Vorteile des bemannten Raumfahrtprogramms liegen dagegen auf der Hand. Dass Staatchef Hu Jintao im Raumfahrtzentrum auftauchte, hat laut Cheng einen einfachen Grund: "Innenpolitische Legitimität gewinnen - durch eine weitere Demonstration der chinesischen Leistungsfähigkeiten dank der Kommunistischen Partei." Zudem startete "Tiangong 1" unmittelbar vor dem Nationalfeiertag an diesem Samstag. "Es hilft, den Nationalstolz zu entfachen und in schwierigen Zeiten das Vertrauen in die Regierung zu stärken", kommentierte der australische Raumfahrtexperte Morris Jones.
Signal an andere Nationen
Vor allem aber ist das Raumfahrtprogramm ein Zeichen für andere Nationen, das mancherorts auch als Bedrohung aufgefasst wird. "Es ist eine Erinnerung an Nachbarn wie Japan, Taiwan und Indien, dass China beträchtliche Einsatzmöglichkeiten im Weltraum hat", sagt Cheng. "Und dass die Raketen und Aufklärungssatelliten auf sie zielen könnten."
Das chinesische Raumfahrtprogramm untersteht der "Generalabteilung für Bewaffnung" der Volksbefreiungsarmee. Damit gilt für die Weltraum-Aktivitäten in China dasselbe wie in anderen Ländern: Sie haben in großen Teilen "Dual Use"-Charakter, die Technologien können sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden. Eine leistungsfähige Trägerrakete etwa kann sowohl eine Raumkapsel als auch einen Atomsprengkopf tragen, ein Navigationssatellit sowohl einen Pkw als auch eine ballistische Rakete zum Ziel führen.
Chinas Militärs scheinen ebenso wie ihre amerikanischen Kollegen davon überzeugt zu sein, dass die Nutzung des Weltraums in den Kriegen der Zukunft von entscheidender Bedeutung ist. Seine Ambitionen unterstrich Peking 2007 mit einem Knalleffekt, als es einen ausgedienten Wettersatelliten mit einer Rakete abschoss. Internationale Proteste waren den Chinesen dabei ebenso egal wie die Tatsache, dass dabei Tausende Trümmerteile in die Erdumlaufbahn geschleudert wurden und dort bis heute Satelliten und Raumschiffe gefährden.
In den vergangenen Jahren haben die Chinesen zahlreiche Satelliten für unterschiedliche Zwecke ins All geschossen - und könnten in den nächsten Jahren sogar mehr Starts verzeichnen als die USA. Erst vor kurzem warnten Experten, dass China demnächst auch in der Lage sein könnte, ballistische Raketen mit Satellitenhilfe zu steuern. Für amerikanische Flugzeugträger wäre das eine enorme Bedrohung, die China bei dem Vorhaben helfen könnte, den Amerikanern den Zugang zu strategisch wichtigen Regionen zu erschweren - wie etwa der Taiwan-Straße.
Experten räumen dem chinesischen Alleingang ins All gute Erfolgsaussichten ein. "Das ist eine Nation, die ihr eigenes Ding macht", sagte Charles Vick vom Forschungsinstitut Globalsecurity.org. Die Chinesen gingen nach dem Motto vor: "Was ihr könnt, können wir auch, und zwar auch ohne euch und zu unseren Bedingungen."
Mitarbeit: Kirsten Rulf, Peking
Mit Material von dpa und AP
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