Chinas Waffentest: Satelliten-Abschuss steigert Crash-Gefahr im All

Von Volker Mrasek

Die Befürchtung, dass Chinas jüngster Waffentest im Orbit andere Satelliten gefährdet, bestätigt sich. Deutsche Forscher haben jetzt die Zahl der Trümmer berechnet, die seit dem Abschuss des alten Wettersatelliten mit rasendem Tempo die Erde umkreisen.

Ausgerechnet dort, wo der orbitale Verkehr am dichtesten ist, hat der eigensinnige Satelliten-Abschuss der Chinesen die Müllmenge im erdnahen Weltraum am stärksten vergrößert. Nach der Zerstörung des ausgedienten Wettersatelliten "Fengyun-1C" vor gut zwei Wochen schwirren nun in 850 Kilometern Höhe acht Prozent mehr Zentimeter-große Schrotteile um die Erde als vorher. Damit ist das Kollisionsrisiko im Höhenbereich zwischen 700 und 900 Kilometern erheblich gestiegen - dort sind etliche Erdbeobachtungssatelliten unterwegs, so auch die europäischen Späher "Ensivat" und "ERS-2".

Die neuen Zahlen legen Spezialisten der Technischen Universität Braunschweig (TUB) jetzt vor. Ihr Szenario entwarfen die Forscher mit Hilfe des offiziellen Weltraummüll-Simulationsmodells "Master" der europäischen Weltraumagentur Esa, das in Braunschweig mitentwickelt wurde. Die TU-Forscher gehen davon aus, dass der Exitus des chinesischen Satelliten rund 100 Trümmerteile hervorgebracht hat, die mindestens die Ausmaße einer Apfelsine haben. Hinzu kommen 3700 kirsch- bis pfirsichgroße Brocken und etwa 150.000 Splitter im Millimeterbereich.

Bei dem Tempo, mit dem sie unterwegs sind, besitzen selbst solche Staubkrümel noch eine enorme Zerstörungskraft, wie Experimente eindrucksvoll bewiesen haben. "In den Erdumlaufbahnen können Kollisionsgeschwindigkeiten von über 15 Kilometer pro Sekunde auftreten", sagt Detlef Alwes, Experte für Weltraumschrott beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

Angst vor Kettenreaktion im Orbit

Die Braunschweiger Zahlen sind wesentlich kleiner als jene, die gleich nach Bekanntwerden des Raketenabschusses kursierten. Da war zum Teil von tausend Trümmerteilen ab zehn Zentimetern Durchmesser die Rede. Doch diesmal steht die Quelle fest, und sie darf als verlässlich gelten. Der Simulation einer Kollision im All lägen zwar viele Annahmen zugrunde, und man könne sich "gewaltig irren", sagt Carsten Wiedemann, Leiter der Weltraumschrott-Arbeitsgruppe an der TUB. "Aber unser Modell hat in der Vergangenheit wiederholt korrekte Ergebnisse geliefert."

Grund zur Beunruhigung sind jedoch auch die Braunschweiger Zahlen. Laut Wiedemann und seinen Kollegen ist die Trümmerdichte in den populären Umlaufbahnen inzwischen so hoch, dass kritische "Kettenreaktionen" im Orbit drohen: Es könne vermehrt zu Kollisionen der vagabundierenden Schrotteile untereinander kommen, wodurch ständig neue unerwünschte Flugobjekte entstünden - ihre Anzahl würde auch ohne menschliches Zutun ständig steigen.

US-Studien zufolge könnten diese Zusammenstöße in 50 Jahren die Hauptquelle für neuen Weltraum-Müll in den Haupt-Satellitenkorridoren sein. Heute sind es noch unbeabsichtigte Explosionen, etwa von abgesprengten Raketenstufen. Luft- und Raumfahrtingenieur Wiedemann kann sich vorstellen, dass in Zukunft sogar "ein Satellitenbetrieb in bestimmten Bahnhöhen nicht mehr möglich sein wird". Es müsse deshalb "unbedingt vermieden werden", weitere Trümmerteile freizusetzen.

Ausgediente Atomreaktoren umkreisen die Erde

Sorgen bereiten nicht nur die Erdbeobachtungssatelliten, sondern auch eine ganz besondere Erblast der erdnahen Raumfahrt. Die Sowjetunion schickte bis 1989 insgesamt 31 Radarsatelliten ins All, die Kernreaktoren als Energiequellen an Bord haben.

Die legendäre "Rorsat"-Serie ist schon lange nicht mehr in Betrieb. Doch 29 der 31 Militärspäher geistern heute noch um den Globus: Sie wurden am Ende in sogenannte Friedhoforbits manövriert, 900 bis 1000 Kilometer über der Erde. Dort sollen die Satelliten-Leichen für Jahrhunderte verbleiben, damit die Radioaktivitität ihres Kernbrennstoffs Uran abklingen kann.

TUB-Experte Wiedemann fürchtet nun, dass auch die Staubsauger-großen Rorsat-Reaktoren von den sich vermehrenden Müll-Blindgängern getroffen werden könnten. Die Gefahr für die Erde hält er zwar für vernachlässigbar, da kein radioaktiver Fallout drohe. Doch die in internationalen Verträgen festgelegten Friedhoforbits könnten dann nicht länger als sicher gelten. Man müsste wohl neue festlegen, die noch höher liegen. Damit hätten Satelliten noch mehr Treibstoff für ihren finalen Aufstieg zur orbitalen Ruhestätte zu opfern. Das würde die Dauer ihrer Missionen zusätzlich verkürzen.

Die mutwillig im Orbit freigesetzten Trümmer können zudem je nach Größe Jahrzehnte, mitunter gar Jahrhunderte um die Erde kreisen. 1985 schoss ein US-Kampfjet bei einem Waffentest einen Satelliten mit einer Rakete ab. Der "Solwind"-Satellit befand sich allerdings in nur 600 Kilometern Höhe. "In 800 Kilometern bleiben Trümmerteile etwa zehnmal länger im Orbit", sagte Michael Khan von der europäischen Raumfahrtagentur Esa. Die Trümmer von "Solwind" - ihre Zahl wurde auf 250 bis 300 geschätzt - schwirrten volle 15 Jahre um die Erde, ehe das letzte von ihnen verglüht war.

Dass die Kollision von Satelliten mit Trümmern in niedrigen Umlaufbahnen kein Hirngespinst ist, hat sich in der Vergangenheit bereits gezeigt. So demolierte 1996 ein Bruchstück der explodierten Oberstufe einer Ariane-Rakete den Stabilisierungsmast des französischen Spionagesatelliten "Cerise". Der Militärspion geriet daraufhin mächtig ins Trudeln und konnte rund 700 Kilometer über der Erde wieder auf stabilen Kurs gebracht werden - genau in jenem Bereich, in dem steigende Müllmengen das Trefferrisiko für die künstlichen Trabanten in Zukunft noch erhöhen sollen.

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