"Columbia"-Abschlussbericht: Schwere Vorwürfe gegen die Nasa

Schlamperei, Gleichgültigkeit, Organisationschaos - der Abschlussbericht zum "Columbia"-Absturz im Februar ist eine schallende Ohrfeige für die Nasa. Die US-Raumfahrtbehörde habe zwar den Defekt an der Fähre rechtzeitig erkannt, aber aus Termindruck, Finanznot und mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen nicht reagiert.



Fatale Kettenreaktion: Beim Start der "Columbia" schlug Isolierschaum vom Außentank ein Loch in den linken Flügel
DPA

Fatale Kettenreaktion: Beim Start der "Columbia" schlug Isolierschaum vom Außentank ein Loch in den linken Flügel

Die sieben Astronauten mussten nach Ansicht der unabhängigen Ermittler sterben, weil die amerikanische Weltraumbehörde vor allem mit sich selbst beschäftigt gewesen sei. Nach dem Start der "Columbia" am 16. Januar sei einigen Nasa-Ingenieuren schon früh das Stück Isolierschaum aufgefallen, welches etwa 81 Sekunden nach dem Start vom Außentank abgefallen war. Dreimal während der 16-tägigen Mission hätten die Ingenieure Satellitenbilder der "Columbia" verlangt, um eine mögliche gravierende Beschädigung genauer untersuchen zu können - doch diesem Anliegen wurde nicht stattgegeben.

Acht Gelegenheiten ungenutzt verstreichen lassen

Eine Rettung der Shuttle-Crew im Weltraum wäre möglich gewesen, wenn die Schwere des Schadens erkannt worden wäre, heißt es in dem Bericht. Jedoch hätten die Nasa-Beamten acht Gelegenheiten ungenutzt verstreichen ließen, sich um das Problem zu kümmern. Das durch den abgefallenen Isolierschaum entstandene Loch im Hitzeschild ist die wahrscheinlichste Ursache für den Absturz der Raumfähre am 1. Februar, bei dem alle sieben Astronauten ums Leben kamen. Die zuständigen Nasa-Mitarbeiter hätten der Ermittlungskommission gegenüber lediglich geäußert, dass eine Untersuchung nichts gebracht hätte: "Wir hätten ja sowieso nichts unternehmen können."

In dem harschen Bericht heißt es weiter: "Bis zum Vorabend des 'Columbia'-Unfalls hatten sich bei der Nasa wieder die gleichen Gewohnheiten eingeschlichen, die zum Zeitpunkt des 'Challenger'-Unfalls vorherrschten." Dazu zähle insbesondere eine Gleichgültigkeit gegenüber beobachteten Abweichungen vom geplanten Verlauf der Mission. Solche Ungereimtheiten seien vor der Katastrophe immer häufiger ignoriert worden, um den Zeitplan nicht zu gefährden.

Seit dem Absturz der Raumfähre "Challenger" im Jahr 1986 habe die Nasa kaum Fortschritte bei der Sicherheit ihrer Missionen erzielt, heißt es ferner. Die Nasa wird aufgefordert, unabhängige Sicherheitsagenturen aufzubauen. Diese müssten im Falle einer Gefahr die Behördenleiter sofort erreichen können. Anderenfalls seien weitere schwere Unglücke programmiert.

Aus dem "Challenger"-Unglück nichts gelernt

Wie erwartet kam der Bericht zu dem Schluss, dass "die Organisationskultur der Nasa und ihre Strukturen genauso viel mit dem Unglück zu tun hatten wie der Isolierschaum vom Außentank". Die Führung der Nasa wird von den Ermittlern als "ineffektiv" gebrandmarkt. Sie habe es versäumt, "den ungeschriebenen Vertrag zu erfüllen, dass alles Menschenmögliche unternommen wird, um die Sicherheit der Besatzung zu gewährleisten". Abweichende Meinungen zu Sicherheitsthemen würden in der Nasa-Bürokratie ungehört verschallen, monierten die Berichterstatter.

Die Untersuchung des Unfalls durch die 13-köpfige Kommission unter Leitung des pensionierten Navy-Admirals Harold Gehman Jr. kostete 20 Millionen Dollar. Das Gremium machte der Nasa 29 konkrete Empfehlungen. Bei der Änderung der Betriebsabläufe erwarten die Ermittler allerdings starken Widerstand im Nasa-Management.

Auch der US-Kongress wurde kritisiert. Washingtons kontinuierliche Budgetkürzungen hätten die Nasa dazu getrieben, weniger Geld für die Sicherheit ihrer Crews auszugeben. Die Kaufkraft der Nasa sank in den vergangen en zehn Jahren um 13 Prozent, während die Aufgaben ständig erweitert wurden. Vor allem der Bau der Internationalen Raumstation bindet viele Ressourcen.

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