Mars-Landung der "Curiosity": "Wir hören die Herztöne des Raumschiffs"
Das bisher größte Forschungsfahrzeug hat den Mars erreicht. In den kommenden Jahren soll die Nasa-Sonde "Curiosity" nach Spuren von Leben auf dem Nachbarplaneten suchen. Zum Einsatz kommt auch europäische Technik - und so feierte man die Landung auch bei Europas Weltraumagentur Esa.
Am Ende war die Erleichterung deutlich spürbar. "Die Amerikaner haben einen großartigen Job gemacht, die Risiken bis zur letzten Sekunde herunterzuspielen", sagte Manfred Warhaut, Flugbetriebsleiter bei der europäischen Weltraumbehörde Esa. "Jedem hier sind heute Zehntausende Steine vom Herzen gefallen."
Kurz zuvor war das Gefährt "Curiosity" auf dem Mars aufgesetzt - nach einem Höllenritt durch die Atmosphäre des Roten Planeten und einem spektakulären Landemanöver.
Die Bilder aus dem Kontrollraum des Jet Propulsion Laboratory der Nasa, die auch im Kontrollzentrum der Esa (Esoc) in Darmstadt gespannt verfolgt werden, zeigten Wissenschaftler und Ingenieure, denen der Stress in die Gesichter geschrieben war. Jede kleine Erfolgsmeldung während des Landeanflugs wird mit nervösem Jubel quittiert. "Wir hören die Herztöne des Raumschiffs", sagt einer der amerikanischen Flugkontrolleure, als die Signale 13 Minuten vor der Landung von mehreren Mars-Satelliten - darunter der europäische "Mars Express" - zur Erde weitergeleitet werden.
Dann beginnt die Schwerkraft des Mars, das Landefahrzeug anzuziehen und auf immer größere Geschwindigkeiten zu beschleunigen. Mit mehr als 20.000 Kilometern pro Stunde stürzt der Rover in die Gashülle des Mars und zieht einen langen Feuerschweif hinter sich her. Steuerdüsen verhindern, dass das Gefährt außer Kontrolle gerät - Applaus brandet auf, als gemeldet wird, dass die Düsen funktionieren.
Sieben Minuten des Terrors
Nun steckt das Mars-Mobil in der Phase, die von der US-Raumfahrtbehörde Nasa als "sieben Minuten des Terrors" beschrieben wurde. Bei jedem Schritt des hochkomplizierten Landemanövers würde ein winziger Fehler zum Scheitern der zweieinhalb Milliarden Dollar teuren Mission führen. Erneuter Jubel, als rund zwei Minuten vor der Landung das Entfalten des Bremsfallschirms zur Erde gefunkt wird. Zu diesem Zeitpunkt steht "Curiosity" bereits auf dem Mars - nur kann das auf der Erde noch niemand wissen, weil die Funksignale 14 Minuten brauchen, um die fast 250 Millionen Kilometer zur Erde zurückzulegen.
Doch es geht alles glatt. Sprengladungen trennen den Bremsfallschirm ab, Raketen verlangsamen das Landegerät auf Schrittgeschwindigkeit. Dann kommt der "Sky Crane", der "Himmelskran", ins Spiel: "Curiosity" wird an Seilen sanft zu Boden gelassen, auch sie werden gekappt, die Abstiegsstufe steigt mit weiter feuernden Raketen wieder nach oben und legt etwas entfernt eine geplante Bruchlandung hin. Sekunden später schickt "Curiosity" die ersten verschwommenen Testbilder von der Marsoberfläche zur Erde - der Rover hat die Terror-Minuten überlebt.
Mindestens zwei Jahre soll "Curiosity" auf dem Roten Planeten umherfahren und helfen, endlich die Frage aller Fragen zu beantworten: Hat es auf dem Mars einst Leben gegeben? Und haben sich hartleibige Mikroben vielleicht sogar bis heute dort gehalten? Sollte die Antwort Ja lauten, dürfte das weitreichende Konsequenzen für das Bild der Menschen vom Universum haben.
Noch vor 30 Jahren hielten es die meisten Forscher für äußerst unwahrscheinlich, dass Planeten außerhalb unseres Sonnensystems existieren. Als dann Ende der achtziger Jahre die ersten entdeckt wurden, glaubte man, dass wohl allenfalls lebensfeindliche, heiße Gasriesen um ferne Sterne schweben. Inzwischen aber ist nicht nur klar, dass es auch kleine Felsplaneten in fremden Sonnensystemen gibt - sondern dass ihre Zahl allein in der Milchstraße in die Milliarden gehen dürfte.
"Sollten wir schon auf unserem Nachbarplaneten Spuren von Leben finden", sagt Paolo Ferri, Chef der interplanetaren Missionen der Esa, "wäre das deshalb nahezu der Beweis, dass Leben überall im Universum existiert."
Eis im Boden, Methan in der Atmosphäre
In den vergangenen Jahren haben Satelliten und Rover den Wissensstand um den Roten Planeten auf spektakuläre Art erweitert: Auf seiner Oberfläche wurden uralte Flusstäler und gigantische Mengen an Eis gefunden, in der Atmosphäre wabert Methan, das geologisch, vielleicht aber auch biologisch entsteht. Nun soll "Curiosity" schaffen, was bisher nicht gelungen ist: Den schlagenden Beweis für vergangenes Leben auf dem Mars.
Dafür ist der Rover bestens gerüstet. Mit Spektrometern analysiert er die Zusammensetzung von Gesteinen, mit einem Gas-Chromatografen sucht er nach organischen Verbindungen, mit einer Neutronenquelle nach Wasserstoff im Boden. Der mit deutscher Beteiligung entwickelte "Radiation Assessment Detector" misst die Strahlung, die auf der Mars-Oberfläche ankommt - und könnte so die Frage beantworten, wie tief vielleicht noch lebende Bakterien unter der Oberfläche vergraben sein müssten, um zu überleben.
Der Standort von "Curiosity", der Gale-Krater, ist dafür ideal: Er stammt von einem Meteoriteneinschlag, der Gesteine aus Jahrmilliarden in der Umgebung verteilt hat. In dem Krater wurden bereits Tonminerale nachgewiesen, die Spuren organischen Materials enthalten könnten. Auch Silikate gibt es dort, die nur in Verbindung mit Wasser entstanden sein können.
Reise durch die geologische Geschichte des Mars
"Curiosity" ist an einer Stelle gelandet, an der sich einst ein Fluss in den Krater ergossen hat. Später soll sich der Rover zum Mittelpunkt des Kraters aufmachen, zu einem rätselhaften Berg namens Mount Sharp. "Die Fahrt dorthin ist wie eine Reise durch die geologische Geschichte des Mars", erklärt Esa-Astrophysiker Mark McCaughrean. Der Meteoriteneinschlag habe die Schichten vergangener Zeiten freigelegt.
Die Wahl des Gale-Kraters war allerdings nicht unumstritten. In Frage gekommen wären noch drei andere Landegebiete. Der Gale-Krater gilt als äußerst interessant, aber auch schwierig. "Die Verhältnisse dort sind sehr kompliziert", sagt McCaughrean. "Wir können dort viele neue Dinge erfahren. Die Frage ist: Werden wir sie verstehen?"
Selbst wenn "Curiosity" Spuren von Leben finden sollte, könnten sie womöglich nicht besonders überraschend sein. "Mars und Erde gibt es seit rund vier Milliarden Jahren", sagt McCaughrean. "Da kann viel passieren." Beispielsweise könnten Einschläge großer Himmelskörper Brocken von der Erde losgeschlagen haben, die Lebensformen bis auf den Mars brachten - oder auch umgekehrt. "Möglicherweise finden wir auf dem Mars das gleiche Leben, das es auf der Erde gibt", meint der Astrophysiker. "Vielleicht sind wir alle Marsianer."
Dem Autor auf Twitter folgen:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik Wissenschaft
- Twitter | RSS
- alles aus der Rubrik Weltall
- RSS
- alles zum Thema Mars-Missionen
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Montag, 06.08.2012 – 13:06 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 74 Kommentare
- Fotostrecke: Freude über "Curiosity"-Landung
- Nasa-Sonde: "Curiosity" sendet erste Bilder aus Mars-Krater (06.08.2012)
- Jubel über Nasa-Sonde "Curiosity": "Lang lebe die amerikanische Neugier!" (06.08.2012)
- Thomas Reiter: "Wäre schade, wenn jeder allein vor sich hinwerkeln würde" (06.08.2012)
- Marsfahrzeug "Curiosity": Wuchtbrumme im Anflug (03.08.2012)
- Roter Planet: Nasa zeigt Mars im Panorama (07.07.2012)
- Geheimnisvolle Gasmengen: Mars-Methan stammt aus Meteoriten (31.05.2012)
- Aktivität auf der Oberfläche: Wanderdünen ziehen über den Mars (10.05.2012)
- Astronomisches Modell: Milchstraße hat Milliarden erdähnliche Planeten (29.03.2012)
- Sparzwang: Nasa muss Marsmissionen mit Esa beenden (13.02.2012)
- Mars: Rover findet Spuren von einst fließendem Wasser (08.12.2011)
- Entwicklung des Lebens: Sind wir alle Marsianer? (24.11.2007)
MEHR AUS DEM RESSORT WISSENSCHAFT
-
Klimawandel
Erderwärmung: CO2, Treibhauseffekt und die Folgen - alle Nachrichten und Hintergründe -
Satellitenbilder
Blick von oben: Entdecken Sie die Schönheit der Welt - im Satellitenbild der Woche -
Artensterben
Kampf um die Vielfalt Wie der Mensch die Natur ausbeutet - und einen Massentod unter Tieren und Pflanzen verursacht -
Numerator
Rechenkunst: Zahlen und Logik - die Kolumne über die Wunderwelt der Mathematik -
Graf Seismo
Geheimnisvoller Planet: Erde, Wasser, Luft - die Kolumne über die größten Rätsel der Geoforschung

