"Curiosity"-Funde auf dem Mars: Nasa-Sensation zerfällt zu Staub
Die Nasa ringt um ihre PR-Strategie: Eine Entdeckung für die Geschichtsbücher hatte die Weltraumbehörde angekündigt. Doch was der Roboter "Curiosity" auf dem Mars gefunden hat, scheint wenig weltbewegend. Was steckt hinter den Sensationsmeldungen?
Die Sensation lag in der Luft. Eine Ankündigung "für die Geschichtsbücher" hatte der Chef der Marsmission, John Grotzinger, vergangene Woche im Interview in Aussicht gestellt. Wollte der Nasa-Forscher etwa Spuren von Lebewesen auf dem Roten Planeten präsentieren, wie zahlreiche Medien hofften?
Prompt kamen 150 Reporter zur Pressekonferenz der Nasa auf der Jahrestagung der Amerikanischen Geophysikalischen Gesellschaft (AGU) in San Francisco, so dass die Veranstaltung in einen großen Saal umziehen musste. Dort bot eine Empore den vielen Fernsehkameras beste Aussicht, den Bericht der erwarteten großen Entdeckung einzufangen.
Fünf Wissenschaftler erklommen das Podium. Sie stehen in Kontakt zum Mars, werten die Daten aus, die der Rover "Curiosity" in großen Mengen zur Erde funkt. Die Forscher berichteten zunächst bekannte Höhepunkte der Marsmission: Von jenem alten Flussbett etwa, das das Weltraumauto entdeckt hatte, vom zuckerkörnigen Sand des Roten Planeten - und vom Glücksgefühl, als "Sam" funktionierte. "Sam" gilt als komplexestes Messinstrument an Bord des Rovers, es analysiert, aus welchen Teilchen der Sand besteht, indem es die Körner verdampft und die Masse einzelner Gasteilchen misst.
Liste zerplatzter Sensationen
Die Journalisten aber waren nicht zufrieden, sie wurden unruhig, nach 50 Minuten hatten sie noch immer keine Sensation in ihre Notizbücher schreiben können. Ein Reporter hakte nach: Was denn nun wäre mit der historischen Entdeckung? Da sei er wohl missverstanden worden, sagte John Grotzinger. Nicht eine einzelne Entdeckung habe er gemeint, vielmehr sei die gesamte Marsmission historisch. Reporter fühlten sich verschaukelt, waren sie auf einen PR-Trick hereingefallen?
Erinnerungen kamen auf: Mehrfach hatte die Nasa in den vergangenen Jahren mit allzu euphorischen Ankündigungen Schlagzeilen gemacht. Im Dezember 2010 bejubelte sie die Entdeckung einer neuen Lebensform in einem kalifornischen See. Vor zwölf Jahren wollte die Nasa gar frische Spuren fließenden Wassers auf dem Mars gesichtet haben und zuvor sogar Marsgestein mit Bakterienresten. Beweise für die Berichte fehlen indes weiterhin.
Die Nasa wird getrieben von ihrem wichtigsten Auftrag: Dem Verkünden großer Erfolge. Der Geist ihrer Gründung steckt tief in der US-Weltraumbehörde. Sie wurde geschaffen, um dem "Sputnik"-Schock der Sowjetunion zu begegnen: Nachdem die "Sputnik"-Sonde der konkurrierenden Weltmacht 1957 aus dem All grüßte, konterten die USA die Demütigung mit der Schaffung einer schlagkräftigen Organisation, der Nasa.
Messung bei extremer Hitze
Die 2,5 Milliarden Dollar teure Mars-Mission "Curiosity" drängt die Behörde zu neuen Höhepunkten der Öffentlichkeitsarbeit: Die Sonde schickt Musik zur Erde, sendet Fotos und Impressionen an soziale Netzwerke, die zu allerlei Spekulationen inspirieren. Nur die ganz große Entdeckung blieb bislang aus.
Jetzt aber schien es so weit zu sein. Doch anstatt der erhofften Spuren von Lebewesen präsentierten die fünf Nasa-Forscher auf der AGU-Tagung in San Francisco "Hinweise auf organische Substanzen": Das Instrument "Sam" hatte Kohlenstoff entdeckt, das Grundlage des Lebens ist, allerdings ebenso zu unspektakulären Stoffen gehören kann. "Sam" hat es nun in Verbindung mit Chlor und Wasserstoff im Marssand identifiziert. Bei großer Hitze im Analysegefäß entdeckte "Sam" zudem das Gas CO2, das aus kalkartigem Gestein kommen könnte.
Es sei aber noch unklar, ob die Substanzen wirklich vom Mars stammten, schränkten die Forscher ein. Womöglich hätten der Rover oder Meteoriten den Kohlenstoff eingeschleppt. Aber war das nun wirklich eine Entdeckung für die Geschichtsbücher?
Es kommt auf die Perspektive an. Die Nasa-Forscher schauen seit Monaten auf ihre Monitore, auf denen sekündlich neue Daten von "Curiosity" aufleuchten. Der "Sam"-Detektor des Marsautos misst die Verdampfungsspuren Tausender Moleküle unterschiedlicher Größe.
Jubelschreie im Labor
Kleinste Ungenauigkeiten verhunzen die Analyse: Chemische Reaktionen der Substanzen, Verunreinigungen, falsche Eichung oder Fehlfunktionen des Geräts etwa gaukeln falsche Moleküle vor. Erste Meldungen über die "Curiosity"-Entdeckung von Methan etwa, das mit Leben in Verbindung gebracht werden kann, hatten sich als Irrtum erwiesen. Um eine Substanz zu identifizieren, müssen die Messungen mehrfach bestätigt werden.
Jeder Nachweis gilt als erstaunlicher Erfolg. Die Messungen finden in mehr als 200 Millionen Kilometer Entfernung statt. Die Forscher müssen improvisieren: "'Curiosity' ist ein Auto mit einer 10.000-seitigen Gebrauchsanweisung, die wir lesen, während wir sie schreiben", sagt Grotzinger. Und "Sam" sei das komplexeste und teuerste Instrument auf dem Mars.
Als klar geworden sei, dass es funktionierte, sei die Mission reif gewesen für die Geschichtsbücher, unterstreicht der Forscher. Rasch fügt er hinzu: "Für die Geschichtsbücher der Wissenschaft." Jahrelange Vorbereitungen gipfelten in Jubelschreien im Labor. Aber niemand solle von einzelnen Messungen einen "Halleluja-Moment" erwarten.
"Wir arbeiten mit der Geschwindigkeit der Wissenschaft, die Öffentlichkeit mit der des Internets", sagt Grotzinger. Die Aufregung der vergangenen Tage aber hätten ihn gelehrt, sich vorsichtiger auszudrücken. Weitere Erfolgsgeschichten vom Mars würden nicht lange auf sich warten lassen, meint der Forscher: Die "Curiosity"-Mission - so viel Werbung müsse erlaubt sein - habe "noch nicht mal richtig begonnen".
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