Deutsche Projekte Wie Satelliten zu Waffen werden

Fliegende Pannenhelfer sollen künftig Satelliten im All an die Angel nehmen und reparieren. Doch die Vorzeigeprojekte der deutschen Raumfahrt bergen Sicherheitsrisiken - was passiert, wenn die Roboter als Waffen missbraucht werden?

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Bei mächtigen Frauen kommt der Knabe mit den Kulleraugen gut an. Vorsichtig, aber interessiert schüttelten Kanzlerin Angela Merkel und die Schweizer Bundespräsidentin Doris Leuthard "Justin" die Hand - dem metallisch glänzenden Roboter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtmesse (ILA) in Berlin war das. Und spätestens ab diesem Zeitpunkt war das Hightech-Maschinchen ein Star.

Ausgesprochen freundlich sieht der humanoide Roboter aus, aber das ist nur Nebensache - tatsächlich soll der Kleine Großes vollbringen. Nämlich eines Tages an Stelle von Menschen im All arbeiten.

Ein Operator soll die Maschine aus der Entfernung steuern können und sich dabei fühlen, als sei er selbst draußen in den unendlichen Weiten. Beinahe wie in James Camerons Fantasy-Epos "Avatar" mutet das an. "Justin" zeigt sich dermaßen feinfühlig, dass seine Hände ohne Probleme ein Getränk aus einer Flasche in ein Glas eingießen können. Drucksensoren in seinen zehn Fingern verhindern, dass der Roboter zu viel Kraft einsetzt. Deshalb brauchten Merkel und Leuthard auch nicht um ihre Hände fürchten.

Die Robotik ist die Mustertechnik der deutschen Raumfahrtindustrie. Gerade hat die Europäische Weltraumorganisation Esa das Robotik- und Mechatronikzentrum im bayerischen Oberpfaffenhofen als europäischen Referenzstandort geadelt. Der freundliche "Justin" gibt der Sparte nun ein Gesicht.

Neben sogenannten Telepräsenzsystemen, zu denen der zweiarmige Roboter gehört, arbeiten die Forscher vor allem an autonom arbeitenden Maschinen. Sie sollen eines Tages auf eigene Faust den Mond, ferne Planeten oder Asteroiden erkunden. Die Pläne für eine deutsche Mondmission sind allerdings auf unbestimmte Zeit verschoben, vielleicht auch schon ganz beerdigt.

Ambivalente Arbeit am fliegenden Pannendienst

Die sogenannten On-Orbit-Servicing-Roboter sind zentral für die Weiterentwicklung der deutschen Robotik. Die fliegenden Maschinen sollen außer Kontrolle geratene Satelliten einfangen, reparieren und entsorgen (siehe Kasten links). Der DLR-Entwurf für eine deutsche Raumfahrtstrategie fordert eine "konsequente Weiterführung der Entwicklung in Richtung autonomer Systeme".

Die Vorteile sind klar. Servicesatelliten wie "Smart Olev" können die Lebenszeit millionenschwerer Investments verlängern, indem sie Satelliten im All länger betriebsfähig halten. Andere wiederum, "Deos" zum Beispiel, können daran mitarbeiten, das Problem des Weltraumschrotts zu lösen.

Allerdings kann die Technik im Prinzip auch militärisch eingesetzt werden. "Viele Weltraumprogramme haben eine militärische Brisanz, gerade wenn es um Robotik geht", sagt Jürgen Scheffran vom KlimaCampus der Universität Hamburg, der sich lange Zeit mit der Rüstungskontrolle im Weltall befasst hat. Götz Neuneck vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg: "Die meisten Raumfahrttechnologien sind ambivalent. Eine militärische Nutzung ist nicht ausgeschlossen, insbesondere die aktive Waffennutzung."

Denn natürlich ist ein fliegender Pannendienst auch in der Lage, noch funktionierende Satelliten zu übernehmen, zu zerstören oder aus dem Orbit zu kicken - gegen den Willen von deren Betreibern. "Wenn man einen Roboter baut, der Satelliten repariert, kann er die auch absichtlich zerstören", sagt Scheffran.

Der Weltraum als möglicher Konfliktschauplatz wird aus seiner Sicht immer wichtiger. "Die Kriege werden zwar auch in Zukunft auf der Erde ausgefochten - aber die Abhängigkeit von Satelliten nimmt zu", zum Beispiel für militärische Informationen und Datenaustausch. "Ein internationales Abkommen zur Regulierung solcher Systeme ist dringlicher denn je."

Feindliche Übernahme durch ausgefuchste Robotik-Systeme möglich

"Wir streben keine militärische Anwendung an", sagt DLR-Chef Johann-Dietrich Wörner SPIEGEL ONLINE. "Unsere Robotikprojekte sollen nicht zur Zerstörung feindlicher Satelliten genutzt werden. Unsere Technologie dient der Reparatur oder der gezielten Rückführung von Satelliten." Wenn man immer Angst davor habe, dass eine Technologie unter Umständen auch missbraucht werden könne, dürfe man gar nichts mehr entwickeln: "Die Robotik hat in dieser Hinsicht kein spezielles Problem."

"Es gibt in allen Raumfahrt treibenden Nationen einige wenige Stimmen im Militär und der Industrie, die Weltraumwaffen fordern", sagt Friedensforscher Neuneck. Die USA und China haben schon gezeigt, dass sie über funktionierende Raketensysteme zum Abschuss erdnaher Satelliten verfügen. Die Russen dürften zumindest Kenntnisse über entsprechende Experimente aus Sowjetzeiten haben. Auch die Störung von Kommunikationssatelliten gehört für viele Regierungen zum Standardrepertoire, Iran hat das zuletzt bewiesen.

Eine feindliche Satellitenübernahme durch ausgefeilte Robotiksysteme wäre deutlich subtiler als die bisher verwendeten Kampftechniken. Wie lässt sich so etwas verhindern? "Man muss versuchen, die Technologie nicht unkontrolliert aus dem Haus zu geben", sagt Klaus Landzettel vom DLR-Institut für Robotik und Mechatronik, wo Komponenten und Verfahren für die On-Orbit-Servicing-Roboter entwickelt werden. Niemand darf Konstruktionsunterlagen kopieren können, um unerlaubt ein Greifarmexemplar nachzubauen.

"Wir wissen, dass wir da etwas tun müssen"

Man müsse es Spionen und Datendieben möglichst schwer machen, sagt Landzettel. Bestimmte Arbeitsgruppen arbeiteten zum Beispiel auf eigenen Rechnernetzen, damit nicht jeder Zugang zu den sensiblen Unterlagen habe. Die Arbeit potentieller Diebe könne man erschweren - Datenklau sei aber nicht komplett zu verhindern, sagt der Forscher: "Wir sind ein Forschungsinstitut und kein Hochsicherheitstrakt."

An die deutsche Robotiktechnologie könnten interessierte Staaten im Prinzip sogar ganz legal kommen - indem sie sich eines Tages einfach einen Satelliten kaufen und ihn später zum Kidnapping fremder Flugkörper einsetzen. Nur strenge Exportkontrollen könnten das verhindern.

Theoretisch denkbar wäre auch ein ganz anderes Szenario: Fieslinge reißen sich unerlaubt die Technologie unter den Nagel, indem sie einen zivilen Servicesatelliten, der schon im All ist, für militärische Aufgaben kapern. Durch cleveres Design ließe sich diese Gefahr aber zumindest minimieren. Raumfahrtingenieure argumentieren, entscheidende Bauteile wie die Fangeinrichtung oder der Roboterarm könnten einfach die Arbeit einstellen, wenn sie nicht regelmäßig mit den richtigen Codes vom Boden gefüttert werden. DLR-Mann Landzettel: "Wir wissen, dass wir da etwas tun müssen."



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