Von Christoph Seidler, Köln
Wenn die Sache gründlich schiefgeht, muss sich Alexander Gerst auf jeden Fall an die "Zwei-Zwei-Regel" erinnern. Dann muss er erst zwei Sekunden lang mit zwei Fingern den roten Knopf in der linken oberen Ecke des Bedienfelds drücken. Und danach kann er nur hoffen, dass sich der kosmische Geisterfahrer wieder entfernt, der da gerade auf ihn zuschwebt. Im Moment ist der Raumtransporter noch genau zwei Meter von ihm entfernt - und jede Sekunde werden es sieben Zentimeter weniger. Noch geht zum Glück alles glatt.
In zweieinhalb Jahren wird Gerst als dritter deutscher Astronaut zur Internationalen Raumstation fliegen. Sechs Monate soll er dann im All bleiben. Und deswegen lernt er - neben vielen anderen Dingen - gerade, wie er den europäischen Raumtransporter ATV im Zaum halten kann, wenn der beim Einparken irgendwelche Zicken macht. Normalerweise läuft das Manöver im All vollautomatisch ab. Doch Gerst ist hier, um zu trainieren, was zu tun ist, wenn die Andock-Automatik dann eben doch nicht funktioniert.
Der angehende Raumfahrer hat dazu in einer grauen Röhre Platz genommen, die im Europäischen Astronautenzentrum Köln steht. Das Ding ist eine maßstabsgetreue Kopie des russischen "Swesda"-Moduls auf der ISS, wo der europäische Weltraumfrachter im All festmacht. Eine Nachbildung des ATV steht gleich nebenan in der Trainingshalle, man muss nur die Luke mit Hilfe von Spezialwerkzeug aufmachen. Auch das lernt Gerst natürlich.
Der hochgewachsene 35-Jährige - 1,88 Meter, 88 Kilogramm - ist promovierter Geophysiker, hat an Vulkanen in Neuseeland und in der Antarktis geforscht. Seine neue Laufbahn begann der passionierte Bergwanderer, Fechter und Schwimmer im Frühjahr 2008, als die Europäische Weltraumorganisation per Ausschreibung neue Astronauten suchte. Gerst bewarb sich und setzte sich gegen mehr als 8000 Konkurrenten durch. Im Mai 2009 wurde er zusammen mit fünf neuen Kollegen der Öffentlichkeit präsentiert; seit gut einem Jahr darf er offiziell den Titel Astronaut tragen.
"Sojus"-Veteran und französischer Techniker bilden gemeinsam aus
Doch vor dem Flug kommt das Training, deswegen also auch die heutigen Einpark-Übungen mit dem Raumtransporter. "Es ist wichtig, dass man einen Backup-Plan hat, wenn etwas schiefgeht", sagt Gerst. Und Oleg Polownikow und Lionel Ferra zeigen ihm, was beim Andocken alles schiefgehen kann. Die beiden sind die Ausbilder für den Umgang mit dem ATV. Der eine ein russischer All-Veteran, der 20 Jahre lang Kosmonauten beigebracht hat, "Sojus"-Transporter zu fliegen; der andere ein französischer Ingenieur, der beim Astrium-Konzern an der Entwicklung des fliegenden Lastesels mitgearbeitet hat.
Die Internationale Raumstation, das zeigt sich auch hier beim Training, ist ein durch und durch internationales Projekt. Dass die europäischen Astronauten neben Englisch auch Russisch beherrschen müssen, versteht sich da quasi von selbst. Polownikow spricht im simulierten Kontrollraum des Kölner Trainingszentrum seine Kommandos auf Russisch ins Headset. Und Gerst antwortet ihm in derselben Sprache, mit gelegentlich eingestreuten englischen Sätzen: "All Systems go!"
Ferra sitzt währenddessen beim Astronauten in der nachgebauten Raumstation und schaut ihm auf die Finger. "Das muss automatisch ablaufen, wie beim Autofahren", sagt der Franzose. Deswegen werden die Prozeduren wieder und wieder geprobt. Heute läuft zum Glück alles ohne Probleme, die Ausbilder streuen nicht - wie sonst manchmal - gezielte Schwierigkeiten ein, die Gerst lösen muss. In Wahrheit ist das Ganze ohnehin eine hochkomplizierte Angelegenheit. Allein die Warning Procedures, die Warnprozeduren für den Anflug des ATV, füllen einen ganzen Aktenordner, der nebenan bei Polownikow im Regal steht.
Insgesamt dauert die Fahrschule für den Raumtransporter etwa zweieinhalb Wochen. Die letzten Lektionen wird Gerst dann an Bord der Raumstation durchnehmen, wo es für diesen Zweck einen Trainingslaptop gibt. Die Astronauten laufen bei der schieren Menge des Lernstoffs Gefahr, das eine oder andere zwischendrin zu vergessen. Deswegen wird aufgefrischt, wenn es ernst wird.
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