Raumfahrt-Sonderausstellung "Einzige Schiffsratte der Weltraumgeschichte"

Eine Plüschfigur, ein Handschuh, eine Gasmaske - und Raketenschrott: Eine Sonderausstellung in Berlin zeigt ab sofort Objekte zum Thema "40 Jahre Deutsche im Weltall". Hier sind die spannendsten Ausstellungsstücke.

SPIEGEL ONLINE

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Wenn alles fünfeinhalb Mal so viel Gewicht hat wie auf der Erde, kann selbst ein Kuscheltier ganz schön nerven. Dass musste Reinhold Ewald im März 1997 feststellen. Der deutsche Raumfahrer war gerade zusammen mit zwei russischen Kollegen an Bord des Raumschiffs "Sojus TM-24" auf dem Weg von der Raumstation "Mir" zur Erde. Und auf dem Schoß trug er beim turbulenten Ritt zurück aus dem All eine Hein-Blöd-Figur.

Die hatte Ewald im Auftrag der "Sendung mit der Maus" auf seine knapp 20 Tage dauernde Reise in den Weltraum mitgenommen. Der von Walter Moers erdachte Nager sollte mit Auftritten im All Kinder für die Forschung begeistern, indem er sich auf eine gespielte Suche nach Sternenstaub machte. Der mittlerweile verstorbene Schauspieler Wolfgang Völz, Synchronstimme von Blöds Kumpel Käpt'n Blaubär, war für die Aufnahmen extra ins Weltraum-Kontrollzentrum gekommen.

In Ewalds Sack für die persönlichen Gegenstände hatte das Spielzeug in der engen "Sojus"-Rückkehrkapsel dann aber keinen Platz mehr gefunden, sodass es der Raumfahrer sozusagen am Mann tragen musste. "Da wissen Sie, wie innig die Beziehung zu diesem Stofftier war", beantwortet Ewald die Frage danach, warum die Figur eigentlich so leicht zerknautscht aussehe. Sie hat eben schon so einiges mitgemacht. "Das ist die einzige geflogene Schiffsratte der Weltraumgeschichte."

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Ausstellung in Berlin: "40 Jahre Deutsche im Weltall"

Hein Blöd ist eines von 100 Ausstellungsstücken, die das Deutsche Technikmuseum in Berlin ab Donnerstag in einer kleinen Sonderausstellung unter dem Titel "40 Jahre Deutsche im Weltall" zeigt. Anlass ist der Raumflug von Sigmund Jähn vor genau 40 Jahren, der NVA-Jagdflieger war der erste Deutsche im All.

Seitdem sind insgesamt elf Raumfahrer aus Deutschland im Weltraum gewesen, allesamt Männer übrigens. Aktuell fliegt der Geophysiker Alexander Gerst bei seiner zweiten Mission in der Internationalen Raumstation um die Erde, er wird erstmals sogar Kommandant der Station. Auch zwei Außeneinsätze stehen demnächst auf seinem Programm.

Reinhold Ewald war einer der anderen zehn - und zur Vorstellung der Berliner Sonderausstellung teilt er bereitwillig Anekdoten zu einigen der gezeigten Ausstellungsstücke. Direkt neben Hein Blöd ist da zum Beispiel der Handschuh seines russischen Sokol-Raumanzuges. Den muss jeder tragen, der in einer "Sojus" ins All fliegt, bis heute.

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Deutsche Raumfahrer: Jähn, die zehn - und ein Maurer

Eine Besonderheit an dem Kleidungsstück ist seine knappe Passform - weil er bei niedrigerem Druck zum Einsatz kommt. "Wenn sie bei Normaldruck Schmerzen in den Fingern haben, wissen Sie, dass sie im Weltraum richtig arbeiten können", so Ewald. Dann wird der Raumanzug nämlich von innen aufgepumpt - und der Handschuh drückt auf einmal nicht mehr.

Ebenso ist ein Modell der Sauerstoffmaske ausgestellt, die dem Raumfahrer und seinen Kollegen einst das Leben rettete. Am 23. Februar 1997 war auf der "Mir" ein Feuer an einer 600-Liter-Sauerstoffpatrone ausgebrochen. "Das war bis dahin noch nie passiert", erinnert sich der Raumfahrer. Manche Experten auf der Erde hätten sogar geargwöhnt, dass es so etwas eigentlich im All gar nicht geben könne, ein Feuer. Weil der sogenannte Kamineffekt durch aufsteigende Luftströmungen, der eine Flamme auf der Erde stabilisiert, in der Schwerelosigkeit des Alls gar nicht auftritt.

Aber nun brannte die Patrone eben doch, eine Katastrophe drohte. Geschützt durch die Masken gelang es der Besatzung zum Glück, das Feuer zu löschen - auch wenn die Station zweieinhalb Stunden lang danach völlig verraucht war. "Man konnte auf Armeslänge nicht mehr sehen", so Ewald. Schließlich taten die Luftfilter wieder ihren Dienst - und die Crew konnte im wahrsten Sinne des Wortes aufatmen.

Sonderlich groß ist die Berliner Schau nicht, rund 150 Quadratmeter auf einer Empore zwischen den verschiedenen Flugzeugen des Hauses, aber es sind diese kleinen Geschichten, die sie durchaus interessant machen. Da ist der kleine Startschlüssel zu sehen, mit dem Ewalds Rakete ins All geschickt wurde, ein Overall des 1995 bei einem Flugunfall verstorbenen Astronauten Reinhard Furrer, ein Stück der Berliner Mauer, das 1992 mit einem Space Shuttle ins All flog - und ein zur Erde zurückgestürztes Trümmerteil der Rakete, die Alexander Gerst im Juni dieses Jahres zum zweiten Mal ins All gebracht hat.

Dazu kommen jede Menge Weltraumnahrung, kleine Souvenirs und Teile von Experimenten. Viele der gezeigten Objekte stammen vom Privatsammler Tasillo Römisch aus dem sächsischen Mitweida, der dort ein Raumfahrtmuseum betreibt und mit seinen Exponaten auch auf Tour geht. Zur Eröffnung der Sonderausstellung war auch er nach Berlin gekommen.

Und noch einer trat zur Ausstellungseröffnung auf: Eberhard Köllner, einst Ersatzmann für Sigmund Jähn und wie dieser NVA-Jagdflieger. "Es kann nur einer die Nummer eins sein", sagt er ganz augenscheinlich ohne Groll über den Umstand, dass er eben nur fast im Weltraum war. Das hat auch mit den Entwicklungen der deutschen Geschichte zu tun. Zu einem zweiten Flug eines DDR-Raumfahrers ins All kam es durch die Wende nicht mehr.

Ist Köllner also der Fall der Mauer auf dem Weg in den Weltraum dazwischengekommen? "Kann man so sagen", sagt er grinsend.


Deutsches Technikmseum Berlin, Trebbiner Str. 9, 10963 Berlin. Die Sonderausstellung "40 Jahre Deutsche im Weltall" läuft bis zum 30. Dezember.



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