"Discovery"-Panne Nasa im Rennen gegen die Zeit

Nach der Absage des "Discovery"-Starts suchen die Techniker der Nasa unter Hochdruck die Ursache für die rätselhafte Fehlfunktion der Treibstoff-Anzeige. Sollten sie nicht bald Erfolg haben, muss der Shuttle-Start auf September verschoben werden.


"Discovery" nach dem Abbruch des Countdowns: Fehlerhafte Treibstoffanzeige
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"Discovery" nach dem Abbruch des Countdowns: Fehlerhafte Treibstoffanzeige

Cape Canaveral - Die Serie peinlicher Pannen bei der Nasa reißt nicht ab. Während unbemannte Raumsonden wie "Cassini", "Deep Impact" und die beiden Mars-Rover "Spirit" und "Opportunity" einen Erfolg an den anderen reihen, kommt die bemannte Raumfahrt buchstäblich nicht vom Fleck. Wieder einmal war es ein technischer Defekt, der den planmäßigen Start der "Discovery" verhinderte.

Eine der vier Treibstoffanzeigen im Außentank funktionierte nicht richtig. Das ist wichtig, weil die drei Haupttriebwerke des Shuttles automatisch abgestellt werden, wenn zwei der vier Sensoren einen fast leeren Tank anzeigen. Ein verfrühtes Abschalten könnte nach Angaben der Nasa die Triebwerke beschädigen, den Shuttle zu einer Notlandung zwingen oder in einer zu geringen Höhe ankommen lassen.

"Als die Anzeigen verrückt spielten, beschlossen wir, dass es Zeit war, alles abzusagen", sagte Wayne Hale, Manager des Shuttle-Programms. Wenige Stunden zuvor hatte es bereits Aufregung gegeben, als die Verkleidung eines Cockpitfensters abfiel und den Hitzeschild der "Discovery" beschädigte. Ein ähnlicher Schaden hatte den Absturz der "Columbia" im Februar 2003 und damit den zweieinhalbjährigen Stopp des Shuttle-Programms verursacht.

Roskosmos-Chef: "Nicht gleich in Panik verfallen"

Bei der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos stieß die Entscheidung zur Absage des "Discovery"-Starts auf Unverständnis. "Man hätte auch mit diesem Fehler durchaus starten können", sagte Roskosmos-Chef Anatoli Perminow. Wenn einer von vier Treibstoffanzeigern ausfalle, "muss man wegen eines solchen Defekts nicht gleich in Panik verfallen."

Die Techniker der US-Raumfahrtbehörde hatten gehofft, den Grund für den Fehler bis Donnerstagabend zu finden, um einen Start am Samstag möglich zu machen. Von diesem Termin musste die Nasa jedoch bereits abrücken. Am Donnerstagabend hieß es, ein erneuter Start sei frühestens am Sonntag möglich. Selbst um diesen Termin einzuhalten, müsse die Nasa äußerst viel Glück haben, sagte Wayne Hale, stellvertretender Manager des Shuttle- Programms. Die Ingenieure räumen selbst ein, dass das Problem sporadisch und ohne ersichtlichen Grund auftaucht - und das erstmals schon bei Tests im April.

Horror für Techniker

Fehlfunktionen, die sich nicht reproduzieren lassen, gehören für die Techniker zu den unangenehmsten Schwierigkeiten, da sich die Fehlersuche in solchen Fällen lange hinziehen kann. "Es ist zurzeit eine unerklärliche Anomalie", sagte Hale. Er fühle sich an sein altes Auto erinnert, dessen Elektrik hin und wieder rätselhafte Aussetzer hatte. "Unerklärliche Anomalien sind die schlimmsten", so Hale.

Nasa-Manager Hale: "Das erinnert mich an mein altes Auto"
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Nasa-Manager Hale: "Das erinnert mich an mein altes Auto"

Die sieben Astronauten, die bereits in ihren Sitzen festgeschnallt waren, mussten die "Discovery" am Mittwochabend wieder verlassen. Der Haupttank, der zwei Millionen Liter flüssigen Wasserstoff und Sauerstoff enthält, wurde entleert.

Bis Ende Juli hat die Nasa Zeit für einen erneuten Startversuch. Sollte der Grund für die fehlerhafte Treibstoffanzeige bis dahin nicht gefunden werden, könnte die "Discovery" frühestens am 9. September starten. Eine Verschiebung des Starts um mehrere Monate wäre für die Nasa ein herber Rückschlag. Die Fertigstellung der Internationalen Raumstation würde zeitlich noch weiter in Rückstand geraten, und auch die Pläne von US-Präsident George W. Bush für bemannte Flüge zum Mond und danach zum Mars bekämen einen Dämpfer.

Kleines Zeitfenster für den Start

Die Weltraumfähren haben bei Flügen zur Internationalen Raumstation (ISS) jeden Tag ein etwa fünfminütiges Startfenster. Dann liegen die Flugbahnen der Station und des Shuttles so optimal, dass ein Andocken nach zwei Tagen möglich ist. Das Startfenster verschiebt sich auf Grund der Umlaufbahn der ISS jeden Tag um etwa 23 Minuten nach vorn.

Die ISS umrundet die Erde alle 90 Minuten und überquert den Äquator immer an unterschiedlichen Stellen. Wenn das Shuttle außerhalb des Startfensters starten würde, müsste es der Station für eine perfekte Andockposition lange hinterher jagen - was zu viel Energie kosten würde.

Beim Flug der "Discovery" kommt eine Sicherheitsanforderung hinzu, die nur für diesen Flug gilt. Weil sich beim Start der 2003 verunglückten Raumfähre "Columbia" ein Stück Schaumstoff vom Außentank gelöst und den Tragflügel beschädigt hatte, steckte die Nasa 1,1 Milliarden Dollar (rund 910 Millionen Euro) in die Verbesserung der Shuttles und einen völlig neu konzipierten Außentank. Der Start der "Discovery" soll von allen Seiten gefilmt und fotografiert werden, um eventuelle Fehler zu dokumentieren. Deshalb darf die Raumfähre diesmal nur bei Tageslicht abheben.



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