Das Spektakel elektrisierte Fernsehnation und Zuschauer vor Ort gleichermaßen. Und nebenbei war es der letzte Beweis, dass Amerika seine Rolle als Führungsmacht im All eingebüßt hat: In 500 Metern Höhe rauschte die Raumfähre "Discovery" vor wenigen Wochen über Washington. Doch es ging nicht um eine Reise in ferne Welten. Befestigt auf einem Jumbo-Jet war der Shuttle vielmehr auf Abschiedstour ins Museum.
Seit dem letzten Flug der Raumfähren im vergangenen Sommer sind die Amerikaner in einer quälenden Zwischenphase: Die Russen karren Astronauten und Versorgungsgüter zur Internationalen Raumstation. Auch Europäer und Japaner können selbständig Nachschub schicken. Nur die All-Macht von einst steht gedemütigt an der Seitenlinie.
Der für Samstag geplante, schon mehrfach verschobene Start der Raumkapsel "Dragon" vom Launch Complex 40 in Cape Canaveral (US-Bundesstaat Florida) soll ein erster Schritt sein, das zu ändern. "Das ist ein Meilenstein. Zum ersten Mal versucht die Privatindustrie ein solch wichtiges Raumfahrtunternehmen zu meistern", sagt Gerhard Thiele im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der frühere deutsche Astronaut arbeitet mittlerweile als Resident Fellow am European Space Policy Institute in Wien. Er ist sich sicher, dass die Privaten aus der Raumfahrt der Zukunft nicht mehr wegzudenken sein werden: "Ich wäre überrascht, wenn die Staaten eine weitere internationale Raumstation auflegen", sagt er. Also müssten eben die Unternehmer ran.
Für die Nasa-Manager wird auch in Zukunft genug zu tun sein
Zu befördern sind insgesamt 20 Tonnen Fracht - und das unternehmerische Risiko liegt allein bei SpaceX. Genau das ist das Neue an dem Ansatz: Raumfahrtorganisationen haben seit jeher mit Privatfirmen zusammengearbeitet. Doch nun übernehmen die Privatiers auch die Verantwortung. Neben SpaceX hat auch das Unternehmen Orbital Sciences einen Transportvertrag über acht Flüge mit der Nasa abgeschlossen. "Das ist der Weg der Zukunft", sagt Raumfahrtanalyst Thiele.
Die privaten Bringdienste versprechen vor allem deutlich niedrigere Kosten. Deswegen sind auch die notorisch klammen Nasa-Manager begeistert. Für sie wird trotzdem auch in Zukunft genug zu tun sein: Ungeachtet der futuristischen Pläne eines Privatkonsortiums zur Rohstoffsuche auf Asteroiden: Erkundungsmissionen in die Tiefen des Alls werden realistischerweise nicht von Unternehmen gestartet werden. Die experimentelle - und teure - Erkundung unserer kosmischen Nachbarschaft bleibt Kernaufgabe staatlicher Behörden. Fliegen und fliegen lassen, sozusagen.
"Technisch ist das eigentlich gar nichts besonderes"
"Dragon" soll dieses Prinzip umsetzen. Am Kopf einer "Falcon"-Rakete hat die Kapsel aber erst einen einzigen Testflug um die Erde absolviert. Nun soll sie sich erstmals der Raumstation nähern. Immer wieder ist der Start zuletzt verschoben worden. "Technisch ist das eigentlich gar nichts besonderes", sagt Gerhard Thiele.
Verglichen mit dem europäischen Raumtransporter ATV und den russischen Progress-Raumschiffen, die beide automatisch an der ISS andocken, ist die Prozedur recht archaisch: Das fliegende Carepaket nähert sich der Raumstation ganz gemütlich. Dann wird es von Astronaut Don Pettit mit dem Roboterarm eingefangen. Durch die Fenster des "Cupola"-Moduls wird der Nasa-Mann das Manöver überwachen, assistiert von seinem niederländischen Esa-Kollegen André Kuipers.
SpaceX kalkuliert nach eigenem Bekunden durchaus einen Fehlschlag der Mission ein. Raumfahrt-Routiniers wie Neil Armstrong oder Eugene Cernan werden besonders aufmerksam zuschauen - sie haben durchblicken lassen, dass sie den Privaten nicht so recht über den Weg trauen.
Doch die kalifornischen Raumtaxifahrer expandieren kräftig. Nach dem aktuellen Test will SpaceX noch in diesem Jahr zwei weitere Transporte zur ISS schicken. Zum Raketenstartplatz in Florida wird bald noch ein weiterer auf der Vandenberg Air Force Base in Kalifornien kommen - und wahrscheinlich noch einer in Texas. Mit kommerziellen Satellitenstarts will die Firma Geld verdienen. Verträge mit Satellitenbetreibern wie Iridium, SES, AsiaSat und Thaikom gibt es bereits zuhauf.
Mond und Mars im Blick
Doch eigentlich hat SpaceX viel weiterreichende Ziele als nur den Warentransport in den Orbit. Zunächst einmal soll "Dragon" für den bemannten Einsatz ausgebaut werden. Bereits jetzt hat die Kapsel einen Hitzeschild. Mit seiner Hilfe kann sie unbeschadet zur Erde zurückkehren - einstweilen mit überschüssigem Krimskrams von der ISS. Später einmal sollen bis zu sieben Astronauten in der Kapsel sitzen. Auch die Firmen Blue Origin, Sierra Nevada und Boeing arbeiten an ähnlichen Astronautentransportern.
Doch damit nicht genug: In absehbarer Zeit will SpaceX sogar Raumfahrer zum Mond oder Mars schicken - ein Ziel, von dem sich die Offiziellen der Nasa aus Kostengründen de facto verabschiedet haben. Bei SpaceX entwickelt man für solche Einsätze die Schwerlastrakete "Falcon Heavy". Sie soll zumindest halb so leistungsstark werden wie die legendäre "Saturn V" der Nasa - und damit kräftiger als alles, was der Menschheit derzeit zur Verfügung steht.
Endgültiges Ziel von SpaceX-Firmenchef Elon Musk ist freilich eine voll wiederverwendbare Rakete: "Das ist der heilige Gral der Raketentechnologie." Bei einem aktuellen "Falcon"-Start entfielen gerade einmal drei Prozent der Kosten auf den Sprit - und der Rest auf die fliegende Technik, die jedes Mal wieder neu gekauft werden muss. Durch wiederverwendbare Raketen könnten die Kosten beim Raumtransport um den Faktor 100 sinken, glaubt Musk. Man kaufe ja schließlich auch nicht für jede Fahrt mit dem Auto ein neues Modell.
Dass er viel mehr sein will als nur ein Lieferdienst zur Raumstation, stellte der Firmenchef vor kurzem noch einmal im Fernsehsender CBS klar: "Ich glaube, dass es wichtig ist, dass die Menschheit eine multiplanetare Spezies wird." Und dabei wolle er mit seiner Firma mithelfen. "Das ist, warum ich SpaceX wirklich gegründet habe." Insofern ist der "Dragon"-Start wirklich nur der Anfang.
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