Drehung im All Saturnmond schlug Purzelbaum

Das Rätsel des Saturnmonds Enceladus ist offenbar gelöst. Wissenschaftler glauben, herausgefunden zu haben, warum der heißeste Fleck des Mondes ausgerechnet an seinem Südpol liegt: Der 500 Kilometer große Brocken hat eine Turnübung vollführt.


Als die Raumsonde "Cassini" im Sommer vergangenen Jahres an Enceladus vorbeiflog und Infrarotbilder zur Erde schickte, waren die Forscher perplex: Am Südpol des Saturnmondes markierte ein weiß glühender Fleck die mit Abstand wärmste Stelle des überfrorenen Felsbrockens. Die Experten aber hatten erwartet, dass der Südpol wegen der geringen Sonneneinstrahlung einer der kältesten Bereiche des Mondes ist. Ihr Bild von Enceladus war auf den Kopf gestellt.

Jetzt wird offenbar, dass genau das auch dem Mond widerfahren sein könnte: Enceladus hat eine Rolle vollführt. Auf diese Weise, schreiben Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature", habe der heiße Fleck an Enceladus' Südpol gelangen können.

Das Team um Francis Nimmo von der University of California in Santa Cruz glaubt, dass eine Unwucht zu der Neuausrichtung des Saturnmonds geführt hat: Eine Blase warmen Materials mit geringer Dichte im Innern von Enceladus sei in der Nähe des Äquators in Richtung Oberfläche gestiegen und habe die Drehung gestört.

Eine rotierende Kugel verhält sich stabil, solange sie am Äquator größere Masse besitzt als anderswo. "Jede Neuverteilung von Masse innerhalb des Objekts kann zur Instabilität der Rotationsachse führen", erklärt Nimmo. Die Kugel beginnt in solchen Fällen zu taumeln, und genau das sei auch Enceladus passiert. Am Ende habe sich der leichteste Bereich - derjenige mit der warmen, lockeren Blase - am Südpol eingefunden.

Heiße Blase kann auch Tigerstreifen erklären

Computersimulationen hätten ergeben, dass Enceladus auf diese Weise in seine heutige Lage gelangt sein könnte: Ein warmer Körper geringer Dichte könne den Mond um bis zu 30 Grad rollen lassen. Die Blase, von Geologen auch Diapir genannt, könne sich entweder in Enceladus' eisiger Hülle oder aber in seinem felsigen Inneren befinden. In beiden Fällen würde sie aufgrund seiner geringeren Dichte in Richtung Oberfläche aufsteigen.

Das könnte auch die seltsamen geologischen Formationen erklären, die Forscher ebenfalls am Südpol des Mondes entdeckt und liebevoll "Tigerstreifen" genannt haben. Messungen mit Hilfe der Raumsonde "Cassini" hatten ergeben, dass es sich um Verwerfungen handelt, die Wasser ins All sprühen - wie ein Geysir, nur dass das Wasser in diesem Fall sofort zu Eispartikeln gefriert.

Erst im März haben Forscher in einer Artikelserie im Fachblatt "Science" berichtet, dass unter Enceladus' Oberfläche flüssiges Wasser schwappt und der kleine Mond gar eine Atmosphäre besitzt. Der Grund für die überraschende geologische Aktivität: Die enorme Schwerkraft des Saturns knetet den Winzling so kräftig durch, dass in seinem Inneren Wärme entsteht. Dadurch kann sich auch die Eishülle von Enceladus ständig erneuern und dem Mond sein strahlendes Weiß verleihen.

mbe



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