Entdeckung im All Vermisste Materie bildet kosmisches Spinnennetz

Die Entdeckung könnte helfen, eine fundamentale Frage über das All zu klären: Wo ist all die Materie, die nach den Modellen der Astronomen eigentlich vorhanden sein müsste, aber von der bisher jede Spur fehlte? Jetzt haben Forscher sie entdeckt - in Form eines gigantischen Spinnennetzes.


Paris - So viel die Astronomen auch rechneten, bis jetzt wollte die Gleichung nicht so recht aufgehen: Eigentlich müsste die sichtbare Materie in Galaxien, Sternen und Gasen etwa fünf Prozent der Gesamtmasse des Universums ausmachen. Doch so große Mengen ließen sich bei weitem nicht beobachten.

Wissenschaftler vermuten seit rund zehn Jahren, dass das Universum von hauchdünnen Gasfäden durchwebt ist, die Galaxienhaufen miteinander verknüpfen. Nun haben Forscher um Alexis Finoguenov vom Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching einen solchen Gasschleier erstmals beobachten können. Mit den Galaxien als Knotenpunkten bildeten die Gase ein gigantisches kosmisches Netz, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin "Astronomy & Astrophysics".

In den gängigen Modellen der Astronomen besteht das Universum zu 72 Prozent aus der sogenannten Dunklen Energie, zu 23 Prozent aus Dunkler Materie und nur zu rund 5 Prozent aus der bekannten sichtbaren Materie mit ihren Atomen und Elektronen. Über die Beschaffenheit der Dunklen Energie und Dunklen Materie ist nur wenig bekannt.

Durch Messungen mit dem Röntgen-Weltraumteleskop XMM-Newton haben die Forscher um Finoguenov nun immerhin die Gasschleier aufgespürt. Da diese sehr dünn sind, konnten die Forscher sie nicht durch einen Blick von der Seite ausfindig machen. Stattdessen mussten sie eine besondere räumliche Stellung zweier Galaxienhaufen finden. In rund 2,3 Milliarden Lichtjahren Entfernung von der Erde liegen die Haufen Abell 222 und 223 etwas versetzt hintereinander, sodass sich in der Sichtlinie entlang des Gasschleiers sehr viel strahlende Materie befindet.

Das Gas hat eine Temperatur von 100.000 bis mehrere Millionen Grad Celsius und sendet daher Röntgenstrahlung aus. Dieses heiße Gas sei ein Teil der bisher vermissten Materie, schreiben die Wissenschaftler. "Nun können wir erstmals auch die Verbindungsfäden des kosmischen Spinnennetzes studieren", sagt die an der Untersuchung beteiligte Forscherin Aurora Simionescu vom Garchinger Max-Planck-Institut.

chs/ddp



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.