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Satelliten-Ausfall: Weltraumbehörde gibt All-Koloss "Envisat" verloren

Die Esa gibt ihr Flaggschiff auf: Die Mission von "Envisat" ist offiziell beendet. Einen Monat lang hat die Europäische Weltraumbehörde versucht, den verlorenen Kontakt zu dem riesigen Satelliten wiederherzustellen - vergeblich, wie sich jetzt zeigt.

"Envisat": Esa gibt das Satelliten-Flaggschiff verloren Fotos
AFP/ ESA

"Envisat" war der Stolz der Esa, der teuerste Satellit in der Geschichte der Weltraumbehörde und der größte Erdbeobachtungssatellit, der jemals die Erde umkreist hat. Jetzt ist der 8,2 Tonnen schwere Trabant endgültig verloren: Die Esa hat seine Mission für beendet erklärt. "Trotz kontinuierlicher Befehle eines weitverzweigten Netzes von Bodenstationen gab es bisher keine Reaktion des Satelliten", teilte die Esa am Mittwoch mit.

Das Ende kam überraschend: Kurz nach einem Überflug über die nördliche Mittelmeerregion am 8. April hatte sich "Envisat" einfach nicht mehr gemeldet. Man werde noch zwei Monate lang versuchen, den Kontakt wiederherzustellen, erklärte die Esa. Die Chancen, "Envisat" zu retten, seien aber "äußerst gering".

Der Ausfall des Satelliten stellt die Techniker vor ein Rätsel. Bisher halten sie folgende Szenarien für möglich:

  • Weltraumschrott, der selbst in Form kleinster Bröckchen enorme Zerstörungen verursachen kann, könnte den Satelliten getroffen haben.
  • Der Leistungsregler ist ausgefallen, so dass Datenübertragung und Fernsteuerung blockiert sind.
  • Ein Kurzschluss könnte den Satelliten in den "abgesicherten Modus" versetzt haben, eine Art Notfallprogramm. Dabei sei es möglicherweise zu einem weiteren Zwischenfall gekommen, wodurch sich "Envisat" nun in einem "unbekannten Zwischenzustand" befinden könnte.

Das Weltraumschrott-Szenario erschien schnell als unwahrscheinlich: Vom Boden aus geschossene Radarbilder und Aufnahmen des französischen "Pleiades"-Satelliten zeigten einen äußerlich intakten Satelliten, der in der richtigen Umlaufbahn flog und die passende Ausrichtung zur Sonne hatte, also nicht ins Taumeln geraten war. Ob eines der anderen Szenarien zutrifft, wissen die Techniker bis heute nicht.

Für die Wissenschaft ist der "Envisat"-Ausfall ein schmerzhafter Verlust: Die Lücken sind mit anderen Satelliten nicht ohne weiteres zu schließen - auch wenn einige Forscherteams aushilfsweise auf zwei kanadische Radarsatelliten setzen. Das Problem: Bei der Erdbeobachtung benötigen Forscher meist lange Datenreihen, um Veränderungen auf dem Planeten präzise dokumentieren und erkennen zu können.

Erst am Dienstag warnte der National Research Council (NRC) der USA vor einem künftigen Engpass in der Erdbeobachtung: Die Zahl der Satelliten, die sich im Auftrag amerikanischer Forschungsbehörden im Weltraum befinden, könnte bis 2020 von aktuell 22 auf sechs sinken. Nur zwei der 18 neuen Missionen, die bis zum Jahr 2007 angekündigt wurden, hätten bislang feste Starttermine.

"Envisat" wird zu Weltraumschrott

Die Enttäuschung bei der Esa ist auch deshalb besonders groß, weil "Envisat" bisher äußerst erfolgreich war und zuverlässig funktionierte. Er war bereits im März 2002 gestartet und hatte damit mehr als das Doppelte seiner ursprünglich geplanten Einsatzdauer erreicht - "womit seine Außerbetriebnahme überfällig war", heißt es in einer Esa-Mitteilung. Mit seinen zehn Sensoren habe "Envisat" über tausend Terabyte an Daten gesammelt, auf denen rund 2500 wissenschaftliche Veröffentlichungen basierten.

Jetzt aber fliegt der Koloss, der einst 2,3 Milliarden Euro gekostet hat, in 790 Kilometern Höhe als riesiges Stück Weltraumschrott um die Erde. "Unsere Experten gehen davon aus, dass er dort mehr als hundert Jahre bleiben wird", sagt Esa-Direktor Volker Liebig. An eine kontrollierte Rückholung des Satelliten habe beim Start vor gut zehn Jahren niemand gedacht.

Dumm nur, dass "Envisat" mit seinen Maßen - 26 mal 10 mal 5 Meter - eine riesige Zielscheibe für andere Schrottteile ist. Ein Dutzend Mal haben Esa-Mitarbeiter in den vergangenen Jahren mit gezielten Steuermanövern ihren Satelliten vor solchen Zusammenstößen geschützt. Wenn "Envisat" weiter stumm bleibt, ist das nun nicht mehr möglich.

Bei einem Zusammenstoß könnten größere Mengen an zusätzlichem Weltraummüll entstehen und ein bereits jetzt gravierendes Problem noch weiter verschlimmern.

mbe

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1.
Vulki 09.05.2012
"...hatte damit mehr als das Doppelte seiner ursprünglich geplanten Einsatzdauer erreicht - womit seine Außerbetriebnahme überfällig war...An eine kontrollierte Rückholung des Satelliten habe beim Start vor gut zehn Jahren niemand gedacht." Da scheint der Hase im Pfeffer zu liegen. Stattdessen Gejammer, dass das Ding doch nicht ewig hält - sind die Forscher gierig geworden?
2. Ich sage nur…
prösus 09.05.2012
2,3 Milliarden - und will gar nicht wissen, in wie viele Kitaplätze man das umrechnen könnte… oder Bierkästen! …und diese Weltraumschrottgeschichte zeigt einmal mehr, wie DUMM die Menschen (konkrekt: bestimmte Wissenschaftler) sind, wenn es um Umweltfragen geht. Denn ja, auch der Weltraum ist Umwelt - im wahrsten Sinne des Wortes sogar.
3.
Ischi 09.05.2012
Zitat von Vulki"...hatte damit mehr als das Doppelte seiner ursprünglich geplanten Einsatzdauer erreicht - womit seine Außerbetriebnahme überfällig war...An eine kontrollierte Rückholung des Satelliten habe beim Start vor gut zehn Jahren niemand gedacht." Da scheint der Hase im Pfeffer zu liegen. Stattdessen Gejammer, dass das Ding doch nicht ewig hält - sind die Forscher gierig geworden?
Sie behaupten allen ernstes dass Sie zu der immer kleineren Minderheit angehören, die nicht Produkte wie GoogleMaps oder Wetter und Klimadaten konsumiert?
4.
sehrleise 09.05.2012
Zitat von sysopAFP/ ESADie Esa gibt ihr Flaggschiff auf: Die Mission von "Envisat" ist offiziell beendet. Einen Monat lang hat die Europäische Weltraumbehörde versucht, den verlorenen Kontakt zu dem riesigen Satelliten wiederherzustellen - vergeblich, wie sich jetzt zeigt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,832304,00.html
Tja, das kommt davon wenn man sich für Windows entscheidet. ;-) Ok, der war schlecht - Reflex. Aber irgendwie macht diese Theorie keinen Sinn. Jedes einfache zeitkritische System hat ein Watchdog System, das die betroffene Einheit oder notfalls das gesamte System in instabilen Zuständen neu startet. Diese Theorie würde also implizieren, dass ein solches System bei diesem milliarden teuren Satelliten fehlt.
5. .
markusb1976 09.05.2012
Zitat von prösus2,3 Milliarden - und will gar nicht wissen, in wie viele Kitaplätze man das umrechnen könnte… oder Bierkästen! …und diese Weltraumschrottgeschichte zeigt einmal mehr, wie DUMM die Menschen (konkrekt: bestimmte Wissenschaftler) sind, wenn es um Umweltfragen geht. Denn ja, auch der Weltraum ist Umwelt - im wahrsten Sinne des Wortes sogar.
Was bin ich froh das Menschen wie sie nicht all zu viel zu sagen haben. Leute wie sie haben Otto Lilienthal verspottet.
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