Entscheidende Esa-Tagung: Europäer streiten um die Zukunft im All

Aus Neapel berichtet Christoph Seidler

Esa-Gipfel: Europas kosmische Baustellen Fotos
REUTERS / Nasa

Wie geht es weiter mit der Ariane-Rakete? Und wie mit der Internationalen Raumstation? Unter den klammen Mitgliedstaaten der Europäischen Weltraumorganisation herrscht Streit. Beim Gipfeltreffen in Neapel könnte es zur Eskalation kommen.

Man trifft sich in martialischem Ambiente. Einst hatte Italiens Diktator Benito Mussolini das Übersee-Messezentrum in Neapel bauen lassen, um Italiens Aufstieg zur Kolonialmacht architektonisch zu orchestrieren. Ab Dienstagmorgen geht es im protzigen Mostra d'Oltremare nun um deutlich fernere Welten: Die 20 Mitgliedstaaten der Europäischen Weltraumorganisation kommen zu ihrem Gipfeltreffen zusammen.

Schon lange gab es nicht so viel Streit wie dieses Mal. Wochenlang haben sich die Esa-Staaten wieder und wieder zur Vorbereitung des Gipfels getroffen. Doch von einem Kompromiss ist man weit entfernt. Am Vorabend des Gipfels hieß es aus Verhandlungskreisen, die Situation sei "sehr, sehr kompliziert". Für Deutschland steigt eine Delegation um Wirtschaftsstaatssekretär Peter Hintze (CDU) und Johann-Dietrich Wörner, Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), in den Ring.

Es gibt zahlreiche Streitpunkte:

1. Wie geht es weiter mit der Ariane-Rakete?

Hier liegen sich Deutschland und Frankreich seit Monaten in den Haaren. Frankreich will das aktuelle Modell Ariane 5 durch eine komplette Neuentwicklung ablösen. Auch Esa-Chef Jean-Jaques Dordain scheint diese Variante zu favorisieren. Die Ariane 6 soll deutlich kleiner ausfallen und nur noch einen Satelliten pro Start in den Orbit bringen; bisher sind es zwei. Die Franzosen hoffen nun auf mehr Flexibilität auf dem hart umkämpften Markt für Satellitenstarts - vor allem aber auf Hightech-Arbeitsplätze im eigenen Land durch Entwicklung und Bau des kleineren Modells unter französischer Führung. Das würde allerdings insgesamt 4,5 Milliarden Euro kosten.

Deutschland, nach Frankreich zweitgrößter Zahler im Ariane-Programm, will hingegen die große Rakete weiterentwickeln. Kostenpunkt: etwa 1,4 Milliarden Euro. Die von Berlin favorisierte Ariane 5 ME soll durch eine neue, mehrfach zündbare Oberstufe flexiblere Einsatzmöglichkeiten bieten - und pro Start 20 Prozent mehr Nutzlast befördern. Der Raumfahrtkonzern Astrium hat im Auftrag der Esa dafür technische Konzepte dazu erarbeitet.

Mit den benötigten Oberstufen kennt man sich aus in Deutschland, deswegen beharrt die Bundesregierung auf der Ariane 5 ME - und will erst in einem späteren Schritt eine komplett neue Rakete bauen. "Eine einfache Rechnung zeigt, dass es billiger wäre, beide Raketen nacheinander zu bauen, statt Ariane 6 sofort", sagt DLR-Chef Wörner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Franzosen sehen das nicht so; zwischenzeitlich drohten sie patzig, die Entwicklung notfalls allein zu übernehmen. "Wenn jedes Land macht, was es will, brauchen wir keine Esa", kontert Wörner. Er hoffe trotzdem auf eine Verständigung mit Frankreich - "weil wir eine Schicksalsgemeinschaft sind".

Im schlechtesten Fall riskiert Europa, eines Tages ohne eigenen Zugang zum All dazustehen - und Dienste bei Firmen wie SpaceX oder aber in Russland, China oder Indien einkaufen zu müssen. Elon Musk, Chef von SpaceX, ließ am Montag noch einmal via BBC ausrichten, die Ariane 5 habe "keine Chance" gegen die billigeren Falcon-9- und Falcon-Heavy-Raketen aus seinem Hause.

2. Wie zahlen die Europäer ihren Beitrag für die Internationale Raumstation?

Bisher hat Europa seine Beteiligung am fliegenden Außenposten im All bis zum Jahr 2017 gesichert - so soll der nächste deutsche Astronaut Alexander Gerst im Mai 2014 starten. Statt Bargeld bringen die europäischen Staaten Flüge ihres Frachttransporters ATV in das Gemeinschaftsprojekt ein. Doch der schwebende Lastkahn wird nur noch zwei Mal starten, im April 2013 ("Albert Einstein") und im April 2014 ("Georges Lemaître"). Was nach dem ATV kommt, müssen sich die Esa-Staaten nun dringend überlegen. Sie könnten die Amerikaner auszahlen - doch immerhin geht es um 450 Millionen Dollar für den bereits vereinbarten Betrieb der Station bis 2020. Wenn sich die Europäer nicht einigen können, wäre der womöglich insgesamt gefährdet.

Deutschland will erstens keinesfalls mehr Geld für die ISS zahlen und sähe es zweitens gern, wenn Europa statt Geld weiter Sachleistungen zusteuert. Dazu soll die ATV-Technologie weiter entwickelt werden. Und tatsächlich: Die US-Weltraumbehörde Nasa zeigt sich interessiert, würde Baugruppen gern in ihr geplantes Orion-Raumschiff integrieren. "Das Angebot der Nasa ist ein perfektes", wirbt DLR-Chef Wörner. "Eine Entscheidung muss aber sofort fallen" - weil man jenseits des Atlantik nicht mehr warten will.

Großbritannien zahlt bisher weder für die Raketenentwicklung, noch für die Raumstation - hat aber wie Deutschland Interesse an der Kooperation mit der Nasa. Doch mehrere andere Länder wollen nicht mitmachen. In Italien sieht man die ISS-Beteiligung vor allem als deutsches Projekt. Geld ist ohnehin knapp. Außerdem macht Italiens Raumfahrtagentur gern bilaterale Deals direkt mit der Nasa. Und Frankreich sucht ein Faustpfand im Ariane-Streit. Der ehemalige Astronaut Gerhard Thiele, jetzt am European Space Policy Institute in Wien, rät im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Vielleicht müssten die Deutschen den Franzosen in der Ariane-Frage entgegenkommen, wenn sie beim ISS-Beitrag auf Erfolge hoffen."

3. Landen die Europäer auf dem Mars? Auf dem Mond jedenfalls nicht...

Seit Ende vergangener Woche ist klar: Die geplante europäische Mondmission "Lunar Lander" findet nicht statt. Deutschland hätte es gern gesehen, wenn ein Roboter am Südpol des Mondes gelandet wäre, irgendwann ab 2019. Doch keiner der großen Esa-Staaten konnte sich für das 500-Millionen-Euro-Projekt begeistern. Also wurde der Mondlander noch schnell vor der Konferenz in Neapel beerdigt - tatsächlich wohl auch, um ein Zeichen an die Franzosen zu senden.

Doch es gibt auch noch "ExoMars", das vor allem Italien am Herzen liegt. Diese Mission hat ein massives Finanzproblem, seit sich die Nasa daraus zurückgezogen hat. Schuld war auch hier akuter Geldmangel. Die Esa hat mit Russland darüber verhandelt, sich gemeinsam auf die Reise zu machen. Doch auch das würde teuer.

4. Wie organisieren die Europäer ihre Raumfahrt-Aktivitäten?

Dafür gibt es seit fast 50 Jahren die Esa. Die Organisation lässt den Staaten viel Spielraum: Bei jedem Programm können sie entscheiden, ob und wenn ja wie viel sie zahlen wollen. Gleichzeitig bekommen sie - gemäß ihrem Beitrag - Aufträge für die heimische Industrie. Doch im Vertrag von Lissabon steht, dass sich auch die Europäische Union um den Weltraum kümmern soll. Zwischen beiden Organisationen gibt es seither Streit um Kompetenzen: Wer macht was? Wer zahlt? Und vor allem: Wer hat das letzte Wort bei welchen Themen? Zwar gibt es eine gemeinsame Weltraumpolitik, in der unter anderem der sogenannte Weltraumrat beide Organisationen zusammenbringen soll. Doch es knirscht heftig im Gebälk.

Und das sind längst nicht alle Streitfragen von Neapel. Diskutiert wird zum Beispiel auch, wer den Weltraum überwachen soll - es geht um Schrott im All, aber auch um die Warnung vor Sonnenstürmen. Bisher haben die Europäer da nicht viel zu bieten und sind oft auf Hilfe aus den USA angewiesen. Die Esa möchte gern aktiver sein, doch auch das ist teuer. Außerdem wollen manche Mitgliedstaaten den Weltraum lieber selbst checken - aus Sicherheitsgründen. So gibt es in Deutschland ein Weltraumlagezentrum der Bundeswehr in Uedem.

Hart verhandelt wird auch über Telekommunikations- und Wettersatelliten - und über künftige Forschungsmissionen. Angesichts der zahlreichen Probleme warnt Ex-Astronaut Thiele: "Die Welt der Raumfahrt wird sich in den kommenden 20 Jahren grundlegend ändern. Wenn wir Europäer in diesem Konzert mitspielen wollen, brauchen wir Einigungen in Neapel."

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insgesamt 94 Beiträge
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1. Luxus
kazookie 20.11.2012
Es ist leider mal so, dass halt einfach kein Geld mehr da ist. Also überlasst das Ganze an private Investoren a la Branson. Oder an hungrige Nationen wie China oder Indien, denen noch mehr am Herzen zu liegen scheint als nur Hedgefonds und Bankenrettung. Mir blutet das Herz, doch wo will man Geld holen wo keines ist? Man kann ja später wieder einsteigen, wenn diese unsägliche und unglaubwürdige Finanzkrise bezwungen ist. Und das wird sie irgendwann sein, ich will ja schließlich, dass meine Kinder als erstes Wort "Mama" oder "Papa" sagen und nicht "Sparen" und "Krise".
2. Abschaffen
SirLurchi 20.11.2012
Zitat von sysopWie geht es weiter mit der Ariane-Rakete? Und wie mit der Internationalen Raumstation? Unter den klammen Mitgliedstaaten der Europäischen Weltraumorganisation herrscht Streit. Beim Gipfeltreffen in Neapel könnte es zur Eskalation kommen. Esa-Ministerrat in Neapel: Europäer streiten über Ariane und Co. - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/esa-ministerrat-in-neapel-europaeer-streiten-ueber-ariane-und-co-a-867673.html)
Wenn die sich nicht einigen: ESA auflösen - Geld für Kindergärten und Horte und Bildung! Da ist es dann wesentlich besser aufgehoben! ;-)
3. Was genau will man im All....
joG 20.11.2012
....dass man selbst Transporterraketen braucht, die die Privatwirtschaft preiswert herstellen kann. Der EU Staat baut ja auch keine Computer selbst noch Panzer.
4. schnacken, verhandeln, kontrollieren, abwaegen,ueberlegen,streiten
micromiller 20.11.2012
eigentlich reicht das an aktivitaeten, die opitmale muellentsorgung waere noch eine dankbare aufgabe. die chinesen und inder ( z. teil entwicklungsgeld deutscher steuerzahler) schaffen dann die fakten auf dem mond und mars. evtl. darf da mal ein europaer mitfliegen .. so in 10 jahren..
5. Mögliche Ariane-Kompromißlösung
MrStoneStupid 20.11.2012
Die Ariane 5 ME soll entwickelt und gebaut werden. Parallel soll es Forschung und Planungen zu der von Frankreich gewünschten Ariane 6 geben (Budget: einige Hundert Millionen Euro) - das Ziel soll die Entwicklung unterschiedlicher Varianten (kleine und große Ariane) mit möglichst vielen Synergieeffekten (Modulkonzept) sein. Selbstverständlich sollen Zuverlässigkeit und Sicherheit oberstes Ziel sein. (imho)
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