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Mission zum Jupiter: Europäer wollen Europa ausspähen

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Raumsonde "Juice" (künstlerische Darstellung): "Einblick in die Entstehung von Gasriesen" Zur Großansicht
DPA/ ESA/ AOES

Raumsonde "Juice" (künstlerische Darstellung): "Einblick in die Entstehung von Gasriesen"

Die Europäische Weltraumorganisation hat das Ziel für ihre nächste große Mission ausgewählt: Die Sonde "Juice" soll den Jupitermond Europa erforschen. Es locken spektakuläre Entdeckungen, denn der Trabant könnte exotische Lebensformen beherbergen.

Berlin - Auf den ersten Blick könnte man Europa für einen ziemlich ungemütlichen Platz halten. Wärmer als 160 Grad unter Null wird es kaum. Ein kilometerdicker, leicht verdreckter Eispanzer hat die Oberfläche des Jupitermonds in einem frostigen Griff. Hier und da bedecken außerdem Flecken von Schwefelsäure und Wasserstoffperoxid den steinhart gefrorenen Grund.

Und doch ist Europa für Astrobiologen einer der faszinierendsten Orte im Sonnensystem. Unter der zerfurchten Kruste dürfte es nämlich flüssiges Wasser geben - möglicherweise steht es sogar in ständigem Austausch mit dem Eis. Und dieser verborgene Ozean könnte durchaus exotische Lebensformen beherbergen, denen Salz, Kälte und Finsternis nichts anhaben können.

Doch wie könnte man sie nachweisen? Die Europäische Weltraumorganisation (Esa) hat sich nun entschieden, dem Mond einen Besuch abzustatten - auch wenn das noch eine ganze Weile dauern wird. Außerdem müssten weitere Erkundungsmissionen folgen, wollte man sich den möglicherweise unter dem Eis verborgenen Exoten tatsächlich nähern.

Die erste große Forschungsmission des neuen Esa-Programms "Kosmische Vision 2015-2025" soll Europa im Vorbeiflug erkunden. Die Sonde "Juice" ("Jupiter Icy Moons Explorer") startet nach den nun veröffentlichten Planungen im Jahr 2022 von Kourou in Französisch-Guayana. Um ihr Ziel zu erreichen, braucht sie dann weitere acht Jahre.

"'Juice' wird uns einen besseren Einblick in die Entstehung von Gasriesen und ihren Trabanten sowie in ihr Potential für die Beherbergung von Lebensformen geben", hofft Alvaro Giménez Cañete, Esa-Direktor für Wissenschaft und robotische Exploration. Mindestens drei Jahre soll "Juice" in der Jupiters Nähe verbringen und dabei Atmosphäre und Magnetosphäre untersuchen. Außerdem wollen die Forscher herausfinden, wie die sogenannten Galileischen Monde - Io, Europa, Ganymed und Kallisto - und der Planet sich gegenseitig beeinflussen.

Nasa ist aus dem Projekt ausgestiegen

Für die Suche nach Leben sind die Monde höchst interessant - auch wenn "Juice" keinen direkten Nachweis erbringen wird. Es geht eher darum, Ziele für zukünftige Spezialmissionen zur Lebenssuche zu identifizieren. So könnte ein sogenannter Cryobot auf dem Eis aufsetzen und sich dann bis in die Bereiche mit flüssigem Wasser vorabreiten, ähnlich wie es russische Forscher gerade bei einer spektakulären Bohrung in der Antarktis getan haben. Doch ein solcher Einsatz auf einem Jupitermond liegt noch in weiter Ferne.

Die Sonde soll Kallisto einmal anfliegen, Europa sogar zweimal. Zum Abschluss der Mission soll sie dann in eine Umlaufbahn um Ganymed einschwenken. Auch dieser Mond hat einen Ozean in seinem Inneren - und ein Magnetfeld, das Forscher fasziniert.

Eigentlich wollten die Europäer "Juice" gemeinsam mit der US-Weltraumbehörde Nasa auf den Weg bringen. Doch die Amerikaner sind in diesem Winter wegen Geldmangel ausgestiegen. Mit "Juno" hat die Nasa bereits eine Sonde auf den Weg geschickt, die 2016 am Jupiter ankommen soll. Die Monde überlässt sie erst einmal den Europäern.

Doch die haben ähnliche Finanzprobleme. Weil die Amerikaner auch die Kooperation bei der Sonde "ExoMars" aufgekündigt haben, müssen sich die Europäer hier auf höhere Kosten einstellen, wie Esa-Chef Jean Jaques Dordain am Donnerstag auf einem ISS-Symposium seiner Organisation in Berlin erklärte. Die Esa plant nun, "ExoMars" zusammen mit Russland zu starten. Doch dafür müsste ein neues Landegerät entwickelt werden - für zusätzliches Geld.

Enttäuschung für konkurrierende Forscherteams

Die finanzschwachen Staaten Europas könnten sich allerdings weigern, weitere Mittel nachzuschießen. Deswegen denkt man in der Esa-Zentrale offenbar darüber nach, die eigenen Forschungsprogramme anzuzapfen. Wenn die zuständigen Gremien zustimmen, könnte das möglicherweise auch Folgen für "Juice" und andere Projekte haben.

Dass "Juice" nun als erste Mission des neuen Esa-Programms ausgewählt wurde, bedeutete gleichzeitig Enttäuschung für zwei weitere Forscherteams. Sie hatten sich für die konkurrierenden Missionen "NGO" (Nachweis von Gravitationswellen) und "Athena" (Teleskop für Hochenergie-Astrophysik) stark gemacht. Der Wettbewerb lief seit 2007. Karsten Danzmann, Chef des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik in Hannover, hatte das "NGO"-Projekt vorangetrieben. "Wir sind nicht entmutigt, weil das wissenschaftliche Prüfkomitee uns einstimmig an Nummer eins beim wissenschaftlichen Wert gesetzt hat", sagt er nun.

Man werde deswegen weiterarbeiten, um verbleibende technologische Risiken zu minimieren. Die Forscher hoffen darauf, dass "Juice" nicht die einzige Sonde des neuen Programms bleiben wird. Im kommenden Jahr soll es deswegen eine weitere Ausschreibung geben. Bei einer Entscheidung im Jahr 2015 werde man an der Gravitationswellen-Mission nicht vorbeikommen, hofft Danzmann.

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