ESA-Gipfel: Durchbruch auf der Raumfahrtkonferenz

Aus Neapel berichtet

Esa-Gipfel: Einigung im kosmischen Streit Fotos
DPA / CNES

Europa wird die Ariane-Rakete weiterentwickeln, sogar in zwei Varianten. Auch beim neuen Astronautentransporter der Nasa will man mitmachen. Diese Entscheidungen kamen in hektischen Nachtverhandlungen des Esa-Gipfels in Neapel zustande - ein typisch europäischer Kompromiss.

Auf dem Gipfel der Europäischen Raumfahrtorganisation (Esa) hat es einen Durchbruch bei den wichtigsten Fragen der Konferenz gegeben: die Ariane-Rakete wird weiterentwickelt, außerdem werden die Europäer auch nach 2017 ihren Beitrag zum Betrieb der Internationalen Raumstation leisten. Dafür wollen sie mit der US-Weltraumbehörde Nasa beim Bau von deren "Orion"-Astronautentransporter kooperieren.

Die Einigung kam nach zähen Verhandlungen zustande, die selbst in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch nur für wenige Stunden unterbrochen worden waren. Italiens Forschungsminister Francesco Profumo, seine französische Amtskollegin Geneviève Fioraso und der deutsche Luft- und Raumfahrtkoordinator Peter Hintze (CDU) hatten die strittigsten Punkte teilweise im kleinsten Kreis besprochen. Außerdem hatte sich die neue Esa-Präsidentschaft, bestehend aus Schweiz und Luxemburg, vehement für eine Lösung eingesetzt. "Es glühen die Taschenrechner", hieß es zwischenzeitlich aus Verhandlungskreisen.

Der nächtliche Deal, ausgehandelt in Lobby und Konferenzräumen des Hotels Royal Continental, wurde zunächst noch nicht einmal schriftlich fixiert. Zu groß war die Angst der Staaten, sich endgültig festzulegen. Der Kompromiss kam schließlich erst nach monatelangen Streitereien zustande.

Dabei hatten Deutschland und Frankreich die wichtigste Rolle gespielt. Die Ariane ist der Garant für einen eigenen europäischen Zugang zum All - und damit auch ein wichtiges politisches Symbol. Nach einer Reihe von Pannen hat sie sich zwar zu einem leistungsfähigen Lastesel gemausert, doch noch immer ist sie auf staatliche Zuschüsse angewiesen. Daher musste dringend über ihre Zukunft entschieden werden - und damit auch über die Frage, welche Vision sich durchsetzt:

  • Frankreich hatte sich dafür eingesetzt, die aktuelle Version durch eine komplette Neuentwicklung zu ersetzen. Sie sollte kleiner ausfallen - und damit auf dem Markt der kommerziellen Satellitenstarts bessere Chancen haben.
  • Deutschland beharrte dagegen auf einer - im Grundsatz bereits vereinbarten - Weiterentwicklung der Rakete. Die Ariane 5 ME ("Midlife Evolution") soll mit einer neuen Oberstufe größere Frachtmengen als bisher in attraktivere Umlaufbahnen befördern können.

Hinter den beiden Konzepten standen auch handfeste industriepolitische Interessen: Beide Länder versprachen sich von ihrem jeweiligen Vorschlag die Sicherung von Hightech-Arbeitsplätzen. Nun kommt also zunächst die Ariane 5 ME, was am Bremer Standort des Raumfahrtkonzerns Astrium für Begeisterung sorgen dürfte. Dort werden nämlich die Oberstufen gebaut. Die neue Rakete soll nun 2017 oder 2018 zum ersten Mal fliegen. "Wir sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden", sagt der deutsche Wirtschaftsstaatssekretär Hintze.

Die Ariane 6 kommt ebenfalls, nur etwas später. Die französische Ministerin Fioraso sagte, bis 2021 oder 2022 solle die neue Rakete fliegen. Antonio Fabrizi, der bei der Esa um die Entwicklung der neuen Geräte verantwortet, stellte schon einmal klar: Die unteren beiden Stufen der Ariane 6 werden mit Feststofftriebwerken angetrieben, darüber kommt die Oberstufe der Ariane 5 ME zum Einsatz.

Details soll eine Studie bis 2014 klären - "um weitere Entscheidungen treffen zu können", wie Hintze sagt. Und das werden die Franzosen zumindest als Teilerfolg verkaufen. Denn bei diesem Projekt wollen sie klar die Führung übernehmen - unter Verweis auf ihre entscheidende Rolle in der Geschichte der Rakete. Denn klar ist: Ohne das französische Atomprogramm würde es die Ariane in ihrer aktuellen Form nicht geben.

Die Franzosen handelten in Neapel unter anderem aus, dass die Finanzierung des Weltraumbahnhofs in Kourou bereits jetzt bis ins Jahr 2017 festgeschrieben wird. Andererseits: Von wo aus sollte die Esa ihre Raketen eigentlich starten, wenn nicht aus Französisch-Guayana?

Der Weltraum-Kompromiss von Neapel ist also in gewisser Weise eine typisch europäische Lösung. Viele Punkte der Einigung werden durch Sachzwänge vorgegeben - und jeder bekommt ein bisschen von dem, was er wollte. "Wir haben alle unsere Ziele erreicht", erklärte die Französin Fioraso. Das trifft es zwar nur am Rande - doch so wahrt Paris daheim das Gesicht. Peter Hintze sagt dagegen: "Frankreich musste den etwas größeren Schritt machen."

Die Briten zahlen 20 Millionen Euro

Die Einigung bei der Ariane macht auch den Weg dafür frei, dass sich Europa am US-Astronautentransporter "Orion" (offizieller Name: "Multi Purpose Crew Vehicle") beteiligt. Die Nasa hat Interesse bekundet, Technik aus dem unbemannten Esa-Frachtschiff ATV in das sogenannte Servicemodul des neuen Raumschiffs zu integrieren. Deutschland hatte das unterstützt, aus Frankreich gab es wegen des Streits um die zukünftige Raketen-Entwicklung jedoch Widerstand. Die französische Ministerin Fioraso verkündete schließlich das Einlenken. Ihr Land werde sich mit 20 Prozent an dem sogenannten Barter-Element beteiligen.

Dass es bei Europas ISS-Beitrag jetzt einen Durchbruch gab, schreibt sich unter anderem auch Großbritannien auf die Fahnen. Das Land war bisher ausgesprochen zurückhaltend in der Esa, unterstützt die "Orion"-Zuarbeiten nun aber mit einer Einmalzahlung: "Mit 20 Millionen Euro machen wir den Weg frei, dass der Deal vorankommt", sagte der zuständige konservative britische Staatsminister David Willetts. Zuvor hatte er, so war aus Verhandlungskreisen zu hören, die Delegierten mit Goethe-Zitaten begeistert - und angekündigt, dass sich Großbritannien stärker im Wissenschaftsbereich der Esa engagieren wird.

"Wir werden die Arbeit am Service Modul des Multi Purpose Crew Vehicle schon morgen starten", warb Esa-Chef Jean-Jaques Dordain. Einer dürfte sich darüber ganz besonders freuen: Der Scheck aus London könnte die Chancen des britischen Esa-Astronauten Tim Peake steigen lassen, tatsächlich zu einer Mission ins All zu starten. Für ihn gab es in der bisherigen Esa-Planung nämlich noch keinen Startplatz.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Bevor
felisconcolor 21.11.2012
Zitat von sysopEuropa wird die Ariane-Rakete weiterentwickeln, sogar in zwei Varianten. Auch beim neuen Astronautentransporter der Nasa will man mitmachen. Diese Eintscheidungen kamen in hektischen Nachtverhandlungen des Esa-Gipfels in Neapel zustande - ein typisch europäischer Kompromiss. Esa-Staaten einigen sich im Ariane-Streit, ISS-Beteiligung gesichert - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/esa-staaten-einigen-sich-im-ariane-streit-iss-beteiligung-gesichert-a-868429.html)
jetzt wieder die ganzen Agrarökonomen hier sich ereifern. Schön das man sich auf diese Kompromisse einigen konnte. Weltraumfahrt macht Sinn und macht noch mehr Sinn je mehr Institutionen sich daran beteiligen und wenn man sich dann auch noch mit der NASA auf einen Technologietransfer einigen kann, haben alle Seiten gewonnen. Ausserdem ist es ein, wenn auch kleiner, Schritt Deutschland als Technologiestandort zu erhalten und vielleicht auch noch auszubauen. Denn doof sind wir ja eigentlich nicht. Wir tun nur manchmal so.
2. ATV Ausbau?
malle_dalle 21.11.2012
Was ist mit dem Ausbau des ATVs zu einem eigenen Raumgleiter? Keine entwicklung mehr dahin sondern Geld an Nasa für orion oder was?
3. Finde ich gut.
XRay23 21.11.2012
...schön das man sich einigen konnte. Traurig finde ich jedoch, dass es da letztendlich nur um lächerliche Summen geht. Die Europäer verschleudern die Milliarden anderswo leichtherzig, geht es jedoch um Forschung wird um jeden euro debattiert.
4. Hoffentlich nicht so wie €Rettung
beebo1 21.11.2012
Das lief ja wie die Eurorettung. Hoffentlich läuft das am Ende besser als die €Rettung. Da Einigt man sich auch, und streitet sich trotzdem noch Monatelang weiter. Kann so auch hier so laufen.
5. Forschung ist wichtig,
sonkaioshin 21.11.2012
Daher ist jeder Kompromiss besser als keiner. Mich wundert in der Hinsicht aber eher das britische "Geschenk". Haben sie gemerkt das es nicht überall allein geht?
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