Europas neuer Astronautenchef "Das nächste Ziel ist für mich der Mond"

Strahlemann auf schwieriger Mission: Ex-Astronaut Thomas Reiter, neuer Chef für bemannte Raumfahrt bei der Europäischen Weltraumorganisation, will die Begeisterung fürs All wieder anfachen. Sogar auf dem Mond sieht er seine Astronauten. Doch wie kommen die dorthin?

Von , Darmstadt

dapd

Nach menschlichem Ermessen müssten ihm irgendwann die Mundwinkel schmerzen. Doch Thomas Reiter hält sich wacker. Die Blitzlichter blitzen - und Reiter grinst und grinst. Geduldig steht der hochgewachsene Ex-Kampfpilot neben dem Modell einer "Ariane"-5-Rakete im halbdunklen Konferenzsaal des Satelliten-Kontrollzentrums der Europäischen Weltraumorganisation (Esa) in Darmstadt. Noch bevor der neue Esa-Direktor für bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb auch nur ein Wort gesprochen hat, da hat er bereits den ganzen Saal in Grund und Boden gelächelt. Die Fotografen bekommen hübsche Bilder - das ist ja schon einmal ein guter Anfang.

Seit fünf Wochen ist der 53-Jährige im neuen Amt, als Chef von rund tausend Mitarbeitern. Der Termin am Mittwoch ist sein erster größerer öffentlicher Auftritt seit seiner einigermaßen spektakulären Wahl. Wenn man es so will, ist es eine Art Regierungserklärung. Viele Menschen im Raum treibt die Frage um, welche Akzente der smarte Ex-Astronaut für Europas Raumfahrt setzen kann. Und der versucht sich - lächelnd - an Antworten. "Das nächste Ziel ist für mich der Mond", sagt Reiter selbstbewusst.

Man merkt, dass der Mann Erfahrung mit öffentlichen Auftritten hat. Reiter saß im Vorstand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), zuständig für Raumfahrtforschung und -technologie. Er hat viele Vorträge vor großem Publikum gehalten. Wenn er redet, so klar artikuliert, so betont simpel, dann klingt es ein wenig, als würde er zu einer Schulklasse sprechen oder zu einer Reisegruppe von Rentnern. Und doch strahlt der studierte Luft- und Raumfahrttechniker Faszination und Verbindlichkeit zugleich aus.

Im Saal hat ein halbes Dutzend seiner Bereichsleiter und persönlichen Berater Platz genommen. Reiter präsentiert einen nach dem anderen der Öffentlichkeit. So setzt er sich bewusst als Teamplayer in Szene. "Ich war elf Jahre, als Neil Armstrong den Mond betrat", sagt er. Der Reiz des Erdtrabanten sei trotzdem bis heute ungebrochen. "Deswegen würde ich mir wünschen, dass man dorthin zurückkehrt." Reiter spricht über die Zeit nach dem Ende der Betriebsdauer der Internationalen Raumstation. "Ein paar Jahre" nach 2020 werde das sein, sagt er. Da wollen die Amerikaner, irgendwie, zu einem Asteroiden fliegen. Vielleicht. Deutlich später wohl auch zum Mars. Vielleicht.

Der Mond, das Geschichtsbuch der Erde

Doch der Esa-Direktor sähe sie lieber gemeinsam mit den Europäern auf dem Mond - auch um mehr über die Geologie der Erde zu erfahren. "Der Mond ist für Wissenschaftler wie ein Geschichtsbuch der Erde." In 380.000 Kilometern Entfernung ließen sich außerdem die Technologien für interplanetare Reisen gut testen. Wer "Apollo 13" im Kino gesehen hat, weiß, was er damit meint: Wenn etwas schiefgeht, dauert die Heimreise nicht so lang.

Doch sind Reiters Argumente überzeugend genug, um internationale Unterstützung zu generieren? Wohl eher nicht. "Ob sich das auch bei den anderen großen Raumfahrtagenturen durchsetzen wird, werden wir sehen", gesteht er. Klar ist: Bemannte Raumfahrt kostet ungeheuer viel Geld. Und in Zeiten der Krise ist das schwer zu bekommen. Die Amerikaner haben außer einigen Konzepten wenig Konkretes zu bieten. Ihr Mondprogramm ist auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben. Doch genau dabei wollten die Europäer mitfliegen.

Reiter steht mit seiner Biografie - je eine Langzeitmission auf der russischen Raumstation "Mir" (1995) und der ISS (2006) - wie kein Zweiter in Europa für die Faszination der bemannten Raumfahrt. Doch dürften die bescheidenen Ressourcen und der anhaltende politische Zwist der Esa-Staaten dafür sorgen, dass die Umsetzung seiner kühnen Visionen gelinde gesagt schwierig werden dürfte. Zumal die Europäer von sich aus eher wenig in die Waagschale zu werfen haben.

"Europa ist in einer Orientierungsphase", erklärt Reiter nach seiner Präsentation im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Wichtige Weichenstellungen müssten in den kommenden Jahren vorgenommen werden Ein großes Manko: Bis heute hat die Esa keinen eigenen Astronautentransporter. Der wäre jetzt am Ende der US-amerikanischen Space-Shuttle-Ära ungemein nützlich. Eine Zeitlang sah es so aus, als könne der erfolgreiche Raumtransporter ATV aufgerüstet werden. Doch der Plan ist längst vom Tisch - zu teuer und politisch nicht konsensfähig.

Nicht einmal die Entwicklung eines Hitzeschilds haben die Europäer bislang auf den Weg bringen können, mit dem der Transporter unbemannt zumindest Fracht aus dem All zurück zur Erde bringen könnte. Auch für die nächste Ministerkonferenz der Esa-Staaten im kommenden Jahr rechnet Reiter nicht mit einem entsprechenden Beschluss. Er werde nicht versuchen, "mit der Brechstange die Politik zu etwas zu bewegen, das nicht opportun ist", sagt der Esa-Direktor.

Die Entwicklung der erfolgreichen ATV-Frachttransporter endet allerdings im Jahr 2014. Drei Transporter werden noch gebaut, danach ist Schluss. Dann muss sich Europa überlegen, welchen Beitrag es weiter für die Finanzierung der Internationalen Raumstation leisten will. "In Europa soll ein Element gebaut werden, das für die Nasa von Interesse ist", sagt Reiter. Doch was das sein könnte, das kann er noch nicht sagen. Nur eines scheint klar: "Es muss eine Entwicklung sein, die wir über die ISS hinaus nutzen können."

Eine Aufgabe des Menschen - nicht der Maschine

Aber wie sollen Europas Astronauten - seit dem vergangenen Jahr gibt es sechs neue Kandidaten - ins All kommen? Das Team, zu dem auch der deutsche Geophysiker Alexander Gerst gehört, wird auch langfristig auf Mitflugmöglichkeiten angewiesen sein. Zunächst bei den Russen, später vielleicht wieder bei den Amerikanern. "Meine Hoffnung ist wirklich, dass die nicht nur zur ISS fliegen", sagt Reiter. Gerst kann bestenfalls ab 2014 auf einen Start zur Raumstation hoffen. Was danach kommt, kann auch Reiter bei allem betonten Optimismus nicht sagen: "Wir müssen sehen, wie viele Missionen wir für europäische Astronauten ab 2015 bekommen."

In einem gibt sich der Raumfahrtmanager jedoch sicher: "Exploration ist am Ende eine Aufgabe des Menschen, nicht der Maschine." Damit diese Vision auch langfristig wahr wird, dürfte Reiter freilich noch viel politische Unterstützung herbeilächeln müssen.

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Koltschak 26.05.2011
1. And explode into space!
Lieber Herr Strahlemann! Was wollen wir auf dem Mond! Die Amis waren da, die Russen waren da, Jules Verne war da. Was also um Himmels willen wollen wir auf dem Mond? Bitte setzten Sie sich Ziele und nicht den Abklatsch schon getätigter Taten! Als Europas neuer Astronautenchef sollten Sie auch neue Ziele setzen! "Das nächste Ziel ist für mich der Mond" hört sich an wie "Im Sommer fahren wir nach Rimini". Nichts Neues unter der Sonne, wie schon der Prediger Salomo sagte. "Das Team wird auch langfristig auf Mitflugmöglichkeiten angewiesen sein." Jou Abflug Bahnsteig sieben, Vorsicht die Rakete hat 15 Minuten Verspätung. Daran müssen wir arbeiten: eine eigene Rakete und dann eigene Ziele! Der Mond ist verbrannt - als Ziel! Wir brauchen Visionen in der Raumfahrt. Jules Verne hat schon vor über 150 Jahren den Mond erobert. Gleichermaßen Hans Albers. Also bitte: Mit diesem Ziel kommen wir Europäer nicht weit. Ich weiß zwar nicht, was dort draußem im Weltall auf uns wartet. Aber: "etwas Besseres als den Mond finden wir überall"!
SchneiderG 26.05.2011
2. Vor 40 Jahren!
Zitat von sysopStrahlemann auf schwieriger Mission: Ex-Astronaut Thomas Reiter, neuer Chef für bemannte Raumfahrt bei der Europäischen Weltraumorganisation, will*die Begeisterung fürs All wieder anfachen. Sogar auf dem Mond sieht er seine Astronauten. Doch wie kommen die dorthin? http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,764936,00.html
Die Antwort sollte doch einfach ein. Hatte nicht Warner Bros. dies bereits 1969 durchgeführt?
xm29oicw 26.05.2011
3. Recht hat er
---Zitat--- "Exploration ist am Ende eine Aufgabe des Menschen, nicht der Maschine." ---Zitatende--- Genau so ist es. Die Menschheit muss endlich begreifen, dass die Probleme der Erde nur mit den Ressourcen und den Siedlungsmöglichkeiten des Weltraums gelöst werden können. Von daher ist der Weg ins Sonnensystem und darüber hinaus unumgänglich.
Selvan, 26.05.2011
4. weil...?
Zitat von sysopStrahlemann auf schwieriger Mission: Ex-Astronaut Thomas Reiter, neuer Chef für bemannte Raumfahrt bei der Europäischen Weltraumorganisation, will*die Begeisterung fürs All wieder anfachen. Sogar auf dem Mond sieht er seine Astronauten. Doch wie kommen die dorthin? http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,764936,00.html
Die viel wichtigere Frage ist doch: Was sollen die da?
Roana, 26.05.2011
5. Ich drücke ihm die Daumen!
Als Mitglied der "Generation Mondlandung" kann ich nur hoffen, dass der "Start in den Weltraum" endlich mal wieder einen Schritt weiter kommt. Zumindest mal die Erforschung des eigenen Sonnensystems sollten wir hinkriegen auch wenn es zum Flug zum nächsten Stern aktuell noch keine praktikable Physik gibt.
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