Evolution auf fremden Planeten Bruder Alien, wer bist Du?

Wie sieht außerirdisches Leben aus? Kosmische Brüder und Schwestern dürften verblüffende Ähnlichkeit mit dem Menschen haben, glauben Astrobiologen - und fabulieren in spannenden Gedankenspielen doch über weit skurrilere Kreaturen.

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Menschen mit Alien-Masken (Ufo-Festival in Roswell, Juli 2007): Würden wir mit anderen Lebensformen kommunizieren können?
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Menschen mit Alien-Masken (Ufo-Festival in Roswell, Juli 2007): Würden wir mit anderen Lebensformen kommunizieren können?


Die Frage, ob wir allein im All sind, beschäftigt die Menschheit wie kaum eine andere. Das kosmische Rätsel provoziert zudem weiteren Klärungsbedarf: Würden wir mit anderen Lebensformen kommunizieren können? Und würden wir sie überhaupt erkennen? Denn bisher haben wir überhaupt keine Vorstellung davon, wie sich Leben auf fremden Welten entwickelt haben könnte. Wissenschaftler suchen seit einiger Zeit nach Antworten.

In der Science-Fiction-Literatur ist immer wieder von bizarren außerirdischen Lebensformen die Rede, zum Beispiel auf Basis von Silizium. Wäre so etwas nicht denkbar, in irgendeinem fernen Winkel unseres Universums? Wer auf diese Frage eine Antwort sucht, der muss zunächst einmal klären, was Leben eigentlich ist. "Wir können sagen, dass ein Affe lebt und dass ein Granitblock tot ist", sagt Michel Viso, Astrobiologe bei der französischen Raumfahrtbehörde CNES, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Aber: "Wir können Leben nicht klar definieren."

Damit fehlt der Diskussion über Evolution auf fremden Planeten in gewisser Weise der Ausgangspunkt, wie Simon Conway-Morris, Paläobiologe an der Universität Cambridge, beschreibt: "Wir haben keine Ahnung davon, wie Leben auf unserem Planeten entstanden ist. Bei der aktuellen Geschwindigkeit wird es Jahrhunderte dauern, bevor wir das vollständig verstanden haben." Deswegen ist es auch schwer, nach exotischen Lebensformen außerhalb unserer Erde zu suchen.

Es gibt einen Ansatz, der Leben als selbsterhaltendes chemisches System erklärt, das zu einer darwinistischen Evolution fähig ist. Alternativ existiert auch eine Definition, die eine begrenzte Raumregion als lebendig ansieht, wenn in ihr die Ordnung durch energiegetriebene Reaktionszyklen zunimmt. Doch so recht helfen diese Erklärungen bei der Suche nach außerirdischen Leben und dessen Entwicklung nicht weiter.

Conway-Morris hat sich deswegen für einen spielerischeren Zugang entschieden und zusammen mit Kollegen in einem Gedankenexperiment den Modellplaneten "Aurelia" entwickelt. Das ist ein Himmelskörper, der einen sogenannten Roten Zwerg umkreist, und diesem stets dieselbe Seite zuwendet. Solcherart schockgefrostet und gegrillt zugleich, könnte auf der Oberfläche von "Aurelia" dennoch eine Übergangszone existieren, in dem Leben gedeiht - so die Hypothese der Forscher.

Wie könnte ein Aurelianer aussehen? Conway-Morris und seine Kollegen phantasierten ein buntes Sammelsurium von Kreaturen auf ihre erdachte Zweit-Erde: Zum Beispiel die Schlammbeutler, gesellig lebende Sechsfüßler mit Stielaugen, die Dämme bauen und in Höhlen Unterschlupf finden. Oder die Schluckschweine, riesige Raubtiere mit zwei Beinen, einem langem Hals und kleinem Kopf. Oder die zehn Meter hohen Stachelfächer, die ihre tentakelartigen Blätter nach dem Licht richten, und sich bei Gefahr zur Seite bewegen können wie Seelilien.

Ein weiteres Gedankenexperiment der britischen Evolutionsvisionäre war der "Blue Moon", der als Trabant einen riesigen Gasplaneten von der Größe des Jupiters begleitet. In einer besonders dichten Sauerstoff-Kohlendioxid-Atmosphäre können auch große Tiere schweben, zum Beispiel Himmelswale mit zehn Metern Flügelspannweite. Jim Usherwood vom Royal Veterinary College in London, der die Bewohner des "Blue Moon" mit erdacht hat, beschreibt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, dass er sich dafür an den Gegebenheiten auf der Erde orientiert hat. "Wenn Dinge wie das Fliegen in der Evolutionsgeschichte mehrfach auf Basis derselben Prinzipien aufgetaucht sind, dann können wir das auch in anderen Kontexten erwarten."

Je nach Umweltbedingungen könnten die Größenverhältnisse von Lebewesen in fremden Welten anders ausfallen als auf der Erde, sagt Usherwood. Doch die grundlegenden mechanischen Prinzipien blieben. Sein Forscherkollege Conway-Morris ist überzeugt, dass physikalische und chemische Gesetze auch in fremden Welten zu ähnlichen Lebensformen führen würden. Vorzugsweise dürften diese Kreaturen zum Beispiel Sauerstoff atmen, da sie auf diese Weise mehr Energie gewinnen könnten als durch Umwandlung von Schwefel oder Kohlenstoff.

Außerirdische Lebewesen, so argumentiert Conway-Morris, würden ihren irdischen Verwandten "ziemlich ähnlich" sein. Wobei der Begriff "ähnlich" eher weit auszulegen ist, wie das Beispiel der Pflanzen zeigt. Denn ihre Farbe hängt vom Spektrum des vorhandenen Lichts ab. Pflanzen auf der Erde gewinnen ihre Energie für die Photosynthese vor allem aus rotem und blauem Licht. Weil sie grünes Licht reflektieren, schimmern sie genau in dieser Farbe. Doch Pflanzen auf anderen Planeten könnten andere Präferenzen haben - und deswegen in besonders wundersamen Farben leuchten.

Allein in der Milchstraße 10.000 Planeten mit intelligentem Leben?

Bislang hat die Suche nach Leben außerhalb der Erde keine Ergebnisse zu Tage gefördert - und so kann sich die Menschheit möglichen kosmischen Brüdern und Schwestern nur mit Hilfe der Phantasie nähern. Es geht um keine geringere Aufgabe als Darwins Leistung noch einmal zu erbringen - diesmal allerdings im kosmischen Maßstab. Neben Affen bekäme der Mensch nun also auch noch Aliens als Verwandte.

Gut drei Jahre lang sind die possierlichen Kreaturen von Conway-Morris, Usherwood und Kollegen als Stars der Ausstellung "The Science of Aliens" schon durch die Metropolen der Welt gezogen. Und während die Besucher an einem futuristischen Ausstellungstisch Schlammbeutler, Schluckschweine und Co. näher kennenlernten, machten Wissenschaftler im April eine aufregende Entdeckung: In 20,5 Lichtjahren Entfernung von der Erde konnten sie einen höchst interessanten Exoplaneten nachweisen: Gliese 581c kreiste um einen sogenannten Roten Zwerg - und sah, soweit man das aus den vorliegenden Daten interpretieren konnte, dem Modellplaneten "Aurelia" verblüffend ähnlich.

Die Zeitungen fabulierten sofort munter daher: Die enorme Schwerkraft der vermeintlichen zweiten Erde würde zum Beispiel bei Tieren eher stämmige Säulenbeine als Sprungbeine wahrscheinlich machen, hieß es. Und weiter war zu lesen, dass Vögel auf Gliese 581c eher mickrig sein dürften. Doch wenig später brachte ein Gutachten des Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) Ernüchterung: Auf dem neu entdeckten Himmelskörper sei es ohnehin zu warm für die Entwicklung von Leben, erklärten die Forscher.

Zahlreiche Planeten außerhalb unseres Sonnensystems sind bereits entdeckt worden. Doch längst nicht alle dieser Exoplaneten sind für die Lebenssucher gleich interessant. Die Fahndung konzentriert sich auf die sogenannte bewohnbare Zone um einen Stern, wo Wasser in flüssiger Form existieren würde. Der Abstand zum Zentralgestirn ist für diese Frage ebenso wichtig wie die Beschaffenheit von Planetenoberfläche und Atmosphäre. Außerdem darf das Zentralgestirn nicht zu kurzlebig sein, damit das Leben genug Zeit zur Entwicklung hätte. Der US-Astronom Frank Drake vermutet, dass es allein in unserer Milchstraße 10.000 Planeten mit intelligentem Leben geben könnte. Und es gibt Milliarden weiterer Galaxien.

Die Astrobiologen suchen nach Dingen, die sie von der Erde schon kennen. "Es gibt nur die Suche nach kohlenstoffbasierten Lebensformen", sagt Michel Viso. "Niemand sucht ernsthaft nach etwas anderem." Forscher Conway-Morris sieht das ähnlich, will aber auch alternative Lebensformen nicht ausschließen. Sie könnten etwa in Kohlenwasserstoffozeanen auf fernen Planeten hausen und mit einem langsam ablaufenden Stoffwechsel ausgestattet sein: "Wir sind Wissenschaftler, wir sollten immer offen für Unerwartetes sein."

Auf die Frage, wo genau er außerirdisches Leben erwartet, hat der Brite nur eine ernüchternde Antwort: "Sehr, sehr weit entfernt von unserem Sonnensystem."



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