Ex-Astronaut Schweickart "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis uns ein Asteroid trifft"

Die Menschheit muss endlich Technik zur Abwehr von Asteroiden entwickeln, sagt Ex-Apollo-Astronaut Rusty Schweickart. Sonst könnte eines Tages eine globale Katastrophe drohen.

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Zur Person
  • dpa
    Rusty Schweickart, 81, hat als Astronaut im "Apollo"-Programm der Nasa mitgearbeitet. Bei der Mission "Apollo 9" testete er dabei das Mondlandemodul zum ersten Mal im Erdorbit. Er gehört zu den Gründern der Association of Space Explorers und beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie sich der Einschlag eines Asteroiden auf der Erde verhindern lässt. Dazu war er von 2001 bis 2011 Chef der B612 Foundation, einer privaten Stiftung mit genau diesem Ziel.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Schweickart, Klimawandel, Bürgerkriege, tödliche Infektionen, die Menschheit hat viele große Probleme. Sie wollen die Erde vor Asteroiden retten. Gibt's nichts Wichtigeres?

Schweickart: Ich interessiere mich auch für Klimawandel und andere Themen. Aber diese Sache ist so groß, im Extremfall geht es um das Ende unserer Zivilisation. Kurzfristig mag irgendein Virus wichtiger sein, langfristig gibt es kaum wichtigeres als Asteroiden. Journalisten arbeiten oft mit Entweder-Oder-Szenarios. Doch wir können Asteroideneinschläge verhindern und den Klimawandel bekämpfen. Es geht nicht um Entweder-Oder.

SPIEGEL ONLINE: Zumindest die größten Asteroiden in Erdnähe kennen wir - und keiner von ihnen wird uns auf absehbare Zeit gefährlich. Kein Mensch ist, soweit wir wissen, je durch einen Asteroiden gestorben. Wo ist also das Problem?

Schweickart: Wir kannten die Dinosaurier zwar nicht persönlich, aber wir wissen, dass sie infolge eines Asteroideneinschlags verschwunden sind. Asteroiden haben die Erde millionenfach getroffen. Wir können sie jede Nacht als Sternschnuppen sehen. Wenn sie etwas größer werden, dann wird es schwierig. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis uns ein großes Exemplar trifft. Und da wir das verhindern können, sollten wir es auch tun.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man wie Astrophysiker Stephen Hawking den Einschlag eines Asteroiden als einzige Gefahr für das Verschwinden von intelligentem Leben im Universum ansieht, unterschätzt man dann nicht die Dummheit des Menschen? Die Gefahr eines Atomkrieges erscheint doch viel größer.

Schweickart: Mit einem Nuklearkrieg könnten wir uns selbst nicht auslöschen. Ich will das gar nicht schönreden. Es wäre eine Katastrophe, aber keine finale. Dafür sind wir nicht mächtig genug. Ein Asteroid könnte es sein. Deswegen müssen wir unsere Hausaufgaben machen.

Wie realistisch ist die Apokalypse?

SPIEGEL ONLINE: Wenn eines Tages doch ein großer Asteroid auf Crashkurs zur Erde entdeckt wird, haben wir doch vermutlich noch immer Jahrzehnte Zeit, um uns vorzubereiten.

Schweickart: Unsere Frühwarnsysteme sollten uns Jahrzehnte der Vorbereitung geben, sobald wir ein Exemplar sehen, das in unsere Richtung unterwegs ist. Das gilt vor allem für die größeren. Mir geht es aber nicht nur um die ganz großen Brocken. Überall, wo wir Leben retten oder die Zerstörung von Dingen verhindern können, sollten wir das tun. Wir brauchen Frühwarnsysteme, wir brauchen Techniken zur Asteroidenabwehr und Evakuierung - und wir brauchen auch politische Vorbereitung. Im Fall der Fälle muss klar sein, wer was entscheidet, wer welche Raketen startet, wer welche Beträge von seinen Steuerzahlern bezahlen lässt. Das ist eine planetare Entscheidung. Wir müssen das alle zusammen machen. Oder es passiert nicht.

SPIEGEL ONLINE: In einer Übung haben die Nasa und die US-Katastrophenschutzbehörde Fema gerade die großflächige Evakuierung bei einem drohenden Asteroideneinschlag geübt. Reicht das nicht für den Fall der Fälle?

Schweickart: Solche Trockenübungen sind notwendig, sie reichen aber nicht aus. Wir müssen nicht nur Leute trainieren, wir müssen auch Abwehrtechniken entwickeln und testen. Man kann schließlich auch keine Übung veranstalten, in der man eine Beethoven-Symphonie in der Theorie durchspielt. Man muss mit einem Orchester proben, die Musiker müssen die Noten lesen. Sonst wird es ein Desaster.

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Asteroiden: Gefahr aus dem All

SPIEGEL ONLINE: Die Mitgliedstaaten der Esa beraten gerade in Luzern über die Zukunft. Es geht auch um 250 Millionen Euro für die Mission "Aida", mit der die Europäer zusammen mit der Nasa einen kleinen Asteroiden ablenken wollen. Was ist, wenn das Geld nicht zusammenkommt?

Schweickart: Dann verpassen wir eine hervorragende Gelegenheit, die Konzepte zu testen, die wir in den vergangenen zehn Jahren entwickelt haben. Die Chance, das vergleichsweise preiswert zu tun, gibt es nur sehr unregelmäßig. Das hat mit der Bahn des Asteroiden zu tun, um den es geht. Die Mission wäre billig, und wir könnten viel lernen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zusammen mit rund hundert Planetenforschern einen offenen Brief unterschrieben, um für die Mission zu werben. Wenn die Europäer nun den Geldhahn zudrehen sollten, können die Amerikaner dann nicht einfach allein fliegen?

Schweickart: Es ergibt keinen Sinn, nur den US-Teil der Mission zu starten. Wenn die Europäer aussteigen, dann werden auch die Amerikaner nicht fliegen. Die europäische Sonde könnte zur Not auch allein fliegen. Sie soll den Asteroiden beobachten. Die amerikanische Aufgabe ist es, ihn mit einem Projektil zu treffen. Das ergibt nur Sinn, wenn auch jemand zusieht, wie sich die Bahn dadurch ändert. Wir haben zum ersten Mal in der Geschichte die Chance, die Bahn eines Himmelskörpers zu ändern. Wir müssen uns klarmachen, worüber wir hier reden! Wir könnten ein ganz kleines bisschen das Uhrwerk unseres Sonnensystems verändern, um die Chancen für unser Überleben zu erhöhen. Das ist gigantisch!

Sogar der Papst sammelt Meteoriten

SPIEGEL ONLINE: Im Film schicken wir ja gern mal Bruce Willis los, um die Erde zu retten. Ergibt es Sinn, Astronauten zur Ablenkung von Asteroiden ins All zu schicken?

Schweickart: Solche Missionen müssen unbemannt stattfinden, man braucht keine Menschen an Bord. Unbemannte Missionen brauchen 10 bis 15 Jahre Vorlauf, bemannte Missionen 25 oder 30. Und sie sind um den Faktor zehn teurer. Niemand will da einen Bruce Willis sehen! Das muss ein Roboter machen, billiger und schneller.

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