Esa-Mission "ExoMars" Nach Mars-Bruchlandung - Hier liegt "Schiaparelli"

Eine Nasa-Sonde hat die Überreste des europäisch-russischen Landeroboters "Schiaparelli" auf dem Mars aufgespürt. Die Bilder zeigen, dass es wohl eine Katastrophe gegeben hat, wenngleich wichtige Details noch immer fehlen.

Erstes Foto nach der Bruchlandung der europäisch-russischen Sonde "Schiaparelli" auf dem Mars
MRO /NASA/JPL-Caltech/MSSS

Erstes Foto nach der Bruchlandung der europäisch-russischen Sonde "Schiaparelli" auf dem Mars

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Es sind nur zwei Haufen von Pixeln - einer dunkel, einer hell. Aber diese Flecken, zu sehen auf einer Schwarz-Weiß-Aufnahme des "Mars Reconaissance Orbiter" ("MRO") der Nasa, belegen, wie dramatisch die letzten Sekunden der europäisch-russischen Marssonde "Schiaparelli" bei ihrer missglückten Landung am Mittwoch gewesen sein müssen.

Die Europäische Weltraumagentur Esa veröffentlichte am Freitagabend zwei Bilder von der Landestelle von "Schiaparelli". Sie liegt im Gebiet Meridiani Planum unweit des Mars-Äquators. Ein Foto vom Mai dieses Jahres zeigt die - bis auf einen einzigen Krater - weitgehend leere Ebene, die die Verantwortlichen genau deswegen für den Landeroboter der Mission "ExoMars" ausgewählt hatten: Weil "Schiaparelli" hier beim geplanten weichen Aufsetzen kaum mit Hindernissen am Boden rechnen musste - und sie auf ein erfolgreiches Ende der Mission hoffen konnten.

Mars im Mai: Leere Ebene für die Mission "ExoMars"
MRO/ NASA/ JPL-Caltech/ MSSS

Mars im Mai: Leere Ebene für die Mission "ExoMars"

Doch bekanntlich kam es anders: Die Bremstriebwerke schalteten sich viel zu früh ab, die Sonde schlug mit deutlich zu hoher Geschwindigkeit auf - und meldete sich nicht mehr. Ein Bild der niedrig auflösenden "MRO"-Kamera vom Donnerstag zeigt nun gleich zwei interessante Dinge auf der Marsoberfläche, die mit dem Absturz in Verbindung stehen.

Geschwindigkeit von mehr als 300 Kilometern pro Stunde

Die Aufnahme mit der Auflösung von sechs Meter pro Pixel zeigt einen hellen Fleck, der nach Ansicht von Esa- und Nasa-Experten von "Schiaparellis" Bremsfallschirm stammt. Er hatte einen Durchmesser von zwölf Metern. Außerdem gibt es in einem Kilometer Entfernung davon noch einen etwas größeren dunklen Fleck, der auf eine Ausdehnung von 15 mal 40 Meter geschätzt wird.

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"ExoMars": Europas Marslandung

Irgendwo dort ist "Schiaparelli" eingeschlagen - nach Schätzungen der Fachleute mit einer Geschwindigkeit von mehr als 300 Kilometern pro Stunde. Bei der Esa geht man derzeit davon aus, dass das Modul nach dem vorzeitigen Abschalten der Landetriebwerke aus einer Höhe von zwei bis vier Kilometern ungebremst in den Boden gekracht ist.

Das "MRO"-Bild der Absturzstelle lässt freilich noch Interpretationsspielraum. Es ist möglich, dass an der Stelle des dunklen Flecks Bodenmaterial aufgewirbelt wurde und ein Krater entstanden ist. Es könnte aber auch sein, dass "Schiaparelli" mit noch weitgehend vollen Treibstofftanks beim Aufprall explodiert ist.

Das sollen nun weitere Analysen klären. So soll die höhere aufgelöste HiRISE-Kamera auf "MRO" die Stelle in der kommenden Woche noch einmal fotografieren. Dann findet sich womöglich auch eine Spur des Hitzeschildes der Sonde, der bisher noch nicht aufgespürt werden konnte.

"Schiaparellis" Reise durch die Marsatmosphäre war eine große technische Herausforderung. Der Lander trat nach der Trennung von seiner Muttersonde "TGO" mit einer Geschwindigkeit von 21.000 Kilometern in der Stunde in die Marsatmosphäre ein, die ihn stark abbremste.

Der Hitzeschild aus Kork und Phenolharzen hielt in der ersten Phase die dabei entstehende Reibungshitze ab. Elf Kilometer über dem Boden wurde dann der Fallschirm geöffnet, der den Abstieg weiter verzögerte.

Etwa zur Zeit der Abtrennung des Fallschirms gab es aber offenbar Probleme. Die Bremstriebwerke feuerten statt der geplanten 30 Sekunden nur drei oder vier - und "Schiaparellis" Schicksal war besiegelt. Ungefähr 50 Sekunden vor der geplanten Landung setzten die Signale aus. Der Lander war zwar angekommen, aber zu schnell und mit zu viel Wucht.

"Wir haben das Wissen, wir haben die Daten"

Die Esa bemüht sich, die Mission trotzdem als Erfolg darzustellen. Erstens weil die Muttersonde "TGO" den Mars wie geplant umkreist und - nach komplizierten Bremsmanövern - ab Anfang 2018 wertvolle wissenschaftliche Daten liefern soll, mit denen sich unter anderem Hypothesen zur Existenz einfacher Lebensformen prüfen lassen könnten.

Und zweitens, weil auch "Schiaparelli" ja für die meiste Zeit des Landemanövers wichtige Daten geliefert habe.

Deswegen scheute man sich auch, überhaupt von einer Bruchlandung zu sprechen. Wie wahrscheinlich es sei, dass "Schiaparelli" einen Crash auf dem Mars hingelegt habe, war Esa-Chef Jan Wörner am Donnerstag von einem Journalisten gefragt worden. "Ich verstehe die Frage nicht", lautete die gereizte Antwort. (Sehen Sie den Mitschnitt der Pressekonferenz hier, Wörners Antwort bei 12:12.)

ESA/ ATG medialab/dpa

Der Test des Landers habe Wissen und Daten liefern sollen - und beides habe schließlich geklappt. "Wir haben das Wissen, wir haben die Daten", so Wörner. Das war äußerst selbstbewusst vorgetragen. Womöglich auch ein bisschen zu selbstbewusst.

Am Freitag machte Wörner nun in seinem Blog folgende Rechnung auf: Der - vollkommen nach Plan funktionierende - Orbiter "TGO", der gemeinsam mit dem Landeroboter zum Mars geflogen war, mache 80 Prozent des Erfolges der Gesamtmission aus. Und "Schiaparelli" wiederum habe 80 Prozent der erhofften Daten geliefert. Rechne man das zusammen, komme man auf eine Erfolgsquote von 96 Prozent.

Auf dem Papier und unter Ingenieuren mag so eine Argumentation tatsächlich funktionieren. Ob sie in der Öffentlichkeit auch funktioniert, ob sie unter den politischen Entscheidungsträgern Europas verfängt, die das Geld für die nächste geplante Marsmission der Esa bewilligen müssen, wird sich zeigen.

Im Jahr 2020 wollen Esa und Roscosmos für den zweiten Teil der "ExoMars"-Mission ein Roboterauto zum Mars schicken. Den Europäern fehlen aber noch etwa 300 Millionen Euro für die Finanzierung. Wichtig für das Schicksal dieser Mission ist unter anderem die Stimmung bei der italienischen Weltraumorganisation Asi, die auch federführend bei "Schiaparelli" war. Asi-Chef Roberto Battiston erklärte zumindest am Donnerstag, man sei "ermutigt", angesichts der Ergebnisse vom Mars die Arbeiten an der für 2020 geplanten Mission fortzusetzen.

Video: War die Mission ein Erfolg?

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Delos99 21.10.2016
1. Rest in pieces...
Woran liegt es eigentlich, daß Marsmissionen so übermäßig oft in einem tiefen Krater enden? Immerhin haben Landungen auf anderen Himmelskörpern oft schon beim ersten Versuch funktioniert. Es läßt jedenfalls nicht Gutes erahnen, was bemannte Missionen angeht.
spiegkom 21.10.2016
2. Teure Spielereien
Sorry, es gibt bewährte Landetechniken für den Mars. Warum die ESA was Eigenes ausprobieren muss, ist vor dem Hintergrund von Risiko und Kosten nicht ganz nachvollziehbar. Kommt mir ein bisschen vor wie "die Ehre retten". Der ESA-Leiter spricht bei dem Desaster von einem Erfolg. Man will "lernen". Er soll zurücktreten. Wer bezahlt die Spielereien wohl? Man müsste sich vor dem Hintergrund des Aleppo-Desaters eigentlich bei der ESA schämen. Wie wäre es denn, das Budget für die nächste Esa-Mars-Landung für Syrien zur Verfügung zu stellen?
Fuscipes 21.10.2016
3.
Zitat von Delos99Woran liegt es eigentlich, daß Marsmissionen so übermäßig oft in einem tiefen Krater enden? Immerhin haben Landungen auf anderen Himmelskörpern oft schon beim ersten Versuch funktioniert. Es läßt jedenfalls nicht Gutes erahnen, was bemannte Missionen angeht.
Die Mission ist im eigenen Krater geendet.
spiegelzelt 21.10.2016
4. Vertuschen und Schönreden
oder auch, sich in die Tasche zu lügen, habe ich von solchen Wissenschaftlern nicht erwartet. Mein Güte, da sagt mal halt offen, dass die letzte Phase der Landung nicht geklappt hat weil die Bremstriebwerke nicht so funktionierten wie geplant. Als ob er mit diesem Euphemismus mehr Geld einsammeln könnte als mit klarer Analyse - ich denke, es ist eher das Gegenteil der Fall.
Grummelchen321 21.10.2016
5. Müssen
wir tatsächlich millionen teuren Elektroschrott auf dem Mars produzieren.Wäre das Geld auf der Erde nicht besser aufgehoben.
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