Mission "ExoMars" Esa und Roskosmos fiebern Landung entgegen

Vor der geplanten Landung auf dem Mars steigt bei der Esa und ihrem Partner Roskosmos die Nervosität. Russen und Europäer wollen beweisen, dass auch sie den Boden des Planeten erkunden können.

TGO (l.) und Landemodul "Schiaparelli" (künstlerische Darstellung)
DPA

TGO (l.) und Landemodul "Schiaparelli" (künstlerische Darstellung)


Die Spannung steigt mit jedem Kilometer, den sich TGO und das Landemodul "Schiaparelli" dem Mars nähern. Die drei Buchstaben stehen für Trace Gas Orbiter: Der Forschungssatellit und sein Begleiter befinden sich nur noch wenige Tagesreisen vom Roten Planten entfernt.

Am 19. Oktober soll es dann soweit sein. Nach rund 500 Millionen Kilometern und sieben Monaten Flugzeit wollen die Europäische Raumfahrtagentur Esa und ihr russischer Partner Roskosmos gemeinsam das Landemodul "Schiaparelli" auf dem Nachbarplaneten aufsetzen lassen. Mit dem Milliardenprojekt "ExoMars" suchen sie nach Spuren von Leben. Die Abkürzung bedeutet "Exobiologie auf dem Mars".

Erfolgschance von fast 98 Prozent

"Alles muss mit millisekundengenauer Präzision funktionieren", sagt der Esa-Experte Jorge Vago. "Und unsere Einflussmöglichkeiten sind gleich Null." Die Daten der Sonde brauchen rund zehn Minuten, um vom Mars zur Erde zu gelangen. Ein Computer steuert das Landemanöver. Wenn Informationen über Probleme im Kontrollzentrum eintreffen, könnte "Schiaparelli" längst als Weltraumschrott im rotgelben Marssand liegen. So wie die Sonde "Beagle 2" nach ihrer Landung im Dezember 2003.

"Deswegen sprechen die Amerikaner bei diesen Manövern von den sieben Minuten des Schreckens", erklärt Vago. "In unserem Fall sind es sechs Minuten" - die Landesequenz sei auf sechs Minuten programmiert. Der Ingenieur aus Argentinien ist zuversichtlich: "Die Simulationen geben uns eine Erfolgschance von fast 98 Prozent."

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"ExoMars": Raketenstart geglückt

Für die Experten bei Esa und Roskosmos hängt viel vom Erfolg der Landung ab. Es wäre nicht nur die erste gemeinsame Marslandung in der Geschichte beider Raumfahrtagenturen. Auch finanziell wäre ein Erfolg hilfreich. Das Projekt, für das die Esa 1,3 Milliarden Euro ausgegeben hat und an dem sich Roskosmos mit etwa einer Milliarde Euro beteiligt, ist noch nicht ganz gesichert: Zunächst für 2018 geplant, wurde die zweite Phase von "ExoMars" mit einem Rover auf 2020 verschoben. Die entstehenden Kosten muss die Esa von ihren Mitgliedstaaten bewilligen lassen. "Es geht um rund 300 Millionen Euro", sagt Vago.

Auch für den russischen Partner Roskosmos sind die Finanzen ein heikles Thema. Wegen einer schweren Rezession hatte die Regierung in Moskau im Frühjahr das Raumfahrtbudget um rund 30 Prozent gekürzt, betroffen ist auch die Raumstation ISS. "ExoMars" gilt aber als wichtiges Prestigeprojekt für Russland.

Prototyp für internationale Kooperationen?

Gerade in politisch schwierigen Zeiten wie derzeit wegen der Kriege in Syrien und der Ukraine ist ein Gemeinschaftsprojekt wie ExoMars zudem eine wichtige Brücke zwischen Russland und dem Westen. Erst kürzlich hatte Roskosmos-Direktor Igor Komarow Kremlchef Wladimir Putin das Programm als "Meilenstein der Forschung" präsentiert.

Der russische Experte Maxim Mokroussow sieht in "ExoMars" einen Prototypen für künftige internationale Kooperationen. "Die Erkenntnisse und die Technik können zum Beispiel für eine Mondmission genutzt werden", meint er. Roskosmos plant, in den kommenden Jahren Sonden sowie bis 2030 Kosmonauten zum Erdtrabanten zu schicken.

AFP / Esa / D.Ducros

Mit "ExoMars" erproben die Esa und Roskosmos die technische Kooperation in vielen Bereichen. Noch fliegen TGO und "Schiaparelli" mit Geräten beider Agenturen an Bord gemeinsam. Am Sonntag (16. Oktober) sollen die zwei Module, die im März vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan ins All gestartet waren, getrennt werden, bevor "Schiaparelli" drei Tage später landet.

TGO sucht dann in der Marsatmosphäre unter anderem nach Spuren von Methan, die biologischen Ursprungs sein könnten. Das wäre ein Hinweis auf mögliches Leben auf dem Mars. Doch zunächst steht dem Forschungssatelliten ein langwieriges Bremsmanöver bevor. Nach Plänen von Esa und Roskosmos wird es bis etwa Ende 2017 dauern, bis TGO seinen Zielorbit erreicht und die Arbeit rund 400 Kilometer über dem Mars aufnehmen kann.

Das eigentliche Herzstück der Mission ist der "ExoMars"-Rover, der 2020 zum Roten Planeten aufbrechen soll. Der Roboter soll nach Spuren von vergangenem Leben suchen. Dazu kann er zwei Meter tief in den Boden bohren - ein Novum in der Marsforschung. Bisherige US-Rover konnten nur wenige Zentimeter ins Marsinnere vordringen.

Damit der Rover in gut vier Jahren erfolgreich auf dem Mars ankommt, benötigen Esa und Roskosmos die Erfahrung mit dem Testlander "Schiaparelli". "Es ist, als wenn Sie gerade die Abschlussprüfung in der Schule machen und schon daran denken, dass Sie nächstes Jahr zur Uni müssen", erklärt Vago die Aufregung vor der Landung. Mit einem Auge das Manöver im Blick, mit dem anderen schon die neuen Herausforderungen. "ExoMars braucht dringend gute Nachrichten."

Von Thomas Körbel, dpa/joe

insgesamt 20 Beiträge
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cindy2009 10.10.2016
1. irgendwie
Warum setzt man sich nicht hin und macht nicht nochmal den gleichen Fehler, wie bei der Vielzahl an verschiedenen Autos und baut weltweit zusammen ein System, welches modular ist und Kosten senkt? Gut, bei den Fahrzeugen mag das historisch bedingt sein, aber wir sind ja nicht mehr im technischen Altertum gefangen. Dass die Politik dabei keine Rolle spielen muss, zeigen dieser und weitere Artikel.
musca 10.10.2016
2. Na, dann bleibt zu hoffen.
Das diese russisch -europäische Mars Gemeinschaftsmission , wohl klappen wird und entsprechend erfolgreich verläuft. Bei der Marserforschung sind momentan die USA ( bzw. die Nasa) mit ihren Raumsonden und Rovern auf dem roten Planeten mehr oder weniger weiterhin "ausser Konkurrenz". Die Erfolgsgeschichten der beiden Nasa Mars-Rover Spirit und Opportunity , ( Spirit hat zwar schon vor einigen Jahre "den Geist" aufgegeben, aber Opportunity ist seit der Landung 2004 nach wie vor weiterhin noch immer aktiv und hat schon weit über 40 Kilometer auf der Marsoberfläche zurückgelegt) Vom Rover Curiosity ( Landung 2012) ganz zu schweigen, ein Marsfahrzeug in Kleinwagenformat das die Nasa da zum roten Nachbarplaneten geschickt hat, mittels einer spektakulären neuer Art von Landung , aber es hat geklappt. Auch mit den Orbitern der Nasa, die den Mars umkreisen , ist derzeit die US-Raumfahrtbehörde meist "ausser Konkurrenz". Es soll natürlich nicht um ein "Raumsonden Weltraumwettrennen" der verschiedenen "staatlichen " Weltraumagenturen bei der Erforschung des Nachbarplaneten gehen, sondern rein in erster Linie muss es um die weitere unbemannte Erforschung des Mars gehen. Den Russen wie auch der Esa sind aber doch leider schon einige interessante und auch nicht so billige Marsmissionen in jüngerer Zeit gescheitert. Bleibt zu hoffen das es auch mal was wird.... Natürlich sind auch der Nasa schon einige sehr wichtige und vor allem sehr teure Missionen gescheitert. 1993 die Raumsonde "Mars Obsverver" zum Beispiel, beim Einschwenken in die Marsumlaufbahn ging der Kontakt verloren.. Ursache weiterhin unbekannt. Eine teure Mission und alles war für die Katz letzendlich. Viele Marsmissionen sind so schon so verlaufen. Wären alle bisher gestarteten Marsmissionen auch erfolgreich verlaufen, würde man heute natürlich noch weit weit mehr über den Nachbarplaneten wissen . Also hoffentlich klappt diese Mission. Bei Marsmissionen ist die Rate der gescheiterten Missionen aller Weltraumagenturen von Nasa über Esa bis zu den russischen Missionen leider auch sehr hoch. Natürlich war und ist auf der anderen Seite auch kein anderer Planet des Sonnensystems so häufig Ziel von Raumsondenmissionen als der Mars.
zeichenkette 10.10.2016
3. Hmm...
"Erfolgschance von 98%" sagt man einfach nicht. Wirklich. Statistisch liegt die Erfolgsrate bei Marsmissionen erheblich niedriger und die Simulationen sind halt nur Simulationen. Aber selbst Beagle II ist ja gelandet, wie man dank der Bilder einer US-Sonde mittlerweile weiß (nur die Solarpanels haben sich nicht richtig ausgebreitet und die Antenne blockiert), von daher liegen die Erfolgschancen mittlerweile vielleicht höher, denn die Atmosphäre etc. kennt man ja inzwischen recht gut. Wird trotzdem spannend. Und dann haben wir vielleicht wieder eine Sonde mehr auf dem Mars und werden etwas lernen. Aktuell aktiv gibt es Mars Odyssey und MRO (USA), Mars Express (Europa), und MOM (Indien) im Orbit sowie die Opportunity- und Curiosity-Rover (beide USA) auf der Oberfläche. Wenn das so weiter geht, sollte man sich rein aus praktischen Überlegungen heraus mal über einen Schwarm GPS-Satelliten im Orbit Gedanken machen. Spätestens wenn SpaceX dort Leute landen will, wäre das praktisch zu haben, denn dann reicht eine Landung mit 10 km Genauigkeit für Nachschub nicht mehr so richtig.
cindy2009 10.10.2016
4. @zeichenkette
"--- Wenn das so weiter geht, sollte man sich rein aus praktischen Überlegungen heraus mal über einen Schwarm GPS-Satelliten im Orbit Gedanken machen. Spätestens wenn SpaceX dort Leute landen will, wäre das praktisch zu haben, denn dann reicht eine Landung mit 10 km Genauigkeit für Nachschub nicht mehr so richtig.----" Aus praktischen Gründen sollte man überlegen, ob die Technik das alles überhaupt her gibt. Solange man keine vernünftige Möglichkeit selbst auf der Erde hat, in einem Biotop zu leben, kann man SpaceX als Müll bezeichnen.
Tiananmen 11.10.2016
5.
Großartig, dass vielleicht bald eine europäisch-russische Mission Daten auf dem Mars sammelt. Hoffen wir, dass die Landung gelingt. Angesichts dieser Problematik staunt man immer wieder, dass es Leute gibt, die andere dazu auffordern, "den Mars zu kolonisieren und das Leben auf anderen Planeten zu verbreiten" (Wikipedia). Diese (derzeit) völlig bescheuerte Idee dürfte sich nach der Explosion der Falcon-9 ja nun etwas verzögern, aber dass es Mitmenschen gibt, die eine Teilnahme an einem solchen Unternehmen in Betracht ziehen ist unfassbar.
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