Verschollene Esa-Sonde "Schiaparelli" Erde an Mars, bitte melden!

Ungefähr 50 Sekunden vor der Landung hat die Esa den Kontakt zu ihrem Marslander "Schiaparelli" verloren. Seitdem schweigt die Raumsonde, wahrscheinlich für immer. Die Experten bemühen sich um Zweckoptimismus.

ESA/ ATG medialab/dpa

Aus Darmstadt berichtet


Europa ist noch nie weich auf dem Mars gelandet, Russland auch nicht. Die Nasa dagegen schon. Deshalb hätte die Esa sicher gerne die Nachricht verbreitet: Auch Europa ist weich und kontrolliert auf dem Roten Planeten aufgesetzt. Doch ganz so kontrolliert war die Mission nicht.

Irgendetwas scheint schiefgelaufen zu sein. Die Signale des europäisch-russischen Mars-Moduls "Schiaparelli" seien ungefähr 50 Sekunden vor der geplanten Landung am Mittwoch abgerissen, erklärte Esa-Experte Andrea Accomazzo am Donnerstag im Kontrollzentrum in Darmstadt. "Das Raumfahrzeug hat sich nicht so verhalten, wie wir das erwartet haben." Seitdem ist "Schiaparelli" still. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das auch so bleibt.

Als Landezone hatten Missionsmanager das Meridiani Planum ausgewählt. Diese Hochebene am Äquator des Roten Planeten ist in weiten Teilen flach wie ein Brett. Mächtige Staubstürme ziehen über das Land - es gibt spannendere Gegenden auf dem Mars. Einst hat es hier, so legen bisherige Erkenntnisse nahe, wohl große Mengen flüssigen Wassers gegeben. Die Hinweise darauf stammen vom Nasa-Roboterauto "Opportunity", das hier seit 2004 unterwegs ist und dabei mehr als 42 Kilometer Fahrstrecke zurückgelegt hat.

Die Esa-Fachleute hatten das Meridiani Planum wegen seiner scheinbaren Langeweile ausgesucht: Hier sollte "Schiaparelli" aufsetzen - um das Risiko zu minimieren. Mit Hindernissen am Boden war kaum zu rechnen, außerdem liegt das Gebiet im Gegensatz zu felsigen Gebirgsregionen schön niedrig. Das heißt, mit einem Fallschirm hat man mehr Zeit zum Abbremsen.

Fotostrecke

10  Bilder
"ExoMars": Europas Marslandung

Dass der Forschungsroboter tatsächlich irgendwo in den Weiten von Meridiani Planum aufgesetzt ist, bezweifelt niemand - die Frage bleibt: In welchem Zustand? Womöglich eben nur als kosmischer Schrotthaufen aus Beton (viel, als Ballast) und Elektronik (wenig, neben der Landetechnik war nur eine Art Wetterstation an Bord). Als sicher gilt, dass die 15 Schwarz-Weiß-Bilder, die die Sonde im Landeanflug von der Marsoberfläche knipsen und nachher zur Erde schicken sollte, nie jemand sehen wird.

Am Mittwoch war das Lauschen ins All ohne Ergebnis geblieben. Zuerst sollte ein riesiges Radioteleskop in Indien das Landesignal von "Schiaparelli" aufspüren, danach die Raumsonden "Mars Express" (Esa) und "Mars Reconiassance Orbiter" (Nasa). Doch das klappte nicht. Auch der Rover "Opportunity" schaffte es nicht, ein Foto des Esa-Cousins beim Landeanflug zu machen. Zwar zeigen Aufnahmen einen leuchtenden Streifen am Marshimmel, doch Experten gehen davon aus, dass dort nur hochenergetische Partikel aus den Tiefen des Kosmos den Sensor der Kamera getroffen haben.

Also war eine Nachtschicht angesagt, um das Schicksal von "Schiaparelli" zu ergründen. Der Landeroboter gehört ebenso wie der Orbiter "TGO" zur europäisch-russischen Mission "ExoMars". Und "TGO" funktioniere erstens gut und habe zweitens jede Menge Daten vom Landemodul während dessen Abstieg erhalten, heißt es bei der Esa. "Bis zu einem gewissen Punkt", wie Accomazzo es ausdrückt.

Hitzeschild aus Kork und Phenolharzen

Es war ein wahrer Höllenritt, den der Landeroboter 175 Millionen Kilometer von der Erde entfernt über sich ergehen lassen musste: "Schiaparelli" trat mit 21.000 Kilometern in der Stunde in die Marsatmosphäre ein - und wurde ziemlich abrupt von dieser abgebremst. Ein Hitzeschild aus Kork und Phenolharzen sollte die Hitze abhalten. Das habe laut den Daten auch "problemlos funktioniert", sagt Accomazzo.

Esa-Direktoren Parker und Densing sowie Abteilungsleiter Accomazzo (v.l.n.r.)
REUTERS

Esa-Direktoren Parker und Densing sowie Abteilungsleiter Accomazzo (v.l.n.r.)

Elf Kilometer über dem Boden sollte sich der zwölf Meter große Fallschirm öffnen und "Schiaparelli" weiter entschleunigen. Auch das Ausfahren dieses Fallschirms und das weitere Abbremsen habe wie geplant geklappt, so Accomazzo. Probleme muss es etwa um die Zeit gegeben haben, als der Schirm abgetrennt werden solle. Ab hier habe sich die Sonde anders verhalten als vorgesehen.

Zwar hätte sowohl das Radar zur Abstandskontrolle funktioniert als auch die Bremstriebwerke für die letzte Phase des Abstiegs. Doch hätten diese nur drei oder vier Sekunden gefeuert, "viel kürzer als vorgesehen", sagt Accomazzo. Geplant waren etwa 30 Sekunden, bis kurz vor dem Aufsetzen. Möglich, dass dies nun mit deutlich zu viel Wucht passierte. Die Analyse der Daten in den kommenden Tagen dürfte das zeigen.

Froh ist man bei der Esa, dass zumindest der Orbiter "TGO" wie geplant funktioniert. Der hatte am Mittwoch sein Triebwerk für ein entscheidendes Bremsmanöver gezündet - und konnte tatsächlich in die Umlaufbahn um den Mars einschwenken. Dort wird die Sonde nun langsam auf eine kreisförmige 400-Kilometer-Umlaufbahn gebracht. Das passiert nur durch die Reibung der Marsatmosphäre an den großen Solarpaneelen.

Suche nach einfachen Lebensformen

Diese sogenannte Atmosphärenbremsung dauert zwar lange, rund ein Jahr, spart aber große Mengen an Treibstoff, die nicht von der Erde mitgebracht werden mussten. Das Wissenschaftsprogramm soll erst 2018 starten, wenn die "TGO" in der Marsatmosphäre vor allem nach Methan sucht. Das Gas könnte womöglich ein Hinweis auf einfache Lebensformen auf dem Mars sein. Allerdings gibt es auch geologische Erklärungen für sein Vorhandensein - und "TGO" soll eine Unterscheidung möglich machen.

"Schiaparelli"-Modell mit Bremsfallschirm
REUTERS

"Schiaparelli"-Modell mit Bremsfallschirm

Bei der Esa muss man nun drei Dinge auf einmal tun: "TGO" auf Kurs halten, nach "Schiaparelli" lauschen - dessen Batterien halten zwischen vier und zwölf Tagen, so lange könnte also theoretisch etwas zu empfangen sein - und die vorliegenden Daten der Landung auswerten. "Ich bin sicher, dass wir genau herausfinden werden, was passiert ist. Ich habe daran keinen Zweifel", sagt Andrea Accomazzo.

Bei der Raumfahrtorganisation bemüht man sich auf jeden Fall, "Schiaparelli" trotz der Funkstille auf dem Mars nicht als Fehlschlag erscheinen zu lassen. Man habe viel gelernt für zukünftige Missionen, viele Daten gesammelt. "Ja, ich bin glücklich", sagt Esa-Chef Jan Wörner. "Das ist ein großer Erfolg."

Das kann man so oder so sehen - Christoph Seidlers Einschätzung im Video:

SPIEGEL ONLINE

Anfang Dezember wird er die Esa-Mitgliedstaaten von seinem Optimismus überzeugen müssen. Wörner und seine Leute wollen im Jahr 2020 den zweiten Teil von "ExoMars" zum Roten Planeten schicken. Dafür fehlen ihnen noch um die 300 Millionen Euro. "Wir müssen sie nicht überzeugen. Wir müssen ihnen nur zeigen, was wir haben. Die Ergebnisse sind offensichtlich", sagt Wörner.

insgesamt 114 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
zeichenkette 20.10.2016
1. Wenn die Triebwerke nur ein paar Sekunden gearbeitet haben...
wird das Ding mit hoher Geschwindigkeit auf den Boden gekracht sein, da muss man nicht auf ein gutes Ende hoffen. Schwer vorstellbar, dass nicht genug Telemetriedaten gesendet wurden, um mehr Details über den genauen Ablauf herauszufinden. Abwarten.
arrache-coeur 20.10.2016
2.
Das Heranfliegen über extreme Distanzen (siehe Tschuri) scheinen die Europäer ja gut hinzukriegen, die Landung (siehe wieder Tschuri) ist aber offensichtlich keine europäische Stärke;-) Wobei bereits diverse Geräte auf dem Mars gelandet sind, die Bedingungen für eine Marslandung daher hinlänglich bekannt sein sollten.
almeo 20.10.2016
3.
Zeigt dann ja doch mal wieder, dass Grundlagenforschung sein Geld wert sein kann. Angebliche 98% Erfolgswahrscheinlichkeit, und trotzdem scheint der Lander zu schnell gewesen zu sein (Fallschirm zu früh abgekoppelt) und hart aufgeschlagen zu sein (Triebwerke brennen nur vier statt 50 Sekunden - evtl. weil dann schon Bodenkontakt da war). Gut dass das nicht passiert ist, wenn etwas "wertvolles" wie ein Fahrzeug an Bord des Landers gewesen wäre. Trotzdem ist das natürlich schon eher peinlich, ist immerhin der inzwischen dritte (?) Lander, den die ESA auf dem Mars verliert, selbst wenn das nur ein Testobjekt war, welches - im Vergleich - billig und ohne großen praktischen Nutzen auf dem Planeten gewesen ist. Ich frage mich nur, wieso man die Lösung mit den Airbags von Opportunity nicht weiterentwickelt. So eine Raketenlandung klingt schon ziemlich fitzelig, die Lösung mit Gaskonkons hätte vielleicht eher einen harten Aufprall überstanden - wobei natürlich immer die Frage ist, wie hart Schiaparelli aufgeschlagen ist...
erwachsener 20.10.2016
4. technologie-test
Der Beton an Bord zeigt, was der eigentliche Sinn dieses Landetests war: Die Landeeinheit, die 2020 den Rover auf die Oberfläche zu bringen, sollte unter realen Bedingungen und mit dem für dann geplanten Nutzlastgewicht getestet werden. Natürlich hätte eigentlich alles klappen sollen, aber ein Test bedeutet immer auch, daß es schiefgehen kann. Wenn der Rover ohne vorherigen test verlorengegangen wäre, würde der ESA vorgeworfen werden, daß sie vorher nicht alles unternommen hat, um die Technologie zu testen. Das hat sie jetzt mit Schiaparelli eben gemacht. Es geht nun darum herauszufinden, was nicht funktioniert hat, und dann Maßnahmen zu ergreifen um dieses versagen zu verhindern. Eigentlich ist das völlig unspektakuläre Ingenieursarbeit.
Sicherheit2016 20.10.2016
5. Geldverschwendung
Grundlagenforschung ist sonst zwar wichtig - aber hier und erst recht nach diesem erneuten Flop doch Steuergeldverschwenung. Deutschland scheint wesentlich beteiligt - ohne wirkliche Chance auf jemals relevante Ergebnisse. Es wäre wichtiger zu erforschen, wie man die Grenzen dicht macht, Kriminalität bekämpft oder auch wieder echte Krebsforschung als Grundlagenforschung zuläßt. Leider scheint deutsche Wissenschaftspolitik nur darauf aus, daß Professorensöhne möglichst konkurrenzlos Professor werden, aber echte Wissenschaftler bestenfalls Außenseiterchancen haben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.