Experimentalflug US-Militär schickt unbemannten Mini-Shuttle ins All

Das US-Militär startet in eine neue Ära: Erstmals hat die Luftwaffe ein unbemanntes Raumschiff in die Umlaufbahn geschickt, das vollautomatisch landen soll. Was die "X-37B" an Bord hat, ist geheim - Kritiker befürchten, dass sie den Beginn der Weltraumrüstung markiert.

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Es begann, wie so oft bei militärischen Projekten, in der Wissenschaft: Die US-Weltraumbehörde Nasa suchte nach einem unbemannten, wiederverwendbaren Raumgleiter. Das Ergebnis war die "X-37": ein Mini-Raumschiff, einem Space Shuttle nicht unähnlich, aber wesentlich kleiner. 2004 aber übernahm das Pentagon das Projekt von der Nasa, inzwischen ist es beim Rapid Capabilities Office der U.S. Air Force angesiedelt. Dessen Aufgabe: die Entwicklung und Einführung neuer Waffensysteme.

In der Nacht zum Freitag wurde das erste Exemplar der "X-37B" an Bord einer "Atlas-V"-Rakete ins All geschossen. "Es ist großartig, die 'X-37' endlich ins All zu schicken", hatte Gary Payton, stellvertretender Unterstaatssekretär für Weltraumprogramme der Air Force, bei einer Telefon-Pressekonferenz vor dem Start gesagt.

Die "X-37B" soll die Erde in Höhen von bis zu 900 Kilometern maximal 270 Tage lang umkreisen und nach der Landung in nur zehn bis 15 Tagen wieder startklar sein. Nach offiziellen Angaben sollen beim ersten Flug unter anderem Navigations- und Flugleitsysteme, Hochtemperatur-Materialien und Dichtungen geprüft werden. Nach dem Abschluss der Tests soll der Raumgleiter sein Sonnensegel einfahren, die Laderaumtüren schließen und per Autopilot an der Vandenberg Air Force Base landen - ohne dass ihn jemand vom Boden aus steuert.

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"X-37B": Der Raumgleiter der US-Luftwaffe

Fracht unterliegt strenger Geheimhaltung

Die "X-37B" ist nur rund neun Meter lang und fünf Tonnen schwer, kann aber laut Payton in ihrem Laderaum beispielsweise mehrere kleine Satelliten von jeweils einigen hundert Kilogramm mitführen. Was der Raumgleiter aber tatsächlich in der Nacht zum Freitag mit ins All nimmt, verriet die Air Force nicht - ebenso wenig, wie lange er im All bleiben soll. Bekannt wurde lediglich, dass bei den ersten Testflügen die Leistungsfähigkeit der "X-37B" und ihre Systeme geprüft werden sollten.

Manche Rüstungsexperten argwöhnen allerdings, dass der Start der "X-37B" - auch Orbital Test Vehicle (OTV) genannt - den Beginn der Militarisierung des Weltraums markiert. Zum einen wird allgemein bezweifelt, dass die Air Force in Zeiten knapper Kassen und zweier aktueller Kriege mehrere hundert Millionen Dollar in ein fliegendes Labor stecken würde. Zudem würde eine unbemannte Plattform, die monatelang im Orbit bleiben kann, "einem alle möglichen Fähigkeiten verschaffen - sowohl zivile als auch militärische", sagte Chris Hellman vom National Priorities Project dem US-Magazin "Christian Science Monitor".

Die Aussicht, dass in Zukunft gleich mehrere solcher Raumschiffe mit unbekannter Fracht die Erde umkreisen, hält vermutlich nicht nur Hellman für äußerst beunruhigend. Die Air Force hat bereits bekanntgegeben, bis 2011 ein zweites Exemplar ins All zu schicken. Auch der Militärfachmann John Pike, Direktor von Globalsecurity.org, äußerte sich beunruhigt: Es gebe keine öffentliche Erklärung der Regierung, "welches Potential dieses Ding haben soll".

Forschungsprojekt oder Waffenplattform?

Denkbar erscheint vieles, vom reinen Forschungsvorhaben bis hin zur Spionage- oder gar Waffenplattform im Orbit. Was sich das US-Militär im Weltraum vorstellen kann, ist bereits seit Jahren bekannt. Anti-Satelliten-Waffen sind darunter, aber auch exotische Systeme wie die sogenannten "Rods from God" - Wolframstäbe, die aus dem All auf die Erde geworfen werden und allein durch ihre Aufprallenergie tief eingegrabene Bunker knacken könnten. "Haben wir hier ein neues Raumschiff oder einen Orbitalbomber vor uns? Im Moment ist das schwer zu sagen", sagte Pike der "Los Angeles Times".

Die Stationierung nicht-atomarer Waffen im All würde vermutlich nicht einmal gegen internationales Recht verstoßen. Zwar ratifizierte der US-Kongress 1967 den Outer Space Treaty der Vereinten Nationen, der die internationale Nutzung von Erdorbit und Himmelskörpern regelt. Doch der Vertrag war ein Produkt einer Zeit, in der die Angst vor einem Atomkrieg das politische Denken beherrschte. In Artikel IV verpflichten sich die Nationen lediglich zum Verzicht auf Massenvernichtungswaffen in der Erdumlaufbahn. Von anderen Systemen ist nicht die Rede.

Zudem hat es erste indirekte Scharmützel im All bereits gegeben: China hat im Januar 2007 einen eigenen, veralteten Wettersatelliten abgeschossen. Ein Jahr später demonstrierten die USA, dass auch sie Satelliten vom Himmel holen können.

Die Air Force ist derweil erfrischend ehrlich, was die militärische Dimension des Projekts betrifft. Die "X-37B" sei ein wichtiger Schritt zu dem Ziel, routinemäßig zu günstigen Kosten und notfalls spontan ins All zu kommen, sagte Payton. Die Technologien und Konzepte, die sich im Orbital Test Vehicle bewährt haben, würden in Entwicklungsprogramme einfließen - "die unseren Kämpfern in der Zukunft neue Fähigkeiten verleihen".

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
Gandhi, 22.04.2010
1. Jetzt muss bin Laden zittern.
Zitat von sysopDas US-Militär startet in eine neue Ära: Erstmals will die Luftwaffe ein unbemanntes Raumschiff in die Umlaufbahn schicken und dann vollautomatisch landen lassen. Was die "X-37B" an Bord hat, ist geheim - Kritiker befürchten, dass sie den Beginn der Weltraumrüstung markiert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,690577,00.html
denn nun kann er sich nicht mehr lange unentdeckt hinter dem Mond verstecken.
eikfier 22.04.2010
2. Riesenspielzeug
Zitat von sysopDas US-Militär startet in eine neue Ära: Erstmals will die Luftwaffe ein unbemanntes Raumschiff in die Umlaufbahn schicken und dann vollautomatisch landen lassen. Was die "X-37B" an Bord hat, ist geheim - Kritiker befürchten, dass sie den Beginn der Weltraumrüstung markiert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,690577,00.html
Siehste, genau das ist es! Was wir kleinen Leute immer nicht verstehen, daß das Militär bei der Raumfahrt überall und immer die Nase vorne und drin haben muß, so daß es zu keiner international wirklich potenten wissenschaftlichen Zusammenarbeit kommt und weder Geld noch Wissen und Können gebündelt wird. Jeder bewacht eifersüchtig sein Riesenspielzeug....
Zero Thrust 22.04.2010
3. re
---Zitat--- Manche Rüstungsexperten argwöhnen allerdings, dass der Start der "X-37B" - auch Orbital Test Vehicle (OTV) genannt - den Beginn der Militarisierung des Weltraums markiert. ---Zitatende--- Ob mir wohl irgend jemand verraten kann, wo diese "Rüstungsexperten" die letzten Jahrzehnte, um nicht zu sagen das letzte halbe Jahrhundert verbrachten? Wahrscheinlich auch hinter dem Mond, was?
Hador, 22.04.2010
4.
Zitat von sysopDas US-Militär startet in eine neue Ära: Erstmals will die Luftwaffe ein unbemanntes Raumschiff in die Umlaufbahn schicken und dann vollautomatisch landen lassen. Was die "X-37B" an Bord hat, ist geheim - Kritiker befürchten, dass sie den Beginn der Weltraumrüstung markiert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,690577,00.html
Was heißt denn bitte 'den Beginn der Weltraumrüstung'? Sowohl Amerikaner wie auch Russen (und in geringerem Umfang auch andere Nationen) schiessen andauernd militärische Satelliten in den Orbit von denen man eigentlich sogut wie nie weiß was deren genaue Aufgabe ist. Die Amerikaner nutzen dafür fast immer ihre Delta oder Atlas Raketen und meist bekommt davon kam jemand was mit. Insofern ist der Weltraum vermutlich schon längst aufgerüstet und um die reine Nutzlast der X-37 braucht man sich wohl eher weniger Gedanken zu machen. Pikanter ist das schon das Vehikel selbst, wenn man nämlich will könnte man dieses zu einer Art unbemannten Weltraum-Drohne ausbauen. Die könnte dann diverse Systeme beinhalten um gezielt und flexibel unliebsame Satelliten direkt im Orbit auszuschalten ohne auf bodengestützte Systeme angewiesen zu sein. Das wäre dann in der Tat eine neue Qualität der Weltraummilitarisierung und ich vermute mal, dass genau dies den Leuten von der Air Force vorschwebt. Theoretisch möglich wäre damit übrigens auch das Stehlen von Satelliten wobei dies wohl eine eher unwahrscheinliche Anwendung wäre.
Nothing is irreversible 22.04.2010
5. Gut daß die Airforce
mit den X-Flügen weitermacht, jetzt, wo die NASA unter ihrer Bürokratie erdrückt wird und wirkliche Fortschritte nur von Virgin Space kommen…
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