Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Experten-Konzept: Europäer planen Einstieg in bemannte Raumfahrt

Von , Bremen

Raumtransporter ATV im Anflug auf die ISS (März 2008): Diskussion über Weiterentwicklung Zur Großansicht
AFP / Nasa

Raumtransporter ATV im Anflug auf die ISS (März 2008): Diskussion über Weiterentwicklung

Mit diesem Plan könnte Europa Raumfahrtgeschichte schreiben: Das deutsche Raumfahrtzentrum DLR und der Konzern EADS haben ein Konzept vorgelegt, das bemannte Esa-Missionen ins Weltall ermöglichen könnte - schon ab 2017. Jetzt ist die Politik am Zug.

Die Nachricht wurde in kleiner Runde lanciert. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Raumfahrtkonzern EADS Astrium hatten eine Handvoll Journalisten nach Bremen eingeladen. Vorab gab es kaum Informationen, nur nebulöse Andeutungen.

Nun steht der Grund für die Geheimniskrämerei fest: ein Plan, mit dem man Raumfahrtgeschichte schreiben könnte. Denn in aller Stille haben die Astrium-Ingenieure ein Konzept entwickelt, das den Einstieg Europas in die bemannte Raumfahrt bedeuten würde - sofern die Politik dies will.

Binnen neun Jahren könnte es den Entwicklern zufolge so weit sein. Kern des Plans ist, den europäischen Raumtransporter ATV ("Automated Transfer Vehicle") in zwei Stufen zum vollwertigen Raumschiff auszubauen.

Die Europäer sind stolz auf das schulbusgroße Gefährt, dessen erstes Modell "Jules Verne" vor wenigen Wochen seinen Jungfernflug erfolgreich absolviert und vollautomatisch an der Internationalen Raumstation ISS angedockt hat. "Wir haben damit in der Welt Aufsehen erregt", sagte DLR-Chef Johann-Dietrich Wörner. Gleich nach dem Start habe er Glückwunsch-SMS von Nasa-Chef Michael Griffin und dessen russischem Counterpart Anatolij Perminow erhalten. Euphorische Reaktionen habe es auch gegeben, als ATV die ISS kürzlich wie geplant auf eine höhere Umlaufbahn befördert habe.

Unbemannte Rückkehrkapsel bis 2013, bemannte bis 2017

Momentan allerdings kann das Vorzeigeprojekt "Made in Europe" nicht wieder zur Erde zurückkehren - denn ihm fehlt ein Hitzeschild, um den Höllenritt durch die Atmosphäre unbeschadet zu überstehen. "ATV Evolution" soll dieses Problem lösen: So lautet der Arbeitstitel für die jetzt vorgestellte Weiterentwicklung.

Innerhalb von vier bis fünf Jahren soll zunächst eine unbemannte Version entwickelt werden, teilte Astrium-Chef Evert Dudok mit - also bis 2013. Das ist die erste Stufe des Ausbauplans. Dieser Teil des Projekts sei "sehr überschaubar", sagte Dudok, nicht zuletzt weil solch eine Kapsel ohne Probleme auf einer existierenden "Ariane 5"-Rakete transportiert werden könne.

Mit einem Transporter dieser Art ließen sich dann zwar noch keine Astronauten bewegen, sehr wohl aber defekte Ausrüstungsgegenstände - und vor allem die Ergebnisse wissenschaftlicher Experimente, sagte DLR-Chef Wörner. "Wir sehen, dass die ISS einen klaren Bedarf an so etwas hat."

Denn wenn die US-Amerikaner wie geplant ihre Shuttle-Flotte im Jahr 2010 einmotten, können nur die russischen "Sojus"-Kapseln Material zur Erde zurücktransportieren - und die sind mit den drei menschlichen Insassen de facto voll. Extra-Nutzlast ist bei der Reise quasi nicht vorgesehen.

Kapsellandung vor der afrikanischen Küste

Im zweiten Schritt könnte das europäische Raumschiff dann fit gemacht werden für die Beförderung von Astronauten. Dafür gibt es allerdings noch einige technische Herausforderungen zu lösen. Die Kapsel muss erstens um ein Lebenserhaltungssystem ergänzt werden und zweitens um eine Vorrichtung, die den Transporter bei Problemen von der Trägerrakete wegkatapultieren könnte. Auch an der Trägerrakete "Ariane 5" müssten die Ingenieure einige Änderungen vornehmen. Unter anderem müsste ein System Probleme rechtzeitig registrieren, um den lebensrettenden Absprengmechanismus für die Astronautenkapsel auszulösen.

Nach Astrium-Schätzungen könnte ein solcher bemannter Raumtransporter vier Jahre nach der ersten Stufe abheben, also 2017. Die Kapsel in der sogenannten "Viking"-Form würde einen Durchmesser von 3,3 Metern haben und Platz für drei Raumfahrer bieten. Geräumiger als die russische "Sojus" soll die Kapsel sein - immerhin. Nach der Reise würde sie an einem Fallschirm irgendwo in Äquatornähe ins Meer platschen, vorzugsweise vor der afrikanischen Küste.

"An die bemannte Raumfahrt jenseits der ISS denken"

Interessant ist, dass der europäische Transporter mit einem geplanten Gesamtgewicht von neun Tonnen noch weiter fliegen könnte als bis zur ISS. Zwei bis drei Wochen lang könnten die europäischen Astronauten in dem Gefährt unterwegs sein. Das ist interessant, denn die Zukunft der ISS über das Jahr 2015 hinaus ist ungewiss. Wörner sagt offen: "Wir müssen auch an die bemannte Raumfahrt jenseits der ISS denken."

Es gehe jetzt darum, einen Schritt nach dem anderen zu machen, fordert der DLR-Chef. Nachdem ein unbemannter Transporter erfolgreich Fracht aus dem All zurückgebracht habe, müsse man "weitere Perspektiven diskutieren."

Die Industrie macht offensichtlich etwas mehr Druck. Sie hofft auf das Projekt des bemannten Raumtransporters - schließlich gilt es, nach der Fertigstellung des europäischen ISS-Moduls "Columbus" und des ATV einen neuen Großauftrag an Land zu ziehen.

Die deutsche Raumfahrtindustrie hat sich seit Jahrzehnten immer wieder mit Konzepten für den bemannten Raumflug befasst - mit großem Finanzeinsatz und ohne dauerhaften Erfolg. Mit massivem Aufwand arbeitete sie zum Beispiel am Raumgleiter "Sänger". Dieser wurde allerdings extrem teuer, galt als ozonschädlich und wurde eingestellt, genauso der später diskutierte "Sänger II". Ähnlich erging es dem europäischen "Hermes"-Projekt, das ab Mitte der achtziger Jahre vor allem die Franzosen forcierten. Mit dem Kollaps des Ostblocks änderten sich die Rahmenbedingungen, zugleich stiegen die Kosten massiv, 1993 wurde das Milliardenprojekt eingestellt.

Wie viel kostet das neue Musterprojekt?

Ob es nun einen neuen Versuch gibt, liegt an der Politik. Einen Kostenrahmen für das Konzept will Astrium diesmal noch nicht nennen - nur so viel: "Wir reden nicht über eine Milliarde", sagt Manager Dudok. Das klingt reichlich optimistisch - hatte doch DLR-Vorstandsmitglied Thomas Reiter im SPIEGEL-ONLINE-Interview unlängst einen deutlich höheren Richtwert für eine Weiterentwicklung des ATV genannt, nämlich "weniger als zehn Milliarden Euro".

Die Minister der Esa-Staaten treffen sich im Spätherbst zu einer Tagung in den Niederlanden. DLR-Chef Wörner berichtete an diesem Dienstag von vorsichtigen positiven Signalen aus der Bundesregierung. Auch die Raumfahrtagenturen in Italien und Frankreich hätten großes Interesse an "ATV Evolution".

Schon vor knapp einem Jahr hatte Wörner im SPIEGEL-Interview kritisiert: "Wir brauchen einen eigenen bemannten Zugang in den Orbit. Der derzeitige Zustand ist peinlich für uns." Die europäische Raumfahrt könne nicht eigenständig tun und sich gleichzeitig bei der bemannten Raumfahrt abhängig machen von Amerikanern und Russen.

Insofern ist das Konzept für "ATV Evolution" nur folgerichtig - ob es genug politische Durchschlagskraft entwickelt und in der Folge finanziert wird, müssen die Esa-Staaten entscheiden.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Eads
shokaku 14.05.2008
Is klar. Noch nicht mal ein simples Flugzeug vernünftig verkabelt bekommen, aber im Weltall rumfliegen wollen.
2. Globalisierung!?
Emmi 14.05.2008
Eine Nation (und hier zähle ich Europa mal als eine Nation) kann die bemannte Raumfahrt allein kaum noch finanzieren. Also wäre es ja sinnvoll, wenn die Raumfahrtnationen - und solche, die es werden wollen (USA, Europa, China, Japan, Indien, Russland, ...) - eine gemeinsame Raumfahrtorganisation gründen und ihre Kräfte bündeln würden. Innerhalb dieser kann man dann ja eine Aufgabenteilung vornehmen, so dass nicht jeder alles parallel entwickeln muss, sondern jeder einen Teil beiträgt. Der Wettlauf zwischen USA und UdSSR im Kalten Krieg hat zwar die Raumfahrtentwicklung beschleunigt, aber keine nachhaltigen Konzepte hervorgebracht. Nachdem die USA den Mond zuerst erreicht hatten, war das Apollo-Programm im Prinzip überflüssig und Russland war irgendwann finanziell nicht mehr in der Lage, mitzuhalten und macht heute Raumfahrt auf Sparflamme. Das Spaceshuttle-Programm können die USA auch nicht mehr halten, weil zu teuer. Wenn Projekte wie der Flug zum Mars oder neue Mondmissionen Realität werden sollen, dann nur als weltweite Kooperationsprojekte. Emmi
3. schaun wir mal ob die politik dies nicht wieder zerquatscht
bimbim 14.05.2008
Zitat von sysopMit diesem Plan könnte Europa Raumfahrtgeschichte schreiben: Das deutsche Raumfahrtzentrum DLR und der Konzern EADS haben ein Konzept vorgelegt, das bemannte Esa-Missionen ins Weltall ermöglichen könnte - schon ab 2017. Jetzt ist die Politik am Zug. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,552956,00.html
oder dies in den französischen glorieneifersüchteleien verkommt. das problem mit den meisten dieser projekte ist das sie meist an den nationalen egoismen und hirnlosigkeit der politiker scheitern.
4. was neues im westen ...
nanga parbat 14.05.2008
..grüße euch ich begrüße dieses vorhaben und freue mich auf 2017 wenn wir europäer frei von idiologie den ersten eigenen bemannten raumflug unternehmen. @emmi : sicherlich wäre es sinnvoll die welt unter einen deckmantel zu vereinen und gemeinsam an einem projekt(kann auf jedes x beliebige angewendet werden) zu arbeiten aber man sieht doch tag für tag den fehlschlag dieser utopie. außerdem ist es sinnvoll ein eigenes gefährt für den weltraum zu besitzen und nicht ständig abhängig von anderen raumfahrt organisationen zu sein - verringert auch die zugeständnisse die diesen gemacht werden müssen für ihre dienstleistung und eröffnet einen weiteren markt. an dem gesammten ariane projekt konnte man vorzüglich sehen wie wichtig es ist einen eigenen transporter zu besitzen um eigenständig sateliten in den weltraum zu befördern und welch großartige technik dabei entstanden ist. ein weiterer positiver faktor wäre die neuen impulse die in der europäischen bevölkerung ausgelöst werden wenn sie sehen das europa ein handfestes projekt ist mit dem man sich als einzelner gern identifiziert. diese dynamik in der bevölkerung konnten sich die russen und die us-amerikaner auch zu nutze machen - warum nicht auch wir europäer? mfg
5. Die Sache mit den Kosten
neu, 14.05.2008
[...] Ob es nun einen neuen Versuch gibt, liegt an der Politik. Einen Kostenrahmen für das Konzept will Astrium diesmal noch nicht nennen - nur so viel: "Wir reden nicht über eine Milliarde", sagt Manager Dudok. Das klingt reichlich optimistisch - hatte doch DLR-Vorstandsmitglied Thomas Reiter im SPIEGEL-ONLINE-Interview unlängst einen deutlich höheren Richtwert für eine Weiterentwicklung des ATV genannt, nämlich "weniger als zehn Milliarden Euro". [...] Also beim besten Willen, aber ich glaube hier ist nicht Herr Dudok optimistisch, sondern der Autor des Artikels hat einfach den Inhalt der Aussage falsch interpretiert. Ich verstehe das Zitat ganz eindeutig so, dass wir über deutlich mehr als eine Milliarde reden. Das passt dann auch zur Aussage von Herrn Reiter.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
"ATV Evolution": Langer Weg zum Raumtransporter

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: