Falsche Richtung Forscher finden kosmische Geisterfahrer

In den Tiefen der Milchstraße haben Forscher Seltsames entdeckt: ein entstehendes Planetensystem, dessen Planeten in gegenläufigen Richtungen ihren Stern umkreisen werden. Sie wären die ersten bekannten kosmischen Geisterfahrer.


"Es ist das erste Mal, dass jemand so etwas gesehen hat", meint Anthony Remijan vom National Radio Astronomy Observatory in den USA. Der Fund, den Remijan und sein Kollege Jan M. Hollis von der Nasa gemacht haben, läuft bisherigen Erkenntnissen in der Planetenforschung buchstäblich zuwider: ein Stern, der zwar gerade erst entsteht, irgendwann aber Planeten besitzen wird, die in unterschiedlichen Richtungen unterwegs sein werden.

Entstehendes Planetensystem: Gegenläufig rotierende Staubscheiben
Bill Saxton, NRAO/AUI/NSF

Entstehendes Planetensystem: Gegenläufig rotierende Staubscheiben

Bisher sind nur Systeme bekannt, bei denen die Drehrichtung aller Himmelskörper einheitlich ist - wie auch in unserem Sonnensystem. Bei dem nun entdeckten, 500 Lichtjahre von der Erde entfernten System werden die äußeren Planeten jedoch einmal als kosmische Geisterfahrer den inneren entgegenkommen.

Felsplaneten wie etwa die Erde entstehen der gängigen Theorie zufolge aus Staubscheiben, die sich um junge Sterne drehen. Das Gesteinsmaterial verklumpt im Laufe der Jahrmillionen, bis durch immer neue Kollisionen Planeten entstehen.

Auch der jetzt entdeckte Stern ist von einer solchen Staubscheibe umgeben - nur dass sich ihr innerer Teil zum äußeren Teil entgegengesetzt dreht. Die Wissenschaftler führen dies darauf zurück, dass das Material der Scheibe und des Zentralsterns aus zwei verschiedenen Wolken aus Staub und Gas mit unterschiedlichen Drehrichtungen stammt. Als sich diese Wolken zum Zentralstern und einer protoplanetarischen Scheibe zusammenklumpten, seien die gegenläufigen Drehrichtungen erhalten geblieben.

"Der Prozess der Planetenentstehung aus solchen Scheiben ist komplizierter, als wir vermutet haben", sagte Remijan. Die beiden Forscher wollen ihre Erkenntnisse in der April-Ausgabe des "Astrophysical Journal" veröffentlichen. Völlig überrascht sind sie von ihrer Entdeckung jedoch nicht: Die Milchstraßen-Region des jungen Zentralsterns im Sternbild Schlangenträger ist für ihre chaotisch durcheinanderwirbelnden Gas- und Staubwolken bekannt.

Der Fund gelang den Astronomen mit dem Very Large Array (VLA), einem aus 27 Radioteleskopen zusammengesetzten Messinstrument für Radiowellen. Die Forscher maßen dabei die von bestimmten Staubmolekülen ausgesandten Radiowellen und konnten deren Bewegungsrichtung mit Hilfe des sogenannten Doppler-Effekts bestimmen. Dabei wird die Wellenlänge durch die Bewegung der Lichtquelle entweder verkürzt oder verlängert - ähnlich wie der sich verändernde Ton der Sirene bei einem vorbeifahrenden Krankenwagen.

mbe/ddp



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