Fehlschlag Solares Surfbrett stürzt ab

Irgendwann einmal soll ein neuartiges Segel auf den Sonnenstrahlen zu fernen Sternen surfen. Doch bis dahin ist es, das zeigt ein erster Test, noch ein langer Weg.

Von Alexander Stirn


Laserantrieb: Gebündeltes Sonnenlicht soll das Segel ans Ziel bringen

Laserantrieb: Gebündeltes Sonnenlicht soll das Segel ans Ziel bringen

Das Projekt ist ehrgeizig, ungewöhnlich, ja beinahe revolutionär: Die Planetary Society, eine von dem Astronomen Carl Sagan gegründete Vereinigung von rund 100.000 Weltraumfreunden, will in der Erkundung des Alls völlig neue Wege gehen. Statt wie bisher auf einen Raketenantrieb zu setzen, der ein Raumfahrzeug in Schwung bringt und Kurskorrekturen möglich macht, könnte der Antrieb der Zukunft auf natürlichen Kräften basieren.

Möglich macht das die Sonne. Der zentrale Stern unseres Sonnensystems sendet einen kontinuierlichen Strom so genannter Photonen aus. Wenn die einzelne Lichtteilchen auf ein Hindernis treffen, übertragen sie einen winzigen Impuls. Der einzelne Aufprall erscheint zunächst gering, doch Anzahl und Dauer geben den Ausschlag.

So könnte der Sonnendruck ausreichen, um Sonden ohne weiteren Antrieb von der Erde bis zum Jupiter zu schieben. Jenseits des Gasplaneten müssten dann extrem stark fokussierte Laser den Antrieb übernehmen. Die Laser könnten ihre Energie aus dem Sonnenlicht beziehen - und damit den Traum von einem allein solargetrieben Raumfahrzeug weiterleben lassen.

Anders als bei Raketenantrieben, die im All nach getaner Arbeit abgeschaltet werden, wird beim Sonnensegel kontinuierlich Kraft auf das Raumfahrzeug ausgeübt. Folglich wird dieses auch ständig beschleunigt. Der Anfang ist zwar beschwerlich, letztlich kann das solare Segel aber deutlich höhere Geschwindigkeiten als konventionelle Sonden erreichen. Planeten könnten in Monaten erreichbar sein, fremde Sterne in Jahren statt in Jahrhunderten.

So weit die Theorie. In der Praxis dagegen gilt es noch viele Hürden zu überwinden. Die ersten sind ganz grundlegender Natur: Wie beispielsweise lassen sich die hauchdünnen Segel unbeschadet ins Weltall bringen und dort zu voller Größe entfalten.

Entfaltet: Rund 600 Quadratmeter Fläche stemmt das Sonnensegel den solaren Photonen entgegen
AP

Entfaltet: Rund 600 Quadratmeter Fläche stemmt das Sonnensegel den solaren Photonen entgegen

Unter der Regie von Louis Friedman hat die Planetary Society nun ein russisches Atom-U-Boot gechartert, mit dessen Hilfe Teile des Sonnensegels erstmals in Richtung Weltall geschossen werden sollten. Mit einem Tag Verspätung - die parallel laufende Bergung der "Kursk" brachten den Zeitplan in der Barentssee durcheinander - war es am Freitagmorgen endlich so weit.

"Wunderbar. Wunderbar", kommentierte Friedman den geglückten Start. Wenig später war die ursprüngliche Euphorie allerdings verflogen. Zwar seien, so berichtet Friedman auf der Internetseite der Planetary Society, alle drei Stufen der russischen Rakete gezündet und erste Signale aus dem All registriert worden. Nach dem Wiedereintritt in die Erdatmosphäre herrschte allerdings Funkstille.

Ob sich die fast hundert Quadratmeter großen Segel - zuvor in einer nur brotkastengroßen Hülle versteckt - wie geplant entfaltet haben, blieb zunächst unklar. Erst Tage später stellte sich heraus, dass sich die Kapsel mit den Segeln nicht von der dritten Stufe der umgebauten Interkontinentalrakete gelöst hatte.

Die solaren Prototypen verbrannten wahrscheinlich beim Wiedereintritt in die Atmosphäre oder schlugen in Kamtschatka auf die Erde. Auch eine kleine Kapsel, die während des Tests Messdaten und Videobilder aufzeichnen und wieder auf der Erde landen sollte, blieb verschwunden.

Die Verantwortlichen der "Cosmos 1"-Mission, wie das Unternehmen Sonnensegel heißt, gingen zunächst von einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit aus, die Kapsel mit den Messdaten zu finden. Zwei Hubschrauber waren mit der Suche in Kamtschatka beauftragt worden. Dann allerdings die traurige Nachricht: "Das Experiment hat nicht stattgefunden", so Igor Schewaljow gegenüber der "Moskau Times".

Trotz des Rückschlags übt man sich bei der Planetary Society in Optimismus. Die Zusammenarbeit zwischen den USA und Russland, zwischen gemeinnützigen und kommerziellen Institutionen, zwischen Militär und zivilen Einrichtungen habe reibungslos funktioniert, so Bruce Murray. Der Präsident der Planetary Society geht daher davon aus, dass der Cosmos-Zeitplan eingehalten werden kann.

Das allerdings würde heißen, dass spätestens Ende dieses Jahres das erste kosmische Segelboot in einem erdnahen Orbit seine Runden ziehen wird. Spätestens dann muss sich zeigen, ob das ehrgeizige Projekt tatsächlich flugfähig ist - oder ob Friedman und Kollegen den ersten Raumflug eines Sonnensegels schweren Herzens in den Wind schreiben müssen.



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