Aus Bremen berichtet Christoph Seidler
Das Ambiente erinnert an die Kommandobrücke des Raumschiffs Enterprise. Ein Dutzend Arbeitsplätze sind im Halbkreis angeordnet, jeder blaubestuhlte Platz ist mit großem Monitor, Webcam, Kopfhörer und Mikrofon ausgestattet. In der Mitte thront eine zentrale Konsole, direkt im Blickfeld der in der Wand eingelassenen Kamera. Hier würde wohl der Kapitän sitzen und seine Kommandos geben.
Doch weil wir uns am Stadtrand von Bremen befinden, einen Steinwurf von der Autobahn entfernt, und nicht irgendwo in den Weiten des Alls, sucht man Captain Kirk oder Jean-Luc Picard vergebens. An ihrer Stelle sitzen Ingenieure und Naturwissenschaftler. In dem lichtdurchfluteten Erdgeschossraum in der Bremer Außenstelle des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) konstruieren sie Satelliten. Concurrent Engineering Facility nennen die Forscher den futuristischen Raum, in dem sie an einem - möglichen - Weltenretter arbeiten.
Marcus Hallmann zeigt auf einen der drei beeindruckend großen Monitore an der Stirnwand der Planungszentrale. Unter seinen Fingern tanzt buntes Konfetti, jedenfalls sieht es so aus. Rote, grüne, gelbe, weiße Punkte bewegen sich ohne Pause hin und her. Inmitten des Trubels liegen zwei klar eingezeichnete Ellipsen. Es sind die Bahnen von Erde (grün) und Venus (rosa), wie Hellmann erklärt. Und jeder einzelne der Punkte könnte theoretisch der Erde großen Schaden zuzufügen.
"All diese Asteroiden sind eine potentielle Gefahr für die Erde", sagt Hallmann. Aufgrund statistischer Verteilungsgesetzmäßigkeiten vermuten Forscher rund tausend solcher Objekte innerhalb der Erdbahn, jedes von ihnen mindestens hundert Meter groß. Doch gerade einmal zehn Brocken dieser Art sind bisher bekannt. "Über die Population weiß man so gut wie nichts", sagt Ekkehard Kührt vom DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin.
Somit gaukelt die Computersimulation mit den vielen bunten Punkten eine Erkenntnistiefe vor, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt - noch nicht. Diese Aufgabe soll der deutsche Satellit "AsteroidFinder" schon bald übernehmen. In Bremen laufen die Fäden für die Planung des Geräts zusammen, das nach den Plänen seiner Erbauer etwa so groß werden soll wie ein Single-Kühlschrank - 80 Zentimeter breit und tief, und 100 Zentimeter hoch.
Pro Tag 14 Gigabyte an Daten
Bisher beschäftigen sich vor allem die Amerikaner mit der Suche nach Asteroiden. Doch erstens fehlt ihnen dafür immer mal wieder das Geld, und zweitens schauen sie nur von der Sonne weg, auf den Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Der Satellit aus Deutschland soll hingegen die sogenannten "Inner Earth Objects" (IEO) beobachten. "Bisher gab es keine Bemühungen, diese Klasse von Asteroiden zu finden", sagt Kührt.
Bei der Suche gibt es gleich mehrere Probleme, das wohl schwerwiegendste lässt sich jederzeit im Alltag erleben: Wer tagsüber in die Sonne blickt, der kann nicht ernsthaft darauf hoffen, Sterne zu beobachten. Unser Zentralgestirn blendet einfach zu stark. Wie soll man da im Gegenlicht ein paar vergleichsweise kleine, lichtschwache Gesteinsstücke erkennen können?
Einigermaßen gute Karten dafür hat der "AsteroidFinder" außerhalb der Erdatmosphäre, auf seiner Umlaufbahn genau an der Tag-Nacht-Grenze, dem sogenannten Terminator-Orbit. Und doch muss das 25-Zentimeter-Teleskop sehr genau hinsehen. Im Prinzip schlummert in ihm ein Chip, wie er auch in handelsüblichen Digitalkameras zum Einsatz kommt. Allerdings muss das Auge des Satelliten auf minus 80 Grad gekühlt werden - und über eine besonders gute Rauschunterdrückung verfügen.
Kurze Verschlusszeiten sollen außerdem dabei helfen, dass die Bilder nicht verwackeln wie ein Urlaubsschnappschuss einer schummerigen Hafenpromenade. Aus zahlreichen Einzelaufnahmen berechnet der fliegende Späher deswegen seine Himmelsbilder. Pro Tag soll "AsteroidFinder" rund 14 Gigabyte an Daten zur DLR-Bodenstation nach Neustrelitz schicken.
"Wir müssen extrem kleine Signale detektieren", sagt Peter Spietz. Erst aus den Aufnahmen mehrerer aufeinanderfolgender Tage lasse sich die Bahn von sonnennahen Asteroiden überhaupt berechnen, erklärt der Physiker.
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