Galaktische Geschichte Großprojekt soll Sternenströme enthüllen

Um die Historie der Galaxis zu rekonstruieren, wollen Forscher die Geschwindigkeiten von 50 Millionen Sternen messen. Die riesige Datensammlung könnte die Spuren vergangener Kollisionen offenbaren.


Hubble-Foto kollidierender Galaxien: Dramatische Geschichte
REUTERS

Hubble-Foto kollidierender Galaxien: Dramatische Geschichte

Die Milchstraße blickt wahrscheinlich wie viele andere Galaxien auf eine dramatische Geschichte zurück: Astronomen vermuten, dass sie sich zahlreiche kleine Satelliten einverleibte, bevor sie ihre heutige Größe erreichte. Ob diese Vorstellung von der kannibalistischen Galaxienbildung stimmt, soll nun eine groß angelegte Himmelsdurchmusterung klären.

Mit dem "Radial Velocity Experiment", kurz Rave genannt, will ein internationales Astronomenteam bis 2010 die Spektren der 50 Millionen hellsten Sterne der Galaxis zusammentragen - die bislang größte Sammlung dieser Art. Mit den Informationen lassen sich, so hoffen die Forscher, die Bewegungen einzelner Sternengruppen in der Milchstraße aufdecken. Dabei könnten sich auch die Überreste ehemaliger Satellitengalaxien verraten.

Zwar haben frühere Himmelsdurchmusterungen bereits die Positionen und Geschwindigkeiten von mehr als 2,5 Millionen Sternen erfasst. Um allerdings die Bewegungen korrekt zu ermitteln, fehlt in vielen Fällen eine Geschwindigkeitskomponente: die so genannte Radialgeschwindigkeit, welche die Bewegung des jeweiligen Sterns in Blickrichtung wiedergibt.

Beim Rave-Projekt soll die Radialgeschwindigkeit bis auf zwei Kilometer pro Sekunde genau bestimmt werden - das entspricht etwa einem Prozent der üblichen Sternengeschwindigkeit. "Mit dieser Genauigkeit und dieser Anzahl der Radialgeschwindigkeiten werden wir in der Lage sein, Dutzende, wenn nicht gar Hunderte von Gezeitenschweifen in der Sonnenumgebung zu identifizieren", sagt Matthias Steinmetz, Direktor am Astrophysikalischen Institut Potsdam und Rave-Teamleiter.

"Diese aus Sternen bestehenden Schweife", erklärt der Forscher, "sind die Rückstände von auseinander gerissenen alten Satellitengalaxien, die nun in unserer Milchstraße aufgegangen sind." Weil sich die kosmischen Fetzen auch nach Milliarden von Jahren weiter als Einheit bewegen, erlauben sie Rückschlüsse auf ihren katastrophalen Ursprung. Die chemische Zusammensetzung, die bei Rave zusätzlich ermittelt werden soll, gibt weitere Auskunft über historische Beziehungen zwischen den Sternen.

Für das vor wenigen Wochen gestartete Projekt sammelt zunächst das 1,2-Meter-UK-Schmidt-Teleskop am Anglo-Australischen Observatorium Daten. Mit seinem derzeitigen robotischen Spektroskop kann das nahe der südostaustralischen Stadt Coonabarabran gelegene Teleskop bis zu 600 Sterne in der Nacht beobachten, mit dem Nachfolgegerät soll es ab 2006 sogar 22.000 Spektren pro Nacht gewinnen können. Zusätzlich wird sich dann auch noch ein Observatorium auf der Nordhalbkugel an Rave beteiligen.



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