Hamburg - Der Mond könnte deutlich jünger als bisher angenommen - oder der Erdtrabant besaß nie einen globalen Magmaozean. Das Problem: Beide Ideen, die ein internationales Forscherteam nun im Fachmagazin "Nature" präsentiert, widersprechen der gängigen Theorie. Doch nach Ansicht der Wissenschaftler legt ihre Untersuchung von Mondgestein genau diese Schlussfolgerungen nahe.
Die Forscher hatten mit Hilfe von Blei-, Neodym- und Samarium-Isotopen das Alter eines speziellen Gesteins bestimmt. Das sogenannte Anorthosit soll aus der Zeit der Mondentstehung stammen. "Bisher haben Versuche, diese Gesteinssorte zu datieren, widersprüchliche Ergebnisse geliefert", schreiben Lars Borg vom Lawrence Livermore National Laboratory im US-Bundesstaat Kalifornien und seine Kollegen.
Dank der verbesserten Methode ergab die Datierung nun, dass das lunare Anorthosit-Gestein erst vor 4,36 Milliarden Jahren entstanden sein kann. Bisher hatten Wissenschaftler die Bildung des Mondes und seiner ersten Gesteine deutlich früher angesiedelt.
Das jetzt gemessene Gesteinsalter könnte bedeuten, dass sich der Mond signifikant später verfestigte, meinen die Forscher. Möglich sei aber auch, dass die Mondoberfläche sich anders gebildet habe als bisher angenommen. Das untersuchte Mondgestein wäre dann nicht als Gesteinsscholle auf dem globalen Magmaozean erstarrt, durch lokale Prozessen des Schmelzens und Erstarrens entstanden.
Keine wasserdichte Alternative
Eine eindeutige Antwort auf die Frage, wie es tatsächlich war, die liefern die Forscher nicht. Sie schließen ihren Artikel mit einer Abwägung der Argumente für oder gegen beide Szenarien. Damit kratzen sie zwar an der gängigen Theorie, bieten aber noch keine wasserdichte Alternative.
Nach gängiger Theorie entstand der Mond, als ein marsgroßer Protoplanet vor rund 4,52 Milliarden Jahren mit der noch jungen Erde kollidierte. Aus den ins All geschleuderten Trümmern bildete sich der Erdtrabant. Anfangs bedeckte ein hunderte Kilometer dicker Ozean aus flüssigem Magma den jungen Mond. Als dieser kurz darauf erstarrte, bildeten sich die ersten Minerale und Gesteine der Mondkruste. Dieses Szenario hat den großen Vorteil, die Bildungsmechanismen aller auf dem Mond vorkommenden Gesteine erklären zu können.
Die Theorie eines Magmaozeans auf dem Mond basiere auf starken Belegen, so die Forscher. Zahlreiche chemische und geologische Merkmale, sowie Isotopenverteilungen von Mondgestein würden dafür sprechen. Stellte sich die Theorie aber als falsch heraus, müsse auch die Entstehung anderer Gesteinsplaneten und Monde neu überdacht werden, schreiben die Wissenschaftler. Erst kürzlich hatten Wissenschaftler eine neue Theorie zur Mondentstehung vorgestellt: Demnach hatte die Erde für mehrere zehn Millionen Jahre zwei Trabanten, die schließlich miteinander kollidierten.
wbr/dapd
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