Google-Lunar-X-Prize: Stresstest für All-Amateure
Mit einem Mini-Budget wollen die Teilnehmer des Wettbewerbs Google-Lunar-X-Prize bis Ende 2015 zum Mond fliegen. Damit das klappt, laufen bereits jetzt entscheidende Tests. Mondvehikel wie der Rover "Asimov" halten sich wacker.
Von der Schönbergalm geht es noch ein ganzes Stückchen steil bergauf. Wer hier mit schwerem Gepäck unterwegs ist, kommt unweigerlich ins Schnaufen. Der Aufstieg von der Seilbahnstation zur Dachstein Eishöhle kostet die drei Herren daher auch einige Mühe. Das Trüppchen wuchtet immerhin 25 Kilogramm den Berg hinauf.
"Part Time Scientists", also Teilzeitwissenschaftler, heißt die Gruppe, die bei einem futuristischen Wettbewerb mitmacht, bei dem ein Gefährt namens "Asimov" in absehbarer Zeit eine wichtige Rolle spielen soll: Geht alles glatt, dann schnurrt das metallene Mobil in zwei, drei Jahren vielleicht über den Mond, mit einer Geschwindigkeit von bis zu zwei Metern pro Minute.
Der Chef läuft hinterher; er muss nicht Hand anlegen, als das vierrädrige Gefährt über den asphaltierten Weg zum Höhleneingang geschleppt wird. Den Kettenfahrzeugen der Seilbahnfirma haben die Männer um den Berliner Informatiker Robert Böhme nicht zugetraut, die fragile Fracht sicher zu transportieren. Unter keinen Umständen darf der Prototyp jetzt Schaden nehmen.
Im sogenannten Nebenhallenlabyrinth der Eishöhle soll "Asimov" seine Fahrkünste in alpinem Gelände zeigen. Die Verhältnisse hier sind dem Mond durchaus ähnlich: Eine feine Gesteinsschicht bedeckt den Boden - darunter ist der Grund knochenhart. "Es geht in erster Linie um den Grip der Räder auf dem Untergrund, das ist sehr wichtig, und die Höhenverstellung", sagt Teamchef Böhme.
Zu seiner Mannschaft zählen um die hundert Raumfahrt-Enthusiasten - und die haben Großes vor: Beim Google-Lunar-X-Prize locken 20 Millionen Dollar, wenn das Fahrzeug sanft auf dem Erdtrabanten abgesetzt werden kann. Außerdem soll es dort noch 500 Meter zurücklegen. Und hochauflösende Live-Bilder müssen den Erfolg beweisen. Das Geld kommt von einer gemeinnützigen US-Stiftung.
Es geht vor allem um die Show, weniger um Wissenschaft - auch wenn im April drei europäische Google-Lunar-X-Prize-Teams auf einem Fachkongress in Berlin zumindest höflich von den Forschern empfangen wurden.
Der Wettbewerb richtet sich an Privatiers, nicht an etablierte Raumfahrtorganisationen. Die könnten für die Siegprämie ohnehin keine Mondmission auf die Beine stellen. Doch auch den All-Amateuren geht es bei dem Wettbewerb schon längst nicht mehr in erster Linie um die Dollars im Jackpot. Stattdessen will der eine oder andere den Raumfahrt-Bürokraten zeigen, was mit Enthusiasmus und schlankem Management so alles möglich ist.
"Wenn wir es schaffen, haben wir bewiesen, dass Raumfahrt nicht teuer sein muss", zitiert etwa die "Jüdische Allgemeine" Jonathan Weintraum vom israelischen Team "Space IL". Andere wiederum, zum Beispiel das Team "Moon Express" um den Internet-Milliardär Naveen Jain, hoffen auf neue Geschäftsfelder: Sie wollen einen kommerziellen Frachtransport zum Mond vorbereiten.
Ganz ohne Profi-Unterstützung geht nicht
"Es gibt fünf, sechs sehr starke Teams beim Google-Lunar-X-Prize", sagt Bernard Foing. Der Franzose arbeitet für die Europäische Weltraumorganisation (Esa) und hat als Chefwissenschaftler die europäische Mondsonde "Smart 1" mit ersonnen. Im Jahr 2006 war sie zum kontrollierten Absturz auf dem Erdtrabanten gebracht worden. Mit einem Missionsbudget von 110 Millionen Euro war der Orbiter "Smart 1" damals schon zum absoluten Schnäppchenpreis gebaut und betrieben worden.
Doch die neue Generation der Privatmobile, die nun sogar auf dem Mond landen sollen, dürfen längst nicht so teuer sein. Ob das zu schaffen ist, wagt Foing nicht vorherzusagen. In jedem Fall scheint klar: Ganz ohne Profi-Unterstützung geht es auch beim Google-Lunar-X-Prize nicht. Das haben die aktuell noch 26 Teams längst gemerkt.
Offiziell dürfen staatliche Stellen nur zehn Prozent des Missionsbudgets beisteuern. Doch vor allem die US-Teams wie "Moon Express", "Astrobotic" oder "Rocket City Space Pioneers" lassen sich großzügig von der Nasa alimentieren. Die "Part Time Scientists" wiederum haben sich Unterstützung vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gesichert. So schnurren in "Asimovs" Innerem Spezialmotoren, die das DLR einst im Roboterarm "Rokviss" auf der Internationalen Raumstation getestet hat.
"Man gibt nicht nur eine simple Kraft drauf. Man weiß auch, was diese Kraft auf dem Untergrund bewirkt, also was für Reaktionen rauskommen", beschreibt Böhme die Vorteile für seinen Rover. Im Prinzip kann sich "Asimov" sogar ganz ohne menschliche Hilfe fortbewegen.
Hilfe vom "Apollo"-Veteranen
Das vierrädrige Fahrzeug hält sich wacker beim Stresstest in der Höhle. Doch dass der Rover tatsächlich einmal auf dem Mond seine Runden drehen wird, ist keinesfalls ausgemacht. Eine russische "Dnjepr"-Rakete soll "Asimov" ins All bringen, sagt der Teamchef der "Part Time Scientists". Doch das Geld für den Start ist noch längst nicht komplett.
Und damit nicht genug der Herausforderungen: Denn wie kommt man eigentlich aus der Erdumlaufbahn zum Mond? Weder die nötige Antriebstechnik noch die Flugbahn sind trivial. Jack Crenshaw, ein am Projekt beteiligter "Apollo"-Veteran, soll den Teilzeitwissenschaftlern dabei helfen, ihr Gefährt nicht in den Tiefen des Alls zu versenken.
Doch selbst wenn das alles glatt geht, ist da noch die Sache mit der Landeeinheit. Sie muss dafür sorgen, dass der Rover, der mit einer Geschwindigkeit von vielleicht zehn Kilometern in der Sekunde am Mond ankommt, beim Aufsetzen nicht zu einem Haufen lunarem Schrott mutiert. Stattdessen soll er nördlich vom Mondäquator sanft den Boden berühren, irgendwo unweit der Landestelle von "Apollo 17".
Der Journalist Michael Doornbos interviewt regelmäßig die Teams des Google- Lunar-X-Prize. Auf Basis dieser Gespräche veröffentlicht er auf seiner Webseite eine ständig aktualisierte Rangliste der Mannschaften und ihrer Erfolgsaussichten. Angeführt wird das Ranking derzeit vom US-Team "Astrobotic", die "Part Time Scientists" liegen auf Platz sechs. Doch ob tatsächlich auch nur eines der Teams erfolgreich starten wird, ist trotzdem nicht klar. Für Doornbos ist das aber auch zweitrangig - weil die All-Amateure frischen Wind in die Weltraum-Community bringen: "Es geht nicht um das Rennen. Es geht darum, was wegen des Rennens passiert."
Bei der Nasa rechnet man aber wohl durchaus damit, dass eines oder mehrere Teams den Mond erreichen könnten. Ein Expertenkongress hat im vergangenen Jahr Empfehlungen verabschiedet, wie die "Apollo"-Landestellen als Denkmal geschützt werden sollen. So müsste "Asimov" zum Beispiel 225 Meter Abstand von den Überresten der letzten bemannten Mission halten. Eine Sache wollen die Raumfahrt-Offiziellen freilich gern von den Neuankömmlingen untersuchen lassen: die Fäkalienbeutel der Astronauten.
Es geht um die Frage, ob die dort eingeschlossenen Bakterien die Zeiten lebend überstanden haben.
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