Harte Sojus-Landung Russen sprechen von Beinahe-Katastrophe - Nasa beschwichtigt

Die bemannte Raumfahrt ist möglicherweise nur knapp einer Katastrophe entgangen. Jetzt sind dramatische Details zur Rückkehr einer russischen Sojus-Kapsel am Wochenende bekannt geworden. Die Amerikaner spielen den Vorfall herunter - aus Kalkül.


Moskau - Es müssen bange Momente gewesen sein. Als die "Sojus"-Kapsel TMA-11 am vergangenen Samstag durch die Erdatmosphäre rauschte, lief nicht alles nach Plan. Ungesteuert stürzten die US-Amerikanerin Peggy Whitson, ihr russischer Kollege Juri Malentschenko und die Forscherin Yi So Yeon auf die Erde zu.

Die Körper der drei waren mindestens der achtfachen Erdbeschleunigung ausgesetzt - insbesondere für Whitson und Malentschenko, die monatelang in der Schwerelosigkeit des Alls gelebt haben, muss das eine kaum vorstellbare Tortur gewesen sein. Doch auch die Koreanerin Yi durchlebte bange Momente: "Während des Abstiegs habe ich draußen eine Art Feuer gesehen, als wir uns durch die Atmosphäre bewegten", sagte sie später. "Am Anfang hatte ich wirklich Angst, weil das wirklich sehr, sehr heiß aussah und ich dachte, dass wir verbrennen könnten."

Kapsel und Crew schlugen schließlich in der kasachischen Steppe auf, mehr als 400 Kilometer von der geplanten Landestelle entfernt; die "Sojus" tief in den Boden eingegraben. Statt des offiziellen Empfangskommandos wurden die drei Raumfahrer nahe der Stadt Arkalik von herbeigeeilten Einheimischen begrüßt - per Satellitentelefon riefen sie im Moskauer Kontrollzentrum an, Rettungsmannschaften wurden losgeschickt.

"Auf des Messers Schneide"

Möglicherweise schwebte die "Sojus"-Crew in den Minuten davor in großer Gefahr. Russische Berichte klingen jedenfalls beängstigend: Die Nachrichtenagentur Interfax zitiert anonym einen russischen Raumfahrtverantwortlichen, nach dem die Mission "auf des Messers Schneide" gestanden habe. Besonders problematisch sei gewesen, dass die Kapsel falsch herum auf die Erde zugestürzt sei, mit der Luke zuerst.

Dadurch war der Hitzeschutz der "Sojus" auf der falschen Seite - und damit nutzlos. Nach dem Interfax-Bericht verschmorte durch die hohen Temperaturen beim Wiedereintritt unter anderem die Antenne der Kapsel. Dadurch sei die Kommunikation mit dem russischen Kontrollzentrum verstummt. Auch eine Vorrichtung zum Druckausgleich in der Kapsel sei kaputtgegangen. "Alles hätte viel schlimmer ausgehen können", erklärte der russische Experte. Mit diplomatischer Zurückhaltung drückte es US-Astronautin Whitson aus: Die Landung sei "ein bisschen dramatischer verlaufen" als sie das erwartet habe.

Die offiziellen russischen Reaktionen fallen im Ton eher moderat aus. Alexander Worobyow, ein Sprecher der russischen Raumfahrtagentur, erklärte, man stufe den Vorfall auf einer Skala, auf der fünf das größtmögliche Risiko darstelle, mit drei ein. Nun werde man sich an die Ursachenforschung machen. Es ist das dritte Mal innerhalb von fünf Jahren, dass eine "Sojus"-Kapsel nicht nach Plan gelandet ist.

Für die Amerikaner ist das nach eigenem Bekunden kein Grund zur Sorge: "Ich sehe das nicht als größeres Problem", erklärte Nasa-Sprecher William Gerstenmaier - um dann immerhin nachzusetzen, dass die Angelegenheit etwas gewesen sei, was "nicht hätte passieren sollen". Aber alles in allem habe man keinen Zweifel, dass die Russen ihre Arbeit gut machten: "Wir sollten in dieser Sache nicht überreagieren."

Möglicherweise sind solche Äußerungen aber auch Kalkül: Wenn die Nasa ihre Shuttle-Flotte in einigen Jahren still legt, wird sie voll auf die Russen angewiesen sein - zumindest übergangsweise. Bis der Shuttle-Nachfolger "Orion" fertig ist, hat Moskau ein Monopol für den Transport von Menschen zur ISS und zurück. Da wäre es für die Amerikaner kontraproduktiv, den Partner in schlechtem Licht dastehen zu lassen.

Doch US-Aufsichtsgremien - wie der Wissenschaftsausschuss des Repräsentantenhauses - sind bereits hellhörig geworden. "Wir brauchen mehr Informationen darüber, was passiert ist und warum - und wie sich das in Zukunft verhindern lässt", erklärte der Chef des Gremiums, der Demokrat Bart Gordon.

chs/AP/Reuters

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