"Herschel" und "Planck" Forscher bejubeln Start von Europas Superteleskopen

Fast 25 Jahre Entwicklungszeit, 1,8 Milliarden Euro Kosten: Die Weltraumteleskope "Herschel" und "Planck" gehören zu den größten Forschungsprojekten in der Geschichte Europas. SPIEGEL ONLINE hat die entscheidenden Minuten des Starts aus nächster Nähe beobachtet.

Aus Kourou berichtet Alexander Stirn


20 Jahre hat Albrecht Poglitsch auf diesen Moment gewartet - und plötzlich ist alles blitzschnell vorbei. Mit einem dumpfen Grollen erhebt sich die mächtige Rakete aus dem Dschungel, reitet wie auf einem Feuerball in den Himmel und verschwindet hinter einer der wenigen Wolken über Französisch-Guayana. Aus den Augen - aber keinesfalls aus dem Sinn.

Poglitsch schmunzelt. Der Astrophysiker vom Garchinger Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik hat seine Videokamera beiseite gelegt und blickt noch lange in den Himmel. Die dicken weißen Rauchwolken über dem Urwald lösen sich langsam auf.

Die Verantwortlichen zeigen sich wenig später euphorisch. ""Herschel" und "Planck" sind die aufwendigsten wissenschaftlichen Satelliten, die jemals in Europa gebaut wurden", sagte ein sichtlich erleichterter Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain. "Die Esa ist auf dem Weg zurück zu den Ursprüngen unseres Universums. Nur ein umfassenderes Verständnis der Vergangenheit unseres Universums ermöglicht uns einen besseren Ausblick auf die Zukunft unseres Planeten Erde." Auch der deutsche Esa-Programmmanager Thomas Passvogel erwartet Bahnbrechendes von den Missionen. "Ich glaube, die Überraschung wird darin liegen, dass wir etwas sehen, was wir nicht erwartet haben."

Poglitschs Augen glänzen voller Stolz, in sein Lächeln mischt sich aber auch ein bisschen Sorge. Fast wie bei einem Vater, dessen Sohn aus der elterlichen Wohnung auszieht, um in der großen Stadt zu studieren. Irgendwie ist es ja auch so. An Bord der "Ariane 5", die gerade vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou abgehoben hat, sind mit "Herschel" und "Planck" nicht einfach nur zwei Forschungssatelliten. Mit ihnen ist auch die Arbeit von Wissenschaftlern und Ingenieuren von der Erde ins All verschwunden, die mehrere Jahrzehnte ihrer Karriere in dieses Projekt gesteckt haben.

So wie Albrecht Poglitsch. Der 53-Jährige mit den widerspenstigen weiß-grauen Haaren ist verantwortlich für "Herschels" PACS-Kamera - ein Messinstrument, das ferne Himmelsobjekte im infraroten Licht beobachten und die Strahlung in ihre Bestandteile zerlegen kann. Mit seiner Hilfe hoffen die Forscher, durch den Staub und das Gas blicken zu können, hinter dem sich etwa junge Sterne verstecken. Eine Hoffnung, die lange Zeit unerfüllt blieb.

"Bereits 1990 haben wir die ersten Überlegungen zu 'Herschels' Kamera angestellt", sagt Poglitsch, während sich die Besuchertribüne in Kourou langsam leert. Damals, vor fast 20 Jahren, hieß das Projekt noch "First" und wäre kurze Zeit später beinahe für immer beerdigt worden. 1998 begann der Garchinger Physiker schließlich, PACS zu bauen - mit einem Team aus sechs Ländern und 14 Instituten. "Der Druck bei so etwas ist ungeheuerlich", sagt Poglitsch. "Wenn etwas nicht klappt, brauchen Sie sich als Verantwortlicher hinterher nirgends mehr zu zeigen."

Immer wieder gab es Rückschläge

Nackenschläge gab es zuhauf. Mal wurde das Geld nicht rechtzeitig ausgezahlt, dann wurde am Personal gespart oder Kooperationspartner machten nicht das, was sie sollten. Immer wieder musste das Projekt verschoben werden - und letztlich auch der Start: Ursprünglich sollte "Herschel" - die Ideen für das Projekt reichen bis ins Jahr 1984 zurück - im vergangenen Sommer abheben. Dann am 14. April dieses Jahres. Jetzt ist es der 14. Mai geworden.

Vor zwei Tagen, als sich die beteiligten Forscher mal wieder in Paris trafen - dieses Mal, um endlich nach Kourou zu fliegen - war davon noch niemand überzeugt. Die Stimmung schwankte zwischen freudiger Erwartung, Anspannung und einem Hauch von Fatalismus. "Dass die Mission nach so langem Warten und nach so vielen Verschiebungen jetzt plötzlich wahr werden sollte, hatte fast schon etwas Unwirkliches", sagt Poglitsch. Und auch, wenn keiner gerne darüber redet, stieg die Spannung von Tag zu Tag an.

Poglitschs Finger spielen bei den vielen Gesprächen, die der Wissenschaftler in Kourou führte, nervös mit den Zipfeln seiner beigefarbenen Jacke. Hitze und Feuchte der Tropen gehen an niemandem spurlos vorbei. "Ich habe wenig geschlafen - immer in der Angst, dass doch noch eine E-Mail mit neuen Problemen kommt." Irgendwann machte dann auch noch das Gerücht die Runde, dass nach den Steuerdüsen, die für die letzte Startverschiebung verantwortlich waren, nun das Haupttriebwerk herumzicke. Es war offensichtlich falscher Alarm.

Minuten nach dem Start sind solche Sorgen vergessen. Die beiden Feststoffraketen, die die Ariane 5 auf Tempo gebracht haben, wurden längst abgeworfen. "Herschel" und "Planck" stehen kurz davor, aus der menschlichen Obhut entlassen und mit der kalten Realität des Weltalls konfrontiert zu werden. Die Erleichterung unter den Wissenschaftlern war groß, als kurze Zeit nach dem Start die ersten Signale der beiden Teleskope auf der Erde ankamen.

Betriebssoftware muss noch eingespielt werden

Aus dem Gröbsten raus ist Poglitschs "Schätzchen", wie er scherzhaft sagt, trotzdem noch nicht. "Wir haben nach dem Start ein paar kritische Momente, weshalb wir noch lange nicht die Korken knallen lassen", sagt der Astrophysiker. Das Gitter beispielsweise, das die Infrarotstrahlung in ihre Wellenlängen zerlegt, wird während der turbulenten ersten Minuten des Flugs von einem Riegel festgehalten. Der muss gelöst werden - durch einen Motor samt Getriebe. Auch der Kühler, der PACS auf eine Temperatur von 0,3 Grad über dem absoluten Nullpunkt bringen soll, könnte in der Schwerelosigkeit eigenwillig reagieren.

Zudem fehlt "Herschels" Kamera trotz ihrer fast 20 Jahre Entwicklungszeit manchmal noch die nötige Reife: "Unsere Leute zu Hause arbeiten gerade fieberhaft an der Betriebssoftware der Kamera", sagt Poglitsch und schmunzelt verlegen. Zwar funktioniere inzwischen alles, auf die Eigenheiten von Instrument und Satellit sei das Programm aber noch nicht abgestimmt. Dafür fehlte schlichtweg die Zeit. Die neue Betriebssoftware soll nun in einem günstigen Moment aufgespielt werden.

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