Hirnforschung im All: Völlig schwerelos schwebt der Schädel
Was geschieht mit unserem Gehirn in Schwerelosigkeit? Deutsche Forscher wollen das im Weltall herausfinden. Doch vorher müssen sie ihre Messgeräte testen - bei einem halsbrecherischen Achterbahn-Flug über der Nordsee. Christoph Seidler hat sich mit an Bord gewagt.
In himmlischen Dingen kennt sich Michael Meyer-Blanck gut aus. Doch das, was hier passiert, ist selbst für den Theologen der Universität Bonn gänzlich neu. Mit einem weißen Mützchen auf dem Kopf schwebt der Religionspädagoge vielleicht einen Meter vor mir. Mit einer Hand hält er sich an einem orangeroten Halteseil fest. Ich drifte dagegen langsam der Decke entgegen, die ich - autsch! - mit dem Kopf zuerst erreiche. Zum Glück dämpft ein Polster den Aufprall.
Wir befinden uns in einem Airbus 300, irgendwo über der Nordsee, auf einem Parabelflug des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), das dafür ein Spezialflugzeug der französischen Firma Novespace angemietet hat. Meyer-Blanck ist Proband eines Experiments der Sporthochschule Köln; ich sehe ihm zu.
Und weil die französischen Piloten Stéphane Pichené und Hervé Poulin unser Flugzeug gerade auf einer halsbrecherischen Parabelbahn durch den Himmel jagen, hat die Schwerkraft mal kurz Pause. Wir können uns fühlen wie Astronauten. Genau 22 Sekunden lang driften wir durch eine Art fliegende Gummizelle in der Flugzeugmitte - mal horizontal auf halber Höhe zwischen Boden und Decke, mal vertikal mit dem Kopf nach unten. Ein paar der Parabeln haben wir nach dem Start in Köln-Bonn schon hinter uns gebracht, gut ein Dutzend sind es bei der himmlischen Achterbahnfahrt heute insgesamt.
"Injection!" lautet das Kommando, bei dem die Phase der Schwerelosigkeit in der Kabine beginnt. Und wenn sich das Cockpit mit der Ansage "Pull out" durch die Sprechanlage meldet, sollte man schnell ein Bein Richtung Fußboden bekommen. Dann ist der schwerelose Spuk gleich wieder vorbei - und man plumpst nach unten wie überreife Pflaumen von einem Baum im Spätsommer. Bis es bei der nächsten Parabel erneut in Richtung der Kabinendecke geht.
Im Prinzip geht es bei dem Flug um drei Dinge:
- Journalisten und Politiker an Bord - der furchtlos dreinblickende Verkehrsminister Peter Ramsauer zum Beispiel - sollen die Schwerelosigkeit kennenlernen, vermutlich auch um der nicht immer unumstrittenen Forschung im All in Zukunft wohl gesonnen gegenüber zu stehen.
- Europas Astronauten-Kandidaten wie der Deutsche Alexander Gerst und die Italienerin Samanta Christoforetti sollen sich auf ihre Einsätze im All vorbereiten. Beide schweben etwas weiter hinten in der Kabine zusammen mit ihrem französischen Kollegen Jean-François Clervoy, dreimaliger Shuttle-Astronaut und jetzt Chef von Novespace.
- Deutsche Forscher sollen für vergleichsweise wenig Geld in der Schwerelosigkeit experimentieren können. Obwohl eine mehrtägige Parabelflugkampagne rund eine Dreiviertel Million Euro kostet, ist das ein Schnäppchen im Vergleich zum Preis eines Raketenstarts zur Internationalen Raumstation (ISS). Neben den Kölner Sportwissenschaftlern sind vier weitere Teams an Bord.
Während wir schweben, sieht sich Petra Wollseiffen an, was die ungewohnte Situation mit dem Hirn von Michael Meyer-Blanck macht. Auf seiner weißen Kappe sitzen dazu 64 Messelektroden. Sie belauschen die elektrische Aktivität im Denkorgan des Dozenten. Die Signale werden direkt an der Elektrode verstärkt und drahtlos an einen Computer am Kabinenboden übertragen. Keine Kabel sollen die sensiblen Messungen stören.
"Wir wollen wissen, was im Gehirn bei Schwerelosigkeit passiert", hatte Projektleiter Stefan Schneider vor dem Start erklärt. Der durchtrainierte Sport-Akademiker hat einst bei dem Theologen Meyer-Blanck promoviert - es ging um die Verbindung von Laufen und Beten. Nun nutzt er seinen akademischen Lehrer als Versuchskaninchen - schweben und schweben lassen.
- 1. Teil: Völlig schwerelos schwebt der Schädel
- 2. Teil: Blut staut sich im Hirn
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