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21. Juni 2004, 16:57 Uhr

Historischer Flug

Erstes Privat-Raumschiff erreicht das All

Erstmals in der Geschichte der Raumfahrt ist ein privat finanziertes und entwickeltes Gefährt in den Weltraum vorgestoßen. "Space Ship One" erreichte nach einem 80-sekündigen Raketenschub eine Höhe von 100 Kilometern.



"Space Ship One" (oben) kurz vor der Trennung vom Trägerflugzeug "White Knight": Historischer Weltraumflug
REUTERS

"Space Ship One" (oben) kurz vor der Trennung vom Trägerflugzeug "White Knight": Historischer Weltraumflug

Vor den Augen tausender Schaulustiger ist das erste private Raumschiff am Montag an die Grenze zum All gestartet: "Space Ship One" hob an Bord eines Trägerflugzeuges um 15.45 Uhr deutscher Zeit in der kalifornischen Mojave-Wüste zu einem Flug in 100 Kilometern Höhe ab.

Das Trägerflugzeug "White Knight" brachte "Space Ship One" vom Flughafen Mojave aus zunächst auf eine Höhe von 15.000 Metern. Anschließend wurde der dreisitzige Raumgleiter ausgeklinkt und von Pilot Mike Melvill mit Hilfe eigener Antriebsraketen innerhalb von 80 Sekunden in 100 Kilometer Höhe gesteuert. Wenig später landete der Gleiter wieder sicher auf dem 160 Kilometer von Los Angeles entfernten Wüstenflughafen.

Burt Rutan und seine Firma Scaled Composites entwickelten "Space Ship One" innerhalb weniger Jahre für rund 20 Millionen US-Dollar. Finanzielle Unterstützung kam dabei von Microsoft-Mitbegründer und Milliardär Paul Allen. Ihr Ziel ist es, den mit zehn Millionen Dollar dotierten "X-Prize" zu gewinnen. Das Geld erhält, wer es als erster privater Unternehmer schafft, ein Raumschiff zu bauen, das innerhalb von zwei Wochen zwei Mal die Grenze zum Weltraum erreicht.

Der X-Prize ist trotz des Geldes weitgehend ideeller Art, denn es ist davon auszugehen, dass die zehn Millionen Dollar nur einen Bruchteil der tatsächlichen Kosten ausmachen. Dahinter steht aber die weit größere Perspektive des Geschäfts mit privaten Weltraumreisen.

"Space Ship One" am Trägerflugzeug "White Knight" kurz nach dem Start zum ersten Raumflug: Platz für drei Insassen
AP

"Space Ship One" am Trägerflugzeug "White Knight" kurz nach dem Start zum ersten Raumflug: Platz für drei Insassen

"Ohne den Unternehmergeist würde der Weltraum außerhalb der Reichweite normaler Menschen bleiben", sagte Rutan zu Beginn des Monats. "'Space Ship One' ändert all das, und es wird auch andere ermutigen, in das neue Zeitalter günstiger Weltraumreisen einzusteigen." Weltweit arbeiten inzwischen schon mehr als 20 Teams an diesem Ziel.

Rutan ist in der Entwickler- und Erfinderszene kein Unbekannter. 1986 flog sein "Voyager"-Flugzeug als erstes nonstop ohne aufzutanken um die Erde. Er baute unter anderem auch das populäre Leichtflugzeug VariEze, ferngesteuerte Geräte für die Forschung und den militärischen Einsatz und eine Rettungskapsel für die Besatzung der Internationalen Raumstation ISS.

"Burt Rutan kann es mit 'Space Ship One' schaffen", sagt Eckart Graf, Mitglied im Direktorat Human Space Flight der Europäischen Weltraumagentur Esa. Graf hofft, dass ein solches Flugzeug den X-Prize gewinnt und nicht eine der einfacher konstruierten Raketen der 27 anderen Teams.

"Space Ship One" im Flug: Platz für drei Insassen
DPA

"Space Ship One" im Flug: Platz für drei Insassen

Flugzeugähnliche Maschinen hätten am ehesten die Chance auf einen kommerziellen Einsatz, meint der Experte. Sie könnten auf einer Piste landen und nicht wie eine Kapsel am Fallschirm irgendwo im Gelände. Falls es jemals einen richtigen Weltraumtourismus gebe, müsse es eine Lösung mit einer Rollbahn geben, so Graf.

Der 62-jährige Testpilot Mike Melvill hält die Rekorde für Höhe und Geschwindigkeit in mehreren Flugzeugklassen. Das Raketenflugzeug steuerte er im vergangenen Monat in eine Höhe von 64 Kilometern.

Die US-Weltraumbehörde verfolgt nach eigenen Angaben das Projekt mit Interesse. "Wir brauchen Leute mit innovativen Ideen wie Burt Rutan, die uns zum Mond und Mars bringen", sagte Nasa-Mitarbeiter Michael Lembeck.

John Antczak, AP

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