"Hubble"-Nachfolger: Superteleskop soll zum Urknall zurückblicken

Die Nasa hat den Nachfolger des "Hubble"-Weltraumteleskops vorgestellt: ein gigantisches Hightech-Fernrohr, das 1,5 Millionen Kilometer tief ins All geschossen wird und von dort zurück zum Beginn der Zeit blicken soll. Es ist ein Milliardenprojekt - mit bescheidener europäischer Beteiligung.

Es sieht ein bisschen aus wie ein Stapel Lenkdrachen, auf den man eine Satellitenschüssel montiert hat: Das "James Webb Space Telescope" (JWST), der offizielle Nachfolger des "Hubble Space Telescope", das die Welt seit vielen Jahren mit spektakulären Bildern aus dem All und Wissenschaftler mit sensationellen Forschungsdaten versorgt hat. "Hubble" sollte schon mehrmals ausgemustert werden, wurde im All repariert - und wird nach derzeitiger Planung sogar Ende 2008 noch einmal einen Wartungsbesuch bekommen, den letzten. Das JWST soll dann im Jahr 2013 ins All transportiert werden.

Nun wurde das JWST in Washington vorgestellt - statt des fertigen High-Tech-Teleskops wurde aber nur ein Modell in Originalgröße gezeigt. Die Nasa verspricht sich einiges von dem fliegenden Auge - das Pressematerial zum Teleskop klingt stellenweise regelrecht poetisch: "Das 'James Webb Teleskop' wird in der Lage sein, bis zum Anbeginn der Zeit zurückzublicken. Es wird die ersten Galaxien finden und durch staubige Wolken spähen, um Sternen dabei zuzusehen, wie sie Planetensysteme formen."

Etwas prosaischer als die Pressestelle der Nasa formulierte Edward Weiler, Direktor des Goddard Space Flight Center, die Vorteile von JWST gegenüber "Hubble": "Wir brauchen eindeutig ein viel größeres Teleskop, um weiter in der Zeit zurückzugehen, um die Geburt des Universums zu beobachten." "Hubble" konnte nur das Licht von Sternen auffangen, das später als etwa eine Milliarde nach dem Urknall ausgesandt worden war. Das JWST soll noch deutlich tiefer in die Vergangenheit des Universums schauen können.

Den Urknall selbst wird das Webb-Teleskop kaum sehen können - aber Strahlung aufnehmen, die wesentliche Informationen vom Beginn des Universums und seinen ersten Sternen sowie Galaxien liefert. Durch die Expansion des Weltalls wurde das Licht, das uns aus dieser frühen Zeit erreicht, ins Infrarote verschoben.

Ein Menschheits-Auge für 4,5 Milliarden Dollar

Weil "Webb" wie Web klingt, was auch Spinnwebe heißt, und weil Spider-Man derzeit an den Kinokassen wieder mal alle Rekorde bricht, wurde auch gleich eine Verbindung zwischen Superheld und Superteleskop konstruiert: "Es gibt mehr als nur eine Parallele zwischen dem Netz-werfenden Superhelden und dem 'James Webb Teleskop'", sagte John Decker vom Goddard Space Flight Center. Der Sonnenschild des Raumfahrzeuges sei schließlich "geformt wie ein riesiges Spinnennetz".

Um im Superhelden-Bild zu bleiben, hat die Nasa auch ein Fotoshooting organisiert - vor dem US-Kapitol kann man sich nun eine Woche lang mit dem originalgroßen Modell des "Webb"-Teleskops ablichten lassen.

Das echte Teleskop wird insgesamt 4,5 Milliarden Dollar kosten. Zusammengeklappt wie ein Regenschirm soll es in einer europäischen Ariane-V-Rakete ins All geschossen werden und sich dann 1,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernt auseinanderfalten - "Hubble" kreist in nur 575 Kilometern Höhe. Die Instrumente des neuen Teleskops werden zwar auch Bilder im sichtbaren Lichtspektrum machen können, vor allem aber soll das JWST im Infrarotbereich Daten sammeln. Die europäische Weltraumorganisation Esa hat für das Gemeinschaftsprojekt, an dem auch noch die kanadische Weltraumbehörde beteiligt ist, einen Infrarot-Spektrographen entwickelt und gebaut und liefert Komponenten ein weiteres Infrarot-Instrument.

Das Teleskop ist gewaltig: Der große Spiegel im Wabenmuster wird einen Durchmesser von 6,5 Metern haben, der Sonnenschild ist so groß wie ein Tennisplatz, 24 mal 12 Meter. Der Schild soll das Teleskop kühl halten, damit die Infrarotsensoren, die um den Waben-Spiegel herum angebracht sind, ungestört ins All blicken können.

Benannt wurde das Teleskop nach James E. Webb, der die Nasa von 1961 bis 1968 leitete. In die Ära Webb fällt damit das politisch-patriotische "Apollo"-Mondprogramm, der Weltraum-Manager gilt aber auch als großer Förderer stärker wissenschaftlich orientierter - nämlich unbemannter - Raumforschungsprojekte.

cis

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