"Humanity Star" Neuseelands erster Satellit ist eine Discokugel

Braucht die Menschheit einen spiegelnden Ball im Weltraum? Ja, sagt der Neuseeländer Peter Beck - um über unseren Platz im Universum nachzudenken.

Peter Beck, Chef von Rocket Lab, mit dem "Humanity Star"
AP / Rocket Lab

Peter Beck, Chef von Rocket Lab, mit dem "Humanity Star"

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In Sachen Coolness kann die Welt dieser Tage so einiges von Neuseeland lernen. Da ist zum Beispiel die Premierministerin. Jacinda Ardern ist mit 37 nicht nur die jüngste Regierungschefin der ganzen Welt. Am vergangenen Freitag trat sie außerdem noch mit ihrem Lebensgefährten, dem TV-Moderator Clarke Gayford, vor die Presse - um ihre Schwangerschaft zu verkünden.

Damit wäre Ardern die zweite Regierungschefin überhaupt, die im Amt ein Kind bekommt. Sechs Wochen Mutterschaftsurlaub nach der für Juni erwarteten Geburt, dann soll's wieder ins Büro gehen. "Ich bin nicht die erste Frau, die arbeitet und ein Baby hat", so die selbstbewusste Ansage der Labour-Politikerin.

Zwei Tage später kam dann der große Auftritt für Peter Beck. Der Luftfahrtingenieur ist Chef der Firma Rocket Lab und betreibt in dieser Funktion einen Weltraumbahnhof auf der Mahia-Halbinsel an der Ostküste der Nordinsel. Einen - nicht komplett erfolgreichen - Startversuch hat es bereits gegeben. Nun aber hat eine Rakete mit dem Namen "Still Testing" von dort aus den ersten Satelliten Neuseelands ins All gebracht.

Er heißt "Humanity Star". Und ist eine Discokugel.

Im Ernst.

In einem Orbit zwischen 293 und 521 Kilometern Höhe kreist der Silberball um die Erde.

"Heute ist der Beginn einer neuen Ära beim kommerziellen Zugang ins Weltall", jubelte Beck nach dem Start. Denn innerhalb von genau acht Minuten und 31 Sekunden hatte seine 17 Meter lange Rakete ihre Fracht ins All gebracht: den kleinen "Dove Pioneer"-Erdbeobachtungssatelliten für das Unternehmen Planet, zwei "Lemur-2"-Satelliten der Firma Spire zur Wetter- und Schiffsbeobachtung.

Und, wie Rocket Lab erst etwas später bekannt gab, noch den "Humanity Star". Im Satellitenkatalog ist er unter der Inventarnummer 43168 verzeichnet.

Der Satellit hat die Form einer sogenannten geodätischen Kugel. 65 Dreiecke bilden die Seitenflächen. Die Konstruktion besteht aus beschichtetem Kohlefasermaterial - und dreht sich schnell. Die reflektierenden Außenflächen sollen das Sonnenlicht möglichst effektiv zur Erde werfen.

Das Ergebnis: ein neuer, heller, blinkender Punkt am Nachthimmel.

Einen praktischen Sinn hat das nicht - aber laut Beck einen spirituellen. Er wolle die Menschen damit zum Nachdenken bringen, so der Firmengründer. Über ihren Platz im Universum und darüber, was in ihrem Leben im Speziellen und für die Menschheit im Allgemeinen wichtig sei. "Egal, wo Sie auf der Welt sind oder was in Ihrem Leben passiert, jeder wird den 'Humanity Star' am Nachthimmel sehen können", sagt Beck.

Weitere Skulptur im All geplant

Der Neuseeländer ist nicht der erste, der so eine Idee hatte. Der japanische Satellit "EGP" ist seit 1986 im All und macht eigentlich auch nichts weiter als funkeln, in knapp 1500 Kilometern Höhe. Um ihn zu sehen, brauchen Beobachter jedoch normalerweise zumindest ein Fernglas.

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Und der US-Künstler Trevor Paglen will mit dem "Orbital Reflector" eine Art glänzender Skulptur ins All schicken. Das Nevada Museum of Art unterstützt das Kunstwerk. Es soll, verpackt in einem schuhkartongroßen Satelliten, als sekundäre Nutzlast auf einer SpaceX-Rakete ins All fliegen - und dort zu voller Größe aufgefaltet zu werden.

Soll, wie gesagt. Doch der "Humanity Star" ist schon da. Er dürfte etwa neun Monate im Orbit bleiben. Dann werden ihn feinste Reste der Atmosphäre so stark abgebremst haben, dass er schließlich zurück zur Erde stürzt und verglüht. Neuer Weltraumschrott sollte also nicht entstehen.

Bis zu 50 Starts pro Jahr geplant

Auch wenn die Sache mit der Discokugel vielleicht wie ein Witz scheint: Rocket Lab meint es sehr ernst - und will in Zukunft gutes Geld verdienen. Unterstützt wird die Firma von den Wagniskapitalgebern Khosla Ventures sowie vom Technologie- und Rüstungskonzern Lockheed Martin. Sie hoffen, in Zukunft Geschäfte mit kommerziellen Satellitenstarts machen zu können.

Dabei geht es - im Gegensatz zu bekannteren Privatraumfahrern wie SpaceX oder Blue Origin - um vergleichsweise kleine Raketen für vergleichsweise kleine Satelliten. Und um einen vergleichsweise kleinen Startpreis für die Kunden.

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Der offizielle Hauptsitz der Firma liegt im US-Bundesstaat Kalifornien. Doch die zum Teil im 3D-Drucker gefertigten Raketen heben in Becks dünn besiedelter Heimat am Ende der Welt ab. Und das birgt den Vorteil, dass Starts in ungekannter Häufigkeit möglich sind: Rocket Lab peilt eine Marke von 50 pro Jahr an, die Genehmigung der Behörden erlaubt nach Angaben der Firma sogar 120.

Dabei können jeweils Nutzlasten von etwa 220 Kilogramm ins All befördert werden. Für große Weltraumteleskope oder ähnliches reicht das nicht, für ganze Flotten billiger, kleiner Erdbeobachtungssatelliten ist es dagegen ideal. Rocket Lab ist mit seinem Geschäftsmodell nicht allein. So hat sich auch das Unternehmen Virgin Orbit ähnliches vorgenommen. Doch denen fehlt bisher noch ein Start.

Und vielleicht auch eine öffentlichkeitswirksame Discokugel.

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