"Huygens"-Mission Esa-Rohbilder verzücken Titan-Fans

Die Begeisterung über die Bilder vom Saturnmond Titan haben die Esa zu einem scharfen Kurswechsel bewegt: Erstmals hat die europäische Raumfahrtagentur Rohbilder einer ihrer Missionen im Internet veröffentlicht. Weltraum-Enthusiasten errechneten daraus spektakuläre Ansichten der Titan-Oberfläche.

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Titan in 3D: Mike Zawistowski hat diese Simulation mit einer Software zum Umrechnen von zwei- in dreidimensionale Bilder erstellt

Titan in 3D: Mike Zawistowski hat diese Simulation mit einer Software zum Umrechnen von zwei- in dreidimensionale Bilder erstellt

Der Januar 2004 dürfte manchen europäischen Wissenschaftlern noch in böser Erinnerung sein. Die Esa-Landesonde "Beagle 2", zuvor mit großem Tamtam ins Zentrum des öffentlichen Interesses geschoben, war auf dem Mars zerschellt. Das "Beagle"-Mutterschiff "Mars Express" hatte unterdessen sensationelle Bilder vom Roten Planeten geschossen - die aber tagelang in den Schubladen der Wissenschaftler steckten, während die Amerikaner zur gleichen Zeit mit ihren Mars-Rovern "Spirit" und "Opportunity" einen überwältigenden PR-Erfolg feierten.

Schon bei der "Pathfinder"-Mission hatte die Nasa eine Kultur der Offenheit geprägt, indem sie die Bilder des Mars-Rovers ohne Umwege ins Internet stellte. Laien durften staunen, Experten in aller Welt debattieren. Die Europäer nähern sich nun offenbar den Kollegen von der Nasa an. Mit den Bildern der "Huygens"-Sonde präsentiert die europäische Raumfahrtagentur erstmals Rohdaten einer ihrer Missionen im Internet - ohne Schranken und wochenlange Analyse durch Wissenschaftler verschiedener Fachbereiche und Mitgliedsländer.

Zusammengesetzte Esa-Rohbilder: Die dunklen Bereiche könnten bisherigen Vermutungen zufolge einst von flüssigem Methan überschwemmt gewesen sein

Titan im XXL-Format.
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Offen bleibt freilich, ob der Wandel gänzlich aus freien Stücken erfolgte. Denn am Wochenende hatte bereits das Lunar and Planetary Laboratory der University of Arizona die "Huygens"-Bilder auf eine öffentlich zugängliche Internetseite gestellt - versehentlich und nur kurzzeitig, wie es hieß. Erst am Montag zog die Esa nach und stellte die Bilder ihrerseits ins Netz.

"Das war von vornherein geplant", betonte Esa-Sprecherin Jocelyne Landeau-Constantin gegenüber SPIEGEL ONLINE. Die versehentliche Veröffentlichung der Fotos durch die Amerikaner habe den Prozess "lediglich um einige Stunden" beschleunigt. Der wiederum sei auch ein Ergebnis der Erfahrungen mit der Mars-Mission gewesen. "Weil die Kritik damals so heftig war, wurde die Problematik schneller angesprochen", sagte Landeau-Constantin.

Hilfreich sei auch gewesen, dass sich diesmal die beteiligten Wissenschaftler im Esa-Kontrollzentrum in Darmstadt befunden hätten und nicht - wie vor einem Jahr bei der Mars-Mission - in ihren heimischen Instituten. Denn im Gegensatz zur Nasa, betont Landeau-Constantin, bezahle die Esa die Experimente an Bord ihrer Raumschiffe meist nicht. Die Geldmittel kommen in der Regel von den Forschungseinrichtungen der Mitgliedstaaten - was den Zugriff auf Daten und Bilder in vielen Fällen nicht eben erleichtere.

Raumfahrt-Fans arbeiteten über Nacht

Dennoch habe es bei der Esa zuvor Diskussionen gegeben, ob eine schnelle Veröffentlichung der "Huygens"-Rohbilder der richtige Weg sei. "Die Kultur der Wissenschaft ist in den USA und Europa eben unterschiedlich", sagte die Esa-Sprecherin. "Aber Laien dürften sich für die Rohbilder ohnehin kaum interessieren."

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Landung auf Titan: Huygens auf dem Saturnmond

Das dürfte ein Trugschluss sein. Selbst die schnelle Reaktion der Esa auf das Versehen der US-Kollegen war für manche Raumfahrt-Enthusiasten noch zu langsam. In Windeseile verbreiteten sich die Bilder um den Globus und inspirierten Amateur-Astronomen, Profi-Grafiker und Fotokünstler zu Arbeiten mit teils erstaunlichen Ergebnissen. Anthony Liekens etwa brüstet sich in seinem Blog, dass er sich mit einigen Mitstreitern eine Nacht um die Ohren geschlagen und noch vor Nasa und Esa die ersten Mosaikbilder von der Titan-Oberfläche veröffentlicht habe.

Sendekanal bei "Cassini" abgeschaltet

Die Bilder auf Liekens Internetseite stammen von der Esa und einer ganzen Reihe von Raumfahrt-Fans, die mit teilweise enormem Aufwand die Rohbilder der Esa umgewandelt haben. Ob das Resultat in allen Fällen einer wissenschaftlichen Prüfung standhält, sei dahingestellt - faszinierend sind die Bilder und Grafiken, unter ihnen dreidimensionale Ansichten von der Titan-Oberfläche, allemal.

Mosaikbild der Titan-Oberfläche: Aussicht aus acht bis 13 Kilometern Höhe
ESA/ NASA/ JPL/ University of Arizona

Mosaikbild der Titan-Oberfläche: Aussicht aus acht bis 13 Kilometern Höhe

Nur eine Panne bei der "Huygens"-Mission hat verhindert, dass die doppelte Menge an Fotos zur Verfügung stand. Durch den Ausfall eines der beiden Sendekanäle an Bord der Raumsonde ging rund die Hälfte der Daten auf Nimmerwiedersehen verloren. Der Grund war offenbar kein technischer Fehler, sondern menschliches Versagen.

Der Kanal an der US-Raumsonde "Cassini", über den die Informationen von "Huygens" zur Erde gesendet werden sollten, sei nicht eingeschaltet worden, sagte Esa-Wissenschaftler Michael Bird. Der Forscher vom Radioastronomischen Institut der Universität Bonn sprach von einer "großen Enttäuschung". Rund 350 Bilder, also fast die Hälfte der gesamten Daten, seien verloren gegangen und könnten "nie wieder hergestellt werden".

Wie die Rohversionen der übrigen Bilder in der Gemeinde der Weltraum-Fans und Wissenschaftler aufgenommen werden, will die Esa nun genau beobachten. Sollte die Aktion als Erfolg beurteilt werden, könne ähnliches auch bei künftigen Missionen der Esa geschehen. "Wenn es technisch machbar ist", sagte Jocelyn Landeau-Constantin, "werden wir so weitermachen."



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