Triebwerke ausgefallen Der traurige Vorbeiflug der "Ice"-Sonde

Der Versuch, die alte Raumsonde "Ice" unter Kontrolle zu bringen, ist gescheitert - die Triebwerke spielten nicht mit. Jetzt fliegt der Oldtimer an der Erde vorbei. Amateur-Astronomen hoffen, so viele Daten wie möglich zu empfangen.

Raumsonde "Ice" (Illustration): Tanks offenbar leer
Mark Maxwell/ ISEE-3 Reboot Project

Raumsonde "Ice" (Illustration): Tanks offenbar leer


Die Hoffnungen waren groß, und ebenso groß ist nun die Enttäuschung: Der Versuch, die Raumsonde "Isee-3/Ice" wieder einzufangen, ist misslungen. Am 8. Juli zündeten Mitarbeiter des "Isee-3-Reboot"-Projekts die Triebwerke des Raumfahrzeugs - doch die versagten. Vermutlich ist der Sonde der Stickstoff ausgegangen, der für Druck im Treibstoffsystem sorgen soll. Nun wird der Raumfahrt-Oldie am Sonntag ungebremst und steuerlos an Mond und Erde vorbeiziehen und wieder in den Tiefen des Alls verschwinden.

Dem Plan zufolge sollte die Sonde in rund 50 Kilometer Abstand am Mond vorbeischrammen, dessen Anziehungskraft sie in eine Umlaufbahn um die Erde schleudern sollte. Von dort aus hätte man sie auf eine neue Mission schicken können. Das wird nun nicht mehr geschehen.

"Wir sind natürlich sehr, sehr enttäuscht", sagte der Ingenieur und Unternehmer Dennis Wingo, eines der führenden Mitglieder des Reboot-Projekts, der "New York Times". Dennoch versuchen die Raumfahrt-Enthusiasten, das Beste aus der Situation zu machen. Denn die meisten der 13 wissenschaftlichen Instrumente von "Ice" funktionieren noch - 36 Jahre nach dem Start der Sonde. Sie sollen nun so lange wie möglich Daten zur Erde funken, die dann direkt der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden.

Weltraumforschung von Freiwilligen

Die Beteiligten am Reboot-Projekt wollen auf diese Weise zeigen, dass per Crowdfunding finanzierte "Bürgerwissenschaft" funktionieren kann - auch ohne die Beteiligung großer Organisationen wie der Nasa. Die wiederum soll auf diese Weise erfahren, wie die Expertise von Experten außerhalb der Behörde genutzt werden kann. Hilfe kommt dabei von Google, der das Projekt beim Aufbau der "Spacecraftforall.com" unterstützt hat. Hier lässt sich unter anderem die aktuelle Position der Sonde einsehen.

Auch einige der Wissenschaftler der ursprünglichen "Isee-3"-Mission nehmen am Reboot-Projekt teil. Einer von ihnen ist Michael Coplan, der an der University of Maryland am Bau eines der "Isee-3"-Instrumente beteiligt war. Die letzten Daten der Sonde hat er laut "New York Times" Ende der Achtzigerjahre erhalten. Erst in diesem Jahr habe er, um Platz in seinem Labor zu schaffen, seine alten "Isee-3"-Notizbücher weggeworfen. Kurz darauf habe er vom Reboot-Projekt erfahren - und seine Notizen glücklicherweise noch im Mülleimer gefunden.

1978 wurde "Isee-3" (kurz für "International Sun-Earth Explorer") ins All geschossen und umkreiste als erstes Raumfahrtzeug überhaupt den sogenannten Lagrange-Punkt 1, an dem sich die Anziehungskräfte von Erde und Sonne die Waage halten. Die Sonde konnte so ohne Treibstoff zu verbrauchen die Wirkung der Sonne auf das Erdmagnetfeld erforschen. Als der Halleysche Komet sich 1986 der Erde näherte, wurde die Sonde auf seine Fährte geschickt und in "International Cometary Explorer" ("Ice") umbenannt. 1997 wurde sie abgeschaltet - und geriet in Vergessenheit.

Noch vier Monate Datenempfang

2008 aber fiel auf, dass "Ice" noch immer in Betrieb ist und Daten zur Erde funkt. Zudem flog sie wieder Richtung Erde. Denn als "Ice"-Flugdirektor Robert Farquhar 1987 zum letzten Mal die Triebwerke der Sonde aktivierte, schickte er sie bewusst auf einen Kurs, der sie am 10. August 2014 an ihrem Heimatplaneten vorbeiführen würde. Als im März an der Sternwarte Bochum Signale von "Ice" empfangen wurden, wuchsen die Hoffnungen abermals.

Zwar verfügt die Nasa nicht mehr über die Gerätschaften, um den Oldie wieder unter Kontrolle zu bekommen - doch das wollten die Amateurfunker schaffen. Am 2. Juli sah auch noch alles gut aus: Die Triebwerke funktionierten bei einer ersten Zündung einwandfrei. Bei der zweiten am 8. Juli aber quittierten sie den Dienst.

Das Reboot-Team, das sein Hauptquartier in einer verlassenen McDonald's-Filiale auf einem alten Marine-Flugplatz bei San José in Kalifornien bezogen hat, kann laut Wingo vermutlich noch etwa vier Monate lang wissenschaftliche Daten von "Ice" empfangen. Mittelgroße Radioteleskope seien danach in der Lage, der Sonde für weitere ein bis zwei Jahre zu lauschen, ehe sie zu weit entfernt ist. In 17 Jahren wird es wieder spannend: Dann wird sich "Ice" erneut der Erde nähern.

mbe

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
manontherocks 09.08.2014
1. Coole Sache.
Zitat von sysopMark Maxwell/ ISEE-3 Reboot ProjectDer Versuch, die alte Raumsonde "Ice" unter Kontrolle zu bringen, ist gescheitert - die Triebwerke spielten nicht mit. Jetzt fliegt der Oldtimer an der Erde vorbei. Amateur-Astronomen hoffen, so viele Daten wie möglich zu empfangen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/ice-isee-3-raumsonde-laesst-sich-nicht-einfangen-a-985293.html
Ich finde es toll, dass die Amateure (nicht abqualifizierend gemeint!) mit Elan und Ehrgeiz und Unnachgiebigkeit drangeblieben sind, die Sonde wieder unter Kontrolle zu bringen, und dass ihnen die NASA oder andere keinen administrativen Strich durch die Rechnung gemacht haben. Dass es am Ende nicht gereicht hat, gehört zur Dramaturgie der Geschichte. Alleine, dass sich Leute gefunden (Moffet Field?) haben, die es ausprobiert haben, ist ein richtiger Erfolg für die Wissenschaften per se. Hoffentlich gibt es in 17 Jahren Senioren und Junioren, die die Messkampagne fortsetzen.
JaguarCat 09.08.2014
2. Schade
Schade, dass es nicht geklappt hat. Aber gut, dass die NASA es zugelassen hat. Und gut, dass sich Freiwillige fanden, mit der Sonde zu experimentieren. So sollte Wissenschaft sein - öffentlich! Jag
rigel420 09.08.2014
3. Es ist schon sehr merkwürdig
wie Wissen verschwindet. Als Ice wieder auftauchte waren nicht einmal die Protokolle der Kommunikation klar. Sicher ENQ/ACK sind sicher jedem in der Branche bekannt. Aber dann? Wollte man heute eine Saturn 5 nachbauen, keine Chance. Keine Unterlagen mehr vorhanden.
SNA 09.08.2014
4. Großartiges Projekt
Vielleicht sollten wir eine Sonde starten, die alle siebzehn Jahre mal nach dem Rechtrn sieht und ggf. Außeridrische vor der Gewalt auf diesem Planeten warnt: Crime Scene, do not enter!
chopperreidhere 09.08.2014
5. Cool
dass nach 36 Jahren überhaupt noch was funktioniert. Thumbs up!
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