Interview mit Harald Lesch Zahl Pi im Alien-Funkspruch

Wie könnte ein Signal von Außerirdischen aussehen, sollte es uns je erreichen? Der Astrophysiker Harald Lesch glaubt, dass es am ehesten mathematische Codes enthalten wird. Angst vor Aliens hat er keine.


Frage: Sollten wir jemals eine extraterrestrische Radiobotschaft empfangen, wie sähe diese Ihrer Meinung nach aus?

Harald Lesch: Es könnte sein, dass wir Kommunikationsfetzen empfangen, die schmalbandig und gerichtet sind und sich dadurch von den natürlichen Strahlungsquellen am Himmel unterscheiden. Ihre Intensität muss außerdem so hoch sein, dass wir sie überhaupt wahrnehmen können.

In den 1970er Jahren gab es das Wow!-Signal, eine unglaublich intensive Signalspitze, die ein einziges Mal zu sehen war und dann nie wieder. Scherzhaft gesagt: Da könnte jemand mal so richtig in die Röhre gepustet haben: "Hey, wir sind hier!" Damit wir aber klar erkennen können, dass es sich um außerirdische Intelligenz und nicht um einen Neutronenstern oder eine sonstige natürliche Quelle handelt, muss das Signal über eine längere Dauer bei uns ankommen.

Frage: Was könnte eine solche Botschaft enthalten?

Lesch: Zum Beispiel mathematische Informationen. Es wäre toll, wenn wir etwa 15 Nachkommastellen von Pi empfangen würden, die Eulersche Zahl 2,718281 oder die Gleichung a2 + b2 = c2, was sich einfach kodieren lässt. Also ganz elementare Mathematik. Das Ganze würde wohl in digitaler Form geliefert, denn so lässt sich die Radioleistung stark reduzieren. Ein digitaler Sender ist einfach günstiger. Das ist das, was ich erwarte, hoffe aber auf etwas anderes.

Frage: Auf was hoffen Sie?

Lesch: Wenn es gelingt, eine reflektierte Nachricht wieder zu dekodieren, wie es in dem Buch "Contact" von Carl Sagan vorkommt, fände ich das genial. Es muss ja nicht unbedingt die Eröffnung der Olympiade von 1936 sein, aber zum Beispiel die Hochzeit der Queen. Selbst wenn es nur zehn Sekunden sind, reicht das völlig aus, um klar zu machen, dass intelligentes Leben dahintersteckt.

Frage: Aber ist es nicht naiv, im Radiowellenbereich auf Botschaften zu lauschen, nur weil wir die entsprechende Technik beherrschen?

Lesch: Elektromagnetische Wellen sind das ideale Medium zur Informationsübertragung und das schnellste, das es im Universum dafür gibt. Natürlich lassen sich viel mehr Informationen übertragen, wenn man sichtbares Licht – das ja auch zum elektromagnetischen Spektrum gehört – moduliert.

Licht wird aber vom interstellaren Staub geschluckt, außerdem kostet es sehr viel Energie, einen hinreichend intensiven Laser zu erzeugen. Geladene Teilchen – um ein anderes mögliches Übertragungsmedium zu nennen – haben ebenfalls große Nachteile: Sie werden durch das galaktische Magnetfeld abgelenkt. Mit ihnen Informationen zu senden, wäre viel zu aufwändig und wenig zielgenau. Radiowellen sind nun mal das Billigste und Einfachste.

Die Frage ist allerdings, in welchem Frequenzband wir suchen sollen. Die 21-Zentimeter-Welle, die von neutralem Wasserstoff – dem häufigsten Element im Universum – emittiert wird, gibt einen ausgezeichneten Kandidaten ab. Jede technisierte Zivilisation muss sie kennen. Um es bildlich auszudrücken: Im interstellaren Raum treffen sich alle beim Wasserstoff, so wie am Wasser einer Oase in der Wüste. Auch das Seti-Institut in Kalifornien sucht immer in der Nähe der 21-Zentimeter-Linie.

Frage: Können wir eine Botschaft überhaupt entschlüsseln und verstehen oder ist das eher eine Frage der Rechnerleistung?

Lesch: Zunächst muss sie sich klar vom interstellaren Rauschen und von allen anderen Strahlungsquellen unterscheiden. Wenn es sich lohnt, daran zu arbeiten, werden sich genügend clevere Leute Gedanken darüber machen, wie die Botschaft entschlüsselt werden kann und ein entsprechendes Verfahren finden, davon bin ich überzeugt. Sollten extraterrestrische Lebewesen tatsächlich darüber nachdenken, wie sie mit anderen Zivilisationen kommunizieren können, dann fragen sie sich auch, was wir in diesem Universum gemeinsam haben.

Sie werden zum Beispiel annehmen, dass wir wissen, welches das häufigste Element im Universum ist oder dass ein Kreis etwas mit der Zahl Pi zu tun hat. Sie werden genau wie wir gewisse Zahlen kennen, die von wichtiger Bedeutung für das Verständnis des Universums sind. Ich halte eine Kommunikation nur auf dieser Ebene für möglich. Um die Mathematik kommt man dabei überhaupt nicht herum. Und mit modernen großen Parallelrechner-Arrays hat man eine vernünftige Chance, diese Informationen zu finden.



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