Interview zu Alien-Botschaften "Wir möchten mitteilen, dass wir friedliche Absichten haben"

Welche Signale verstehen Außerirdische? Künstler und Forscher beraten, wie die interstellare Visitenkarte der Erdlinge aussehen könnte. SPIEGEL ONLINE sprach mit Douglas Vakoch vom kalifornischen Seti-Institut über DNS-Musik, Zeichensprache und Friedensbotschaften in Zeiten des Krieges.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Vakoch, Sie arbeiten als einziger Sozialwissenschaftler am kalifornischen Seti-Institut ("Search for Extraterrestrial Intelligence"). Während Ihre Kollegen den Himmel nach Zeichen fremder Lebensformen durchforsten, beschäftigen Sie sich bereits mit einer möglichen Antwort, zuletzt auf dem am Montag zu Ende gegangenen Workshop "Encoding Altruism" mit Künstlern und Forschern in Paris. Sind Überlegungen, wie eine interstellare Botschaft der Menschheit aussehen könnte, nicht einfach nur eine andere Art der Suche nach außerirdischer Intelligenz?

DNS-Gemälde "Denatured" von Jonathan Feldschuh: "Wir existieren"
Jonathan Feldschuh

DNS-Gemälde "Denatured" von Jonathan Feldschuh: "Wir existieren"

Vakoch: Zum Teil sind sie das: Je genauer wir darüber nachdenken, was wir mitteilen wollen, desto besser wissen wir, wonach wir suchen müssen. Es geht aber auch um die Frage, ob und wie wir auf ein Signal reagieren sollten. Das lässt sich allgemein nur schwer beantworten. Wenn wir dagegen über eine ganze Reihe möglicher Botschaften nachdenken, sind wir besser dazu in der Lage. Unser Ziel ist es, uns mit einigen Problemen schon zu beschäftigen, bevor ein Signal nachgewiesen wird, um besser darauf vorbereitet zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Die erste Nachricht müsste wahrscheinlich heißen: "Wir existieren."

Vakoch: Das ist richtig. Zuerst geht es darum, deutlich zu machen, dass es sich bei unserer Botschaft nicht um ein natürliches, sondern ein künstliches Signal handelt und dass wir kommunizieren wollen.

SPIEGEL ONLINE: Die zweite Botschaft könnte vielleicht lauten: "Wir sind freundlich." War das auch die Idee hinter dem Thema Ihres Workshops, bei dem es um die Kodierung von Altruismus ging?

Vakoch: Es war eine der Ideen. Wir möchten mitteilen, dass wir friedliche Absichten haben und etwas über andere Zivilisationen erfahren möchten. Natürlich könnten wir auch über andere wichtige menschliche Wertvorstellungen sprechen. Altruismus ist aber ein sehr nützlicher Ausgangspunkt, weil er an einige der höchsten menschlichen Ideale anknüpft.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht schwierig, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen, während anderswo auf der Erde Krieg geführt wird?

Vakoch: Tatsächlich wäre es eine glatte Irreführung, wenn wir die Botschaft senden wollten: "Wir sind eine friedfertige Spezies. Wir sind altruistisch." Der einzige Weg, mit gutem Gewissen über Altruismus zu sprechen, ist, ihn als eins unserer Ideale darzustellen und zu erklären, inwieweit wir hinter diesem Ideal zurückbleiben.

Arecibo-Radioteleskop in Puerto Rico: Wie könnte außerirdische Sprache aussehen?

Arecibo-Radioteleskop in Puerto Rico: Wie könnte außerirdische Sprache aussehen?

SPIEGEL ONLINE: Einige der Workshop-Teilnehmer versuchen, die Struktur des menschlichen Erbguts in Musik umzusetzen. Wie geht das?

Vakoch: Alexander Mihalic aus Bourges in Frankreich hat die Struktur der DNS als Grundlage für musikalische Kompositionen genutzt. Er hofft, so etwas über die Grundlagen unseres genetischen Materials mitteilen zu können. Altruismus könnte, in Gestalt der Aufopferung für nahe Angehörige, eine biologische Basis haben: Hilfe für Verwandte mit ähnlichen Genen kann der Arterhaltung dienen, auch wenn sie für das Individuum selbst schädlich ist. Musik könnte eine Möglichkeit sein, etwas über diese Grundlage des Altruismus mitzuteilen.

SPIEGEL ONLINE: Wie klingt das?

Vakoch: Entsprechend der Abfolge der verschiedenen Basen in der DNS-Sequenz hat die Musik einen besonderen Rhythmus, der zwar keinem bestimmten Schema folgt, aber einige Noten ständig wiederholt.

SPIEGEL ONLINE: Manche Menschen versuchen, mit Walen und Delfinen auf einer emotionalen Ebene zu kommunizieren, indem sie sich in deren Klänge einfühlen und mit eigener Musik antworten.

Vakoch: Das ist der Ansatz, den Diana Slattery vom Rensselaer Polytechnic Institute in Troy, New York, vorgeschlagen hat. Ihrer Ansicht nach legen wir manchmal zu viel Wert auf die Logik oder lexikalische Bedeutung von Worten. Sprache ist zum großen Teil emotionale Kommunikation, die wir durch Gesten oder den Klang unserer Stimme ausdrücken. Slattery schlägt interstellare Botschaften vor, die an die Zeichensprache anknüpfen und weniger unsere rationalen Gedanken als unsere Emotionen übermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Andere Workshop-Teilnehmer wollen Nachrichten mit Hilfe von Artificial Life konstruieren, also der Simulation von Lebensprozessen im Computer. Ist das ein Versuch, die Erdgebundenheit unserer Kommunikation zu überwinden?

Vakoch: Genau. Die Arbeit von Colin Johnson von der britischen University of Kent ist ein gutes Beispiel dafür. Obwohl wir viele verschiedene Sprachen haben, könnten sie alle einen gemeinsamen Ursprung haben. Das ist jedoch kein guter Ausgangspunkt, um zu verstehen, wie eine außerirdische Sprache aussehen könnte. Sein Vorschlag ist es, die Entwicklung vieler verschiedener Arten von Sprache mit Computermodellen zu simulieren. Quer durch die so erzeugten Sprachen will er Muster identifizieren, um so möglicherweise wirklich universelle Merkmale zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Hoffnung, selbst noch den ersten Kontakt mit außerirdischer Intelligenz zu erleben?

Vakoch: Ich hoffe es, aber ich weiß nicht, ob ich es erwarten darf. Der kritischste Faktor ist wahrscheinlich die Lebensdauer kommunikationsfähiger Zivilisationen. Auf der Erde besitzen wir seit etwa 60 Jahren die Technologie, die für eine interstellare Kommunikation erforderlich ist. Wie wissen nicht, ob diese Zeitspanne von anderen Zivilisationen wesentlich überboten wird. Wenn sie nicht weiter entwickelt sind, wäre es aber sehr unwahrscheinlich, dass wir zur gleichen Zeit existieren und Kontakt aufnehmen können. Wir haben daher keine vernünftige Grundlage, um die Wahrscheinlichkeit eines Kontakts abschätzen zu können.

Das Interview führte Hans-Arthur Marsiske.



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