Interview zu Nasa-Mobilen Marsoberfläche täuschte die Forscher

Die Nasa-Rover entdeckten auf dem Mars Spuren von Wasser - allerdings nicht dort, wo man es erwartet hatte. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem an der Mission beteiligten Mainzer Physiker Ralf Gellert über Marswasser, Vulkangestein und die robusten Marathon-Mobile.


Bohrungen: Löcher, die Opportunity im Gestein des Endurance-Kraters hinterlassen hat
NASA/ JPL/ Cornell

Bohrungen: Löcher, die Opportunity im Gestein des Endurance-Kraters hinterlassen hat

Auf dem Mars schwappten einst die Fluten eines Salzsees oder Ozeans - so lauteten schon im Frühjahr die Schlagzeilen zu den ersten Resultaten des Nasa-Rovers "Opportunity". Die Forscher waren ein bisschen von ihren eigenen Ergebnissen überrascht. Hatten doch Satellitenfotos vor allem an der Landestelle von "Spirit" Wasserspuren vermuten lassen.

Die Indizienbeweise lieferte vor allem die deutschen Messinstrumente an Bord des sechsrädrigen Mobils - darunter das Mainzer APXS-Instrument. Der Max-Planck-Physiker Ralf Gellert arbeitet momentan im APXs-Team in der kalifornischen Bodenkontrolle am Jet Propulsion Laboratory.

SPIEGEL ONLINE: In der aktuellen Ausgabe des Wissenschafts-Magazins "Science" beschreiben Sie mit Ihren Kollegen die Ergebnisse von Opportunitys Zwillingssonde "Spirit". Ist auch "Spirit" auf Spuren vergangenen Wassers gestoßen?

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Marsoberfläche: Bilder vom Roten Planeten

Ralf Gellert: Spirits Landeplatz liegt auf der anderen Seite des Roten Planeten, etwas südlich des Marsäquators im 160 Kilometer großen Gusev-Krater. Auf Fotos aus der Marsumlaufbahn erkennt man dort einen hunderte Kilometer langen Kanal, der die Kraterwand durchbricht. Geologen hatten das als Zufluss eines ehemaligen Sees interpretiert.

SPIEGEL ONLINE: Hat Spirit im Gusev-Krater also alte Sedimente gefunden und so die Hypothese vom ausgetrockneten Mars-See belegt?

Gellert: Noch nicht. Die Steine, die wir mit unserem Spektrometer in den ersten 90 Tagen untersucht haben, sind einfache Basalte vulkanischen Ursprungs. Wir wissen aber noch nicht was unter dem Sand liegt. Deshalb haben wir eine Hügelkette angesteuert, wo wir alte Gesteinsaufschlüsse erwarten.

SPIEGEL ONLINE: Wie läuft der Einsatz Ihres weit gereisten Instrumentes ab?

Gellert: Unser APXS befindet sich am Ende des Roboterarms des Fahrzeuges. Dieser wird nur während des Marstages bewegt. Nachts müsste er dazu mit Batteriestrom geheizt werden, doch jetzt im Winter ist die Solarenergie knapp. Der Arm dirigiert also tagsüber das APXS zu einem Felsen oder einer interessanten Bodenstelle. Dann warten wir auf die kalte Marsnacht, da unsere Messempfindlichkeit bei tiefen Temperaturen steigt. Gegen vier Uhr in der Früh, die Temperaturen sind dann bis auf minus 100 Grad Celsius gefallen, wecken wir die Rover...

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht herzlos? Sie kommandieren die emsigen Marsmobile doch schon während der hellen Tagesstunden ununterbrochen herum.

Gellert: Keine Sorge! Nach dem Einschalten des APXS kann weitergeschlafen werden. Dann läuft lediglich unsere Messung - alle anderen Bordsysteme sind wieder abgeschaltet. Rund vier bis fünf Stunden dauert es, bis wir ein Spektrum aufgenommen haben.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie in Ihren Spektren vom Gusev-Krater überhaupt keine Anzeichen auf früheres Wasser?

Gellert: Doch, wir haben an mehreren Stellen Spuren des Elementes Brom gefunden. Das Verhältnis von Brom zu Chlor ist bei irdischen Proben und auch bei den bekannten Marsmeteoriten immer etwa eins zu 270. Beide Elemente sind chemisch so ähnlich, dass eigentlich nur Wasser sie einst getrennt haben kann. Genau das haben wir zum Beispiel im Gusev-Felsen namens "Mazatzal" gefunden. Dort gibt es eine hohe Brom-Anreicherung.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Wasser war da am Werk?

Gellert: Viel weniger als an Opportunitys Landestelle. Das sind nicht die Spuren eines Gewässers, sondern eher die Überbleibsel von etwas Feuchtigkeit, die durch Risse ins Gestein gesickert ist.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile rollen die Rover schon lange jenseits ihrer 90-tägigen Garantiezeit - irgendwelche Schadensmeldungen?

Gellert: Trotz der enormen Beanspruchung während der bisher rund 200 Marstage, gibt es erstaunlicherweise nur kleinere Probleme. So lahmt etwa Spirits rechtes Vorderrad, deshalb werden die Columbia-Hügel im Rückwärtsgang erklommen. In dieser Hügelkette finden wir jetzt die interessanten Gesteinsaufschlüsse in kurzer Abfolge. Die kilometerlange Marathon-Anfahrt ins Hügelgebiet hat sich also gelohnt. Mitte September wird für etwa zehn Tage der Funkkontakt zu beiden Rovern abreißen, dann steht Mars von der Erde betrachtet genau hinter der Sonne. Danach wird die Nasa den Betrieb von Spirit und Opportunity wohl weiter finanzieren. Denn neben den weiteren Ergebnissen ist es auch für künftige Missionen wichtig, wie lange die technischen Systeme im harten Mars-Einsatz durchhalten.

Das Interview führte Thorsten Dambeck

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